Orbitale Machtspiele
Galileo wird teurer, und China will sich auch positionieren
Globale Positionierungssysteme sind eine feine Sache. Wer auch nur ein bisschen technisches Interesse aufbringt, wird Satellitennavigation spannend finden. Ob der ganze orbitale Aufwand aber immer gerechtfertigt ist, ist eine andere Frage, vor allem wenn man bedenkt, dass es ihn wahrscheinlich bald in vier verschiedenen Varianten geben wird.
Bis die katholische Kirche Galileo Galilei rehabilitiert hat, hat es 359 Jahre gedauert. Ganz so lange ist das Satellitennavigationssystem Galileo noch nicht in der Mache, aber es dauert nun schon eine ganze Weile. Der Grund dafür liegt in der typisch europäischen Herangehensweise, welche die Partikularinteressen der beteiligten Nationen und ihrer Raum- und Luftfahrtindustrien unter einen Hut bringen muss. Das ist nicht so einfach, denn bei allem Ehrgeiz, sich gemeinsam gegen die Amerikaner zu positionieren, konkurriert man doch auch immer noch untereinander, und wenn die politischen, wirtschaftlichen und sonstigen Interessen aller Beteiligten miteinander versöhnt werden müssen gerät die Entscheidungsfindung der Brüsseler Kofferträgergesellschaft schon einmal mühsam.
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| Bild: ESA |
Wie im Mai 2007, als sich herausstellte, dass die stetig beschworene Public-Private-Partnership zu Galileo keinen Pfifferling mehr wert war, weil das Unternehmenskonsortium, das den privaten Anteil darstellte, keine Lust mehr hatte, sich auch am Risiko des Unternehmens zu beteiligen anstatt bloß am Gewinn.
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Das Galileo-Projekt, das man aus dieser Perspektive auch für den Transrapid der EU halten könnte, fiel sackschwer in die Arme der Politicos zurück, die aber durchaus gewillt waren, die Bevölkerungen der beteiligten Länder für das Zurückschrecken der Industrie in die Pflicht zu nehmen. Die läppischen zusätzlichen 2,4 Milliarden Euro wollte man aus nicht verbrauchten EU-Subventionsmitteln aufbringen, die sonst an die Geberstaaten zurückgeflossen wären.
Jetzt stellt sich heraus, dass die Gesamtkosten von 3,4 Milliarden für das ganze Projekt viel zu niedrig angesetzt waren. Ein so niedriger Preis für ein so ehrgeiziges Projekt war nur zustande gekommen, indem man die noch in den Orbit zu schießenden und die am Boden zu installierenden Komponenten nach dem langen Vorlauf als bereits ausentwickelt betrachtet hatte - eine viel zu optimistische Sicht der Dinge.
Warum ist Galileo eigentlich so wichtig? In weiser Voraussicht auf zukünftige Legitimierungsengpässe suchte die EU-Kommission sich diese Frage selbst zu beantworten, indem sie 2006 ein "Grünbuch" zum Thema auflegte, das von so ungeheuer wichtigen Dingen wie "Präzisionslandwirtschaft", und der "Sicherheit finanzieller Transaktionen über das Internet" daherfabulierte.
Es mag wohl sein, dass Landwirtschaft im bürokratiekranken Euroland demnächst nur noch mit satellitengesteuerter Präzision betrieben werden kann, aber dass dazu ein eigenes Satellitennavigationsnetz aufgebaut werden muss, während GPS sehr gut funktioniert, will nicht recht einleuchten. Des Rätsels Lösung liegt in der gern geleugneten, im Kleingedruckten aber immer zugegebenen, um nicht zu sagen angepriesenen militärischen Komponente Galileos, dem sogenannten "Regulierten Dienst".
Das werdende Euroland braucht eine fesche Armee, und diese fesche, weltweit handlungsfähige Armee braucht wiederum weltweit Orientierung in der Frage, wo sie hinfahren und hinschießen soll. Mit anderen Worten: Man will dasselbe machen wie die Amerikaner, in der Umlaufbahn des Merkur, in Afghanistan und erst recht bei der Satellitennavigation auf der Erde. Und dazu braucht man, was die schon haben. Ganz unabhängig von ihnen geht es noch nicht, deswegen wurde Galileo nach langem Gezerre mit GPS in verschiedenen Bereichen kompatibel gemacht.
Aber auch nach Osten schaut der Europäer, vor allem die Galileo-Hauptmacht Deutschland, und mit dem russischen Navigationssystem Glonass, das sich immer noch im Aufbau befindet, aber dereinst natürlich auch global aktiv sein soll, hat man auch angebandelt.
Und als hätte man es nicht geahnt, melden die Chinesen neuerdings ebenfalls Pläne für ein globales Satellitennavigationssystem an, wobei man noch nicht weiß, ob sie nur sauer darüber sind, dass die EU sie bei Galileo ausgebootet hat, oder ob sie wirklich Ernst machen wollen.
Einen Namen hat das Ganze aber schon: Compass.
So dass wir es möglicherweise in näherer Zukunft mit vier Satellitennavigationssystemen von globaler Reichweite zu tun haben werden - ein Blödsinn, der schon wegen des Themas Weltraummüll den Glauben an die Menschheit schwächt.
Aber warum immer nur das Schlechte sehen? Konkurrenz, weiß man, belebt das Geschäft, und Redundanz ist im IT-Bereich immer gut. Bezahlen werden den Satellitenzoo die Bevölkerungen der Satellitenmächte, und diejenigen, denen diese Satellitenmächte Freiheit und Demokratie nach amerikanischer, kulturell überlegene Demokratie nach europäischer, gelenkte Demokratie nach russischer Art oder rot lackierten Brachialkapitalismus ganz ohne Demokratie bringen werden - was will man eigentlich mehr?
http://www.heise.de/tp/artikel/27/27142/1.html- Ja (31.1.2008 22:11)
- Quatsch (31.1.2008 21:27)
- Navigationsatteleiten werden für rund (30.1.2008 10:13)
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