Windkraft weltweit im Aufwind

Wolfgang Pomrehn 22.01.2008

Die Energie- und Klimawochenschau: In Westafrika breitet sich nach einer Serie von Naturkatastrophen Hunger aus. Im globalen Maßstab gibt es hingegen kleine Lichtblicke im Kampf gegen den Klimawandel

Der durchschnittliche Städter, selbst meist in der dritten Generation in den Straßenschluchten der modernen Metropolen aufgewachsen, vergisst nur allzuoft, wie sehr die industrielle Zivilisation von Landwirtschaft und damit vom Klima abhängt. Steigende Lebensmittelpreise könnten diesen Zusammenhang allerdings schon bald wieder ins Bewusstsein zumindest der ärmeren Bevölkerungsschichten rücken, wie das aktuelle Beispiel Westafrikas erahnen lässt.

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Die vom Kälteeinbruch bedrohten Gebiete. Karte: UN/ReliefWeb

Während in weiten Teilen Mitteleuropas seit Beginn der zweiten Januarwoche die Temperaturen erheblich über dem langjährigen Mittelwert liegen – in einigen Gegenden Süddeutschlands zuletzt um bis zu zehn Grad –, wird Afghanistan von einer Kältewelle heimgesucht. Über 300 Menschen sind dort letzte Woche erfroren, Viehbesitzer haben zum Teil erhebliche Verluste zu beklagen.

Extremereignisse wie diese gehören zum normalen Klimageschehen. Ihre Häufigkeit und durchschnittliche Intensität ist eine der Größen, mit denen sich Klimatologen beschäftigen. Ändern sie sich, werden die Extreme häufiger und ausgeprägter, so ist dies ein Beleg für längerfristige Veränderungen, das heißt für einen Wandel des Klimas. Die gegenwärtigen Wetterkapriolen wird man daher vermutlich frühestens in einigen Monaten einordnen können, wenn die entsprechenden statistischen Untersuchungen vorliegen. An Hinweisen und auch handfesten Beweisen, dass sich das globale wie auch vielerorts das regionale Klima in den letzten Jahrzehnten verändert hat, hat es ohnehin keinen Mangel.

Zu diesen handfesten Beweisen gehören die Trends, die sich in der Arktis abzeichnen. Dieser Tage berichtete die Times of India von Ergebnissen des NASA-Satelliten ICE-sat, der mittels Laserstrahlen die Dicke des arktischen Meereises vermisst. Demnach ist das Eis auf dem arktischen Ozean fast überall nur noch zwei bis drei Jahre alt und entsprechend dünn. Das bedeutet zum einen, dass es schneller auftauen kann als das früher übliche fünf bis neun Jahre alte Eis. Zum anderen kann dünneres Eis leichter durch den Wind zusammengeschoben werden. In beiden Fällen würde im Sommer eine größere Wasserfläche freigelegt, was wiederum zu einer stärkeren Erwärmung des Meeres führt.

Überschwemmung am Zambezi-Fluss in Mocambique. Bild: Modis/Nasa

Unwetter und Hunger in Afrika

Wie dem auch sei, die derzeitigen Überschwemmungen im südlichen Afrika in Folge schwerer Regenfälle haben für viele Menschen dramatische Folgen. Besonders hart ist Mosambik betroffen, wo die Katastrophe nach der Meinung von UN-Beobachtern die schlimmste seit Menschengedenken ist. Das ist allein insofern bemerkenswert, als Teile des Landes in den letzten Jahren mehrfach von Extrem-Regenfällen verheert wurden, unter anderem auch die derzeit betroffene Region am Unterlauf des Sambesis. UNICEF, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, hat zu Spenden aufgerufen.

Unterdessen kündigt sich im westlichen Afrika eine Hungerkrise an. Die Nahrungsmittelpreise sind auf den dortigen Märkten bereits jetzt erheblich höher, als zu dieser Jahreszeit üblich, berichtet die UN-Nachrichtenagentur IRIN. Für gewöhnlich sind im Januar und Februar die Preise niedrig, weil in dieser Zeit die Ernte des Vorjahres auf den Markt kommt. Im Sommer, wenn die Lager sich leeren, steigen die Preise normaler Weise. Für viele Arme brechen dann Monate des Hungers an, bis die Regenzeit einsetzt und neue Ernten bringt. Im letzten Jahr fiel diese allerdings zu kurz aus, weshalb in diesem Jahr das Angebot knapp und die Preise hoch sind. Das ganze spielt sich vor dem Hintergrund einer ohnehin prekären Versorgungs- und Einkommenslage ab, wie INRI schreibt:

Die Menschen in den Sahel-Ländern haben ein Folge von Jahren hinter sich, die durch Naturkatastrophen geprägt waren, darunter Dürren, Hochwasser und Schädlingsinvasionen. Viele haben dadurch erhebliche Schuldenberge angesammelt. Ihre Ernten nehmen ab, weil der Boden auf ihrem Land erodiert ist, oder weil es ihnen an Geld für den Kauf von ausreichend Saatgut oder Werkzeuge fehlt, um das Land effektiv bestellen zu können.

Windkraft boomt

Gute Nachrichten gibt es hingegen vom Ausbau der erneuerbaren Energien. Der Global Wind Energy Council (GWEC) berichtet, dass 2007 weltweit rund 20 Gigawatt (20.000 Megawatt) elektrische Leistung in Windenergieanlagen neu installiert wurde. Das entspricht ziemlich genau der Leistung, die alle in Deutschland stehenden Windräder erbringen können. (Leistung multipliziert mit der Zeit ergibt Energie: Ein Windrad mit einer Leistung von 1,5 MW kann, wenn es 2500 Stunden im Jahr unter Vollast arbeitet, 3,75 Millionen Kilowattstunden elektrische Energie liefern, in etwa der Bedarf von 950 vierköpfigen Haushalten.)

Der Umfang der Neuinstallationen war 30 Prozent höher als 2006, die weltweit installierte Leistung wuchs damit um 27 Prozent. Am meisten Windräder wurden in den USA aufgestellt, wo die Kapazitäten um 5,2 GW zunahmen. Nummer zwei der Weltrangliste war Spanien mit 3,5 GW, dicht gefolgt von China, wo Anlagen mit einer Gesamtleistung von 3,4 GW errichtet wurden.

In den USA bedeutete das eine Verdoppelung des Marktes für Anlagenhersteller und einen Kapazitätszuwachs von beachtlichen 45 Prozent. Neun Milliarden US-Dollar (sechs Milliarden Euro) wurden investiert. Mit 16,8 GW installierter Leistung haben die USA inzwischen fast Deutschland eingeholt. 2007 "war das dritte Jahr in Folge mit rekordverdächtigem Wachstum", meint der Geschäftsführer des US-amerikanischen Windenergieverbandes AWEA, Randall Swisher. In der Vergangenheit hatte der Sektor unter der Wechselhaftigkeit der Steueranreize gelitten, die in einem Jahr flossen, nur um im nächsten wieder zu versiegen, wenn die Förderprogramme ausgelaufen waren. Inzwischen schreiben über 20 Bundesstaaten den Energieversorgungsunternehmen Strom-Quoten vor, die aus erneuerbaren Quellen bezogen werden müssen, wodurch sich der Anreiz für die Errichtung von Windrädern verstetigt hat.

In den USA wuchs die Stromerzeugungskapazität für Windkraft 2007 um 45 Prozent. Bild: AWEA

Größter Markt für Windanlagen bleibt aber bisher noch Europa, wo 2007 die Kapazitäten um 8,7 GW auf 57 GW erhöht wurden, womit auf dem alten Kontinent nunmehr 61 Prozent der weltweit installierten Windenergie-Leistung beheimatet ist. Windenergie sei zu einem wichtigen Faktor auf den Weltenergiemärkten geworden, meint Steve Sawyer vom GWEC. 25 Milliarden Euro würden jährlich neu investiert, Tendenz steigend. "Wind wird zunehmend wettbewerbsfähig gegenüber konventionellen Kraftwerken", sagte GWEC-Vorsitzender Arthouros Zervos bei der Vorstellung der Zahlen. Dazu führten nicht zuletzt auch die wachsenden Preise der fossilen Energieträger.

In Asien sind die Märkte für Windanlagen gegenüber den europäischen meist noch (etwas) kleiner, ihr Wachstum ist allerdings atemberaubend, sodass sie schon bald Europa überholt haben dürften. 2007 wurde immerhin schon mehr als ein Viertel aller Windräder in Fernost bzw. in Südasien installiert. Allein in der Volksrepublik China nahm die Kapazität um 156 Prozent zu, nach dem das Wachstum im Vorjahr 134 Prozent betragen hatte. Dort drehen sich nun Windmühlen mit einer Leistung von sechs GW, womit sich das Land der Mitte eine Aufholjagd mit Indien liefert, das inzwischen acht GW installiert hat (plus 1,8 GW in 2007). Inzwischen werden in China etwas über die Hälfte der neuen Anlagen von heimischen Herstellern geliefert. Für die nächsten Jahre wird damit gerechnet, dass chinesische Anlagenbauer im großen Maßstab in den Export einsteigen und weltweit die Preise drücken.

Auch andere Länder wie etwa Australien hätten inzwischen ehrgeizige Ausbauziele bei den erneuerbaren Energien, meint Steve Sawyer, wodurch der Anlagenmarkt immer weniger von einzelnen Ländern abhänge, sondern sich diversifiziere. "Wir sind auf dem Weg, unser Klimaziel zu erreichen", so Sawyer. "Bis 2020 kann Windenergie 1,5 Milliarden Tonnen CO2 jährlich einsparen. Wir brauchen allerdings ein globales Signal von den Regierungen, dass sie es mit dem Klimaschutz und der Abkehr von den fossilen Energiequellen ernst meinen." (1,5 Milliarden Tonnen CO2 entspricht etwa sechs Prozent der derzeitigen weltweiten Emissionen.) Derzeit liefert Wind etwas über einen Prozent der weltweit benutzten elektrischen Energie, 2020 könnten es, so Sawyer, bereits 12 Prozent sein.

Nutzen zweifelhaft

Ganz anders sieht die Entwicklung bei den nachwachsenden Kraftstoffen für den PKW- und LKW-Verkehr aus. Zwar expandiert auch dieser Sektor rasant – wobei es in Deutschland allerdings einige Verwerfungen aufgrund der Umstellung von Steuerbegünstigung auf Mindestquoten gibt –, aber der Nutzen fürs Klima wird zunehmend in Frage gestellt.

Nach einem Bericht der Nachrichtenagentur afp lässt ein für die EU-Kommission erstellter, bisher unveröffentlichter Forschungsbericht kaum ein gutes Haar an der beabsichtigten Förderung von Agrarkraftstoffen. Eine Kosten-Nutzen-Analyse komme zu dem Schluss, dass die nachwachsenden Kraftstoffe – Diesel aus Pflanzenölen und Ethanol aus Mais, Weizen, Zuckerrüben und ähnlichem – keinesfalls einen kosteneffektiven Klimaschutz darstellen. Auch zur Energiesicherheit könne auf anderem Wege besser beigetragen werden, wenn die 35 bis 65 Milliarden Euro, die aus EU-Steuergeldern in den nächsten 13 Jahren in die Agrarkraftstoffe fließen sollen, anders verwendet würden. Eine allgemeine Quote für Biomasse in der Energieversorgung würde den postulierten Zielen wesentlich besser nutzen. Die Autoren der Studie fürchten, dass für die in der EU geplante Beimischungsquote große Landflächen auf anderen Kontinenten benötigt werden, und zweifeln an, dass es in diesem Falle überhaupt einen positiven Effekt für das Klima geben wird.

http://www.heise.de/tp/artikel/27/27115/1.html
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