U-Bahn-Wirklichkeit in der Parallelgesellschaft
Während die Bild-Zeitung mit "Verharmloserin" Zypries eine Mutprobenfahrt in der "gefährlichste U-Bahn Berlins" unternimmt, bekennt die britische Innenministerin, dass sie nachts auch die Straßen gut situierter Wohnviertel Londons meidet
Der brutale Überfall auf den pensionierten Schuldirektor in der Münchner U-Bahn hat eine wilde Debatte entzündet. Nicht nur darüber, ob nun die ausländischen Jugendlichen oder solche mit Migrationshintergrund, gefährlicher als alle anderen sind, sondern auch, ob das Fahren mit den öffentlichen Verkehrssystemen nicht einer Abenteuerreise in Feindesland gleicht, wo die rechtschaffenen Deutschen jederzeit damit rechnen müssen, von den Inländerfeinden angepöbelt und angegriffen zu werden. "Deutschland wird in der Münchner U-Bahn verteidigt", wie Peter Gauweiler heroisch meinte.
Kürzlich forderte Bild-Wagner die deutsche Justizministerin Zypries auf, in diesen gefährlichen Untergrund abzutauchen und abends um 11 Uhr mit der U-Bahn in Berlin zu fahren. Titel: BILD mit Justizministerin in Berlins gefährlichster U-Bahn. Zypries sei nämlich, so Wagner, eine "Verharmloserin".
Offenbar sind die Bild-Leute, die seit Wochen das Thema Angst und Gewalt immer wieder abhandeln, der Wirklichkeit wohl ebenso entfremdet, wie die Kochs, Gauweilers oder auch die Schirrmachers, die stets auf die schweigende Mehrheit als Referenz für ihre Thesen der allgemein um sich greifenden Angst vor der zunehmenden Gewalt greifen, aber sich durch manche sozialen Wirklichkeiten, auch wenn sie nur das öffentliche Verkehrssystem sind, schon lange nicht mehr bewegen.
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Allgemein darf man vermutlich davon ausgehen, dass diejenigen, die etwas nur aus Ferne durch Medienberichte oder Gerüchte kennen, am meisten Angst haben, weil sie keine wirkliche Erfahrung machen konnten und wollten. Die Ferne oder die Einschließung ins eigene Milieu erzeugt Monster. Es gibt ja nicht nur Parallelgesellschaften in manchen unterprivilegierten Stadtteilen, sondern auch unter den Reichen und Eliten, die sich abschotten und möglichst nur unter sich verkehren.
"Eine Menge Freunde sind nicht mal gewillt, U-Bahn zu fahren", meint Wagner. Er schreibt, als würde er nun in den Dschungel oder in die Geisterbahn gehen, die U-Bahn als exotischer Ort, in der die Fantasie blühen kann, als ein wildes Afrika:
Es ist 11 Uhr nachts. In meiner Kolumne hatte ich die Justizministerin Brigitte Zypries (54, SPD) aufgefordert, mit mir U-Bahn zu fahren, weil sie meiner Meinung nach eine Verharmloserin ist. Auge in Auge wollte ich mit ihr die Situation erleben.
Die Situation: Sie ist, wie es um die Zeit ist, zudem fahren alle möglichen Leute mit der U-Bahn, die man sonst höchstens mal aus dem Autofenster heraus sieht. Jetzt aber steht Wagner ihnen Auge in Auge und ungeschützt gegenüber (wobei aber ein Kamerateam dabei war, was dann doch wieder alles zur Simulation macht). Welch ein Risiko, in den Alltag Berlins einzutauchen, die alltägliche Wirklichkeit kennenzulernen – für einen Bild-Schreiber, der dem Volk doch so nahe sein will, ein erstaunliches Bekenntnis der Wirklichkeitsferne oder des Eingeigeltseins in eine Parallelgesellschaft. Aber dann die Enttäuschung:
Bei unserer U-Bahn-Fahrt geschah nichts. Wir wurden nicht verprügelt und nicht krankenhausreif geschlagen – aber ich war froh, dass wir aus der U-Bahn-Welt raus waren und der Himmel funkelte und ich atmen konnte. … Unter der Erde Berlins herrscht ein anderes Leben. Es ist nicht mein Leben.
Das glauben wir, immerhin fügt Wagner noch an:
Die Ministerin sagte: "Wann hat jemals Koch härtere Strafen gefordert, wenn Jugendliche in Ostdeutschland Ausländer niederknüppeln?"
Vielleicht haben wir das Ganze auch missverstanden und es war ein listiges Stück der Aufklärung über projizierte Ängste und die Begegnung mit einer verleugneten Wirklichkeit. Nicht uninteressant ist, dass nun die britische Times ein Gespräch mit der britischen Innenministerin Jacqui Smith über dasselbe Thema geführt hat und dabei auf eine ähnliche Weltfremdheit, auf ein ähnliches Cocooning in einer Parallelgesellschaft gestoßen ist. Smith schreibt zwar nicht wie die Bild darüber, ist aber verantwortlich für stets neue Sicherheitsmaßnahmen, die in Großbritannien unter der Labour-Regierung gediehen sind.
Während Zypries – mit oder ohne Leibwächter? – an den Händen der Bild-Zeitung in die dunklen Tiefen der Berliner U-Bahn getaucht ist, scheint Labour-Ministerin Smith doch sehr entrückt zu leben. Es wird nicht nur mit ihrem Status zu tun haben, wenn sie sagt, dass sie nachts nicht alleine in London zu Fuß gehen will. Zwar seien die Straßen natürlich sicherer nach den vielen Jahren der Labour-Regierung – ähnliches ließ Koch nun auch gerade verlauten -, aber gefragt, ob sie im Unterschichtsviertel Hackney alleine Abends gehen würde, räumte sie ein, dass sie noch gar nicht in die Verlegenheit gekommen ist, aber offenbar auch nicht den Wunsch verspürte, diese soziale Wirklichkeit kenenzulernen:
Well, no, but I don’t think I’d ever have done. You know, I would never have done that, at any point during my life.
Auf die Frage, warum sie das nicht gemacht habe, erklärte sie:
Well, I just don’t think that’s a thing that people do, is it, really?
Man begibt sich, wenn man aus besseren Verhältnissen stammt, nicht in Problemviertel. Das ist eine Welt, von der man nichts wissen will, die man buchstäblich verdrängt, selbst dann, wenn man politisch damit zu tun hat. Die Außenperspektive reicht dann schon, die man durch Zusammenfassungen von Berichten vermittelt bekommt. Grotesker ist dann freilich schon, wenn Smith auch kaum Kenntnis von wohlhabenden Stadtvierteln wie Kensington oder Chelsea:
Well, I wouldn’t walk around at midnight and I’m fortunate that I don’t have to do that.
Auch hier würde sich die Dame, die für die innere Sicherheit zuständig ist, nicht nachts bewegen wollen. Da draußen ist es einfach zu gefährlich. Aber vielleicht ist Smith ja auch nur ein häusliches Wesen, obwohl sich der Verdacht aufdrängt, dass sie nur zwischen in ihren Augen sicheren Orten springt, also räumlich und für die eigene Erfahrung ganze Teile der Wirklichkeit vermeidet, während sie sich lieber an Orten aufhält, zu denen der Pöbel sowieso keinen Zugang hat. Natürlich hat sie nun immer Leibwächter um sich herum, was auch schon ein gebrochenes Verhältnis zur Umgebung schafft und ständig die mögliche Gefährdung signalisiert:
I don’t get the opportunity to walk around on my own now but I certainly have done in the recent past, on my own.
Im Innenministerium hat man schnell erkannt, dass die ehrlichen Antworten der Ministerin nicht gut beim gemeinen Volk ankommen werden. Daher wurde schnell nachgeschoben, dass Smith – man höre und staune – kürzlich gewagt haben soll, mitten in der Nacht im Stadtteil Peckham, der mitunter als gefährlich oder als beherrscht von Gangs dargestellt wird, einen Kebab gekauft zu haben. Da werden alle schwer beeindruckt sein, wenn sie es überhaupt glauben. Die Ministerin hat nicht nur am eigenen Leib die bedrohliche Wirklichkeit erlebt, sondern sie sich womöglich auch noch einverleibt.
Tatsächlich ist auch in Großbritannien die Kriminalität zurückgegangen. Trotzdem sagten in einer Umfrage im letzten Sommer 46 Prozent, dass sie sich in ihrem Stadtviertel des Nachts nicht sicher fühlen würden. 15 Prozent meinten, dass sie dies zu keiner Zeit tun würden. Allerdings haben sie keine Wahl und auch keine Leibwächter.
Nach einer Auswertung von Zahlen des Innenministeriums durch den britischen Telegraph ist allerdings Zahl der Gewalttaten, die von Jugendlichen in ganz Großbritannien begangen wurden, in den letzten drei Jahren von 17.590 auf 24.102 angestiegen. Auch allgemein ist die Zahl der Straftaten von Jungendlichen von 184.474 im Jahr 2003 auf 222.750 im Jahr 2006 angestiegen. Obwohl in Großbritannien seit Jahren streng gegen Jugendstraftäter vorgegangen werden kann, hat die Verschärfung der Gesetze offensichtlich nichts genützt. Zudem klaffen Gesetze und Wirklichkeit auseinander. Nach Angaben des Telegraph wird die Hälfte der Straftäter nur mit einer Verwarnung bestraft, drei Viertel der Jugendlichen, die verdächtigt werden, eine Gewalttat begangen zu haben, werden bis zum Prozess auf Kaution freigelassen. Ein Grund dafür ist auch, dass die Gefängnisse überfüllt sind.
Gerade wurden drei britische Jugendliche (ohne Migrationshintergrund) verurteilt, die im August 2007 einen Mann besonders brutal vor den Augen seiner Frau und seiner Kinder zusammengeschlagen und dadurch getötet haben. Der Anführer der Gang ist ein sogenannter Intensivtäter, der trotz begangener Gewalttaten wiederholt auf Kaution freigelassen worden war, was auch wenige Stunden vor dem brutalen Angriff der Fall gewesen war, obwohl er wiederholt die Auflagen übertreten und wiederum eine Gewalttat begangen hatte. Die Jugendlichen lebten offenbar allein in einem Haus und ermordeten den Mann, auf dessen Kopf sie "wie auf einen Fußball" unter Gelächter eintraten und dann einfach verschwanden, nach starkem Alkoholgenuss.
http://www.heise.de/tp/artikel/27/27105/1.html- Oha, U-Bahn fahren ist wohl doch gefährlich (25.1.2008 3:02)
- Die Unterschicht ist kein Paralleluniversum (24.1.2008 23:12)
- jap (24.1.2008 21:00)
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