Anlagetipps von Glos und Steinbrück

24.01.2008

Noch vor kurzem empfahlen Politiker, Wirtschaftsführer und Massenmedien den Deutschen eindringlich, mehr Aktien zu kaufen

Vor allem in Zeiten von Börsencrashs kann es hochinteressant sein, sich die Wirtschaftsteile der Zeitungen aus den letzten Wochen noch einmal durchzulesen. Zum Beispiel den Artikel "Blutige Anfänger" in der Wochenzeitung Die Zeit. Dort versammelten Christoph Hus und Olaf Wittrock mahnende Äußerungen von Politikern und Wirtschaftsführern, die betonten, wie wichtig der massenhafte Aktienkauf sei.

Die Wochenzeitung hob den "Allzeit-Rekord" des Dax hervor und das "fünfte Boom-Jahr in Folge". Die Subprime-Krise wurde mehr oder weniger als Beweis dafür herangezogen, dass die "Turbulenzen an den Kreditmärkten" dem Dax nichts anhaben könnten, weil sich dies sonst schon längst gezeigt hätte. Die Autoren verwiesen auf zweistellige Kursgewinne und kritisierten, dass der Crash von 2000 immer noch "in den Köpfen der Deutschen" herumspuken würde, weshalb der "Aufschwung" an der "breiten Masse" vorbeiginge. Trotz der "Traumrenditen" liege die Zahl der Aktionäre immer noch um zwei bis zweieinhalb Millionen unter dem New-Economy-Hoch.

Die Politik wolle nun "Skepsis, Frust und Enttäuschung" aus dem "Zwischentief um die Jahrtausendwende" entgegenwirken. "Volksvertreter aller Couleur" würden deshalb "beklagen", dass der Bevölkerung durch diese Zurückhaltung "enorme Chancen" entgehen würden. Wirtschaftsminister Michael Glos sei sogar regelrecht "frustriert" darüber und plane deshalb über Belegschaftsaktien, die Menschen zu ihrem Glück zu zwingen. Ähnlich äußerte sich sein SPD-Kollege Peer Steinbrück, der laut das "Deutschlandfonds"-Modell seiner Partei pries. Die Grünen wollten zwar niemanden direkt zwingen, kritisierten aber die Abgeltungssteuer auf Kapitalerträge, als schädlich für die "mühsam aufgepäppelte Aktienkultur".

Die Wirtschaftsführer wollten da nicht zurückstehen: Stefan Seip, Geschäftsführer des Investmentfonds-Verbands BVI, sagte der Zeitung deshalb, dass er Schulen mit "Unterrichtsmaterial über Aktien und Kapitalmärkte" versorge, um so die nächste "Anlegergeneration" zu erreichen. Der Deutsche-Bank-Vorstandschef Josef Ackermann versprach dagegen keine Renditen, sondern spielte die nationale Bürgerpflicht- und opferkarte aus, um Kleinanleger zum Aktienkauf zu nötigen:

"Eine hohe Aktienmarktkapitalisierung ist ja kein Selbstzweck und auch kein Geschenk an die Aktiengesellschaften. [...] Sie impliziert höhere Unternehmensbewertungen, die deutschen Unternehmen eine Akquisitionswährung verschaffen und sie gleichzeitig vor Übernahmen schützen würde."

Mit der "Aktienmüdigkeit", so die Wochenzeitung in ihrer Verdeutlichung von Ackermanns Äußerung, würden "die Deutschen also nicht nur sich selbst, sondern auch ihrem Heimatstandort [schaden]."

Nur zehn Tage und einen "schwarzen Montag" später heißt es: Wohl dem, der sich nicht an die Ratschläge von Zeit, Glos und Ackermann hielt. Nachdem der Dax den größten Kurssturz seit dem 11. September 2001 verbuchte, meint die Zeit vom 24. Januar 2008 plötzlich:

"Eine Korrektur an den Märkten war überfällig. Die US-Wirtschaft ist aus den Fugen geraten. Jahrelang haben Verbraucher im Vertrauen darauf, dass der Wert ihres Eigenheims weiter steigt, ihre Konten geplündert und Geld ausgegeben. Weil nun der Immobilienmarkt schwächelt, müssen die Amerikaner mehr sparen. Das bremst das Wachstum. Die Börsianer haben über diesen Sachverhalt bisher hinweggesehen."

"Ist das der Zusammenbruch des internationalen Finanzsystems, vor dem Pessimisten schon seit Langem warnen?" fragt die Zeitung heute – und der Leser fragt sich, wo denn diese Pessimisten in der Ausgabe vom 10. Januar waren. Dafür ruft die Wochenzeitung jetzt nach "klugen Politikern". Wer das sein soll, bleibt offen. Glos, Steinbrück oder die Grünen können damit aber kaum mehr ernsthaft gemeint sein.

Allerdings ist man nicht überall in der Zeitung zu solch einer radikalen Kurskorrektur bereit: In einem der mittlerweile berüchtigten Zeit-Videoblogs wird dem Zuschauer mittels eines Bürohefterbeispiels mitgeteilt, dass "Störungen wichtig für die Überlebensfähigkeit eines Systems" seien. Ob das jene Leser tröstet, die nach den Anlagetipps vom 10. Januar ihre Aktiendepots aufstockten?

Plötzlich erkennt man in der Wochenzeitung, dass es die "Stimmung" ist, die den Kurs macht und dass "ein Finanzprodukt nun einmal nur so viel wert [ist], wie Marktteilnehmer zu zahlen bereit sind". Selbst wenn es noch so oft als sichere Altersvorsorge angepriesen wurde, möchte man anfügen. "Wer sagt, dass es an der Börse rational zugeht", vermerkt die Zeitung auf einmal einsichtig und befindet sich damit in Einklang mit dem Vorsitzenden der Euro-Gruppe Jean-Claude Juncker, der vor dem Treffen der Finanzminister in Brüssel sagte, die Finanzmärkte reagierten derzeit "irrational und folgten einem Herdentrieb". Das ist soweit richtig - allerdings gilt es nicht nur für diese Tage. Die Finanzmärkte reagierten bereits irrational, als die Meldungen von Milliardenverlusten monatelang ohne Auswirkung blieben. Es liegt in ihrer Natur. Und genau deshalb sind Aktien – anders als etwa Rüdiger von Rosen, der geschäftsführende Vorstand des Deutschen Aktieninstituts, in der Zeit vom 10. Januar empfehlen durfte, strukturell ungeeignet für eine Altersvorsorge.

Die Zeiträume, mit denen versucht wird, langfristige Gewinnsicherheit zu belegen, sind ebenso wenig zufällig ausgesucht wie die Papiere. Insofern unterscheiden sich die Narrationsschemata von Anlageberatern nicht sehr von denen in Hollywood-Filmen oder Märchen: Anfang, Ende und Inhalt sind immer so gewählt, dass es am Schluss ein Happy End gibt. Im wirklichen Leben ist das aber keineswegs immer so. Es ist deshalb fraglich, ob solche Spekulationsaufrufe unter falscher Flagge auch noch steuerlich begünstigt werden sollten. Wenn ja, dann müsste konsequenterweise auch das Sammeln von Schallplatten, Filmen, Comics, Büchern oder Spielzeug subventioniert werden. Denn auch hier sind Wertsteigerungen- oder Minderungen möglich und wenig berechenbar. Allerdings mit dem Unterschied, dass der Sammler wenigstens Spaß an der Sache hatte, wenn auch der Wert seiner Sammlung im Alter nicht für die Zusatzrente ausreichen sollte.

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