Rasse, Geschlecht, Ethnizität

Peter Mühlbauer 27.01.2008

Obama siegt in Südcarolina

Bei den Vorwahlen der demokratischen Partei in Südcarolina siegte gestern Barack Obama mit 55 %. Auf Platz zwei landete Hillary Clinton mit 27 %. John Edwards wurde mit 18 % Dritter. Die Republikaner hatten in den Bundesstaat bereits vor einer Woche gewählt.

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Ausschlaggebend für den Sieg Obamas war unter anderem das Votum der Schwarzen, die etwa ein Drittel der Bevölkerung des Bundesstaates und einen wesentlich größeren Teil der Vorwähler der Demokraten stellen. Bei ihnen führte der Gewinner noch weitaus deutlicher.

Der Wahlkampf, der sich in der letzten Woche fast ausschließlich auf den Bundesstaat konzentrierte, war turbulent verlaufen: Im Rahmen einer spektakulären CNN-Anschreidebatte zwischen Hillary Clinton, Barack Obama und John Edwards in Myrtle Beach unterstellte Clinton Obama einen ständigen Wechsel der Positionen - ein Vorwurf, über den 2004 John Kerry stolperte. Mit Bezug auf Obamas umstrittener Reagan-Äußerung sagte sie: "Es ist manchmal schwer zu verstehen, was Senator Obama meint - weil er immer sagt, er habe es nicht so gemeint, wenn man ihn darauf anspricht."

Obama wiederum griff erneut auf Capra/Gingrich-Rhetorik zurück, beschuldigte Clinton des skrupellosen Opportunismus und warf ihr vor, dass sie im Aufsichtsrat des für seine Behandlung von Angestellten und Gewerkschaften berüchtigten Wal-Mart-Konzerns saß, während er "auf den Straßen von Chicago mit armen Leuten gearbeitet" habe. Clinton konterte darauf sofort mit Obamas Verbindungen zu einem Slumlord aus Chicago, der im Ruch von Verbindungen zur Organisierten Kriminalität steht. Obama versuchte sich damit zu verteidigen, dass er sehr jung gewesen sei, als er sich als Mitarbeiter einer Kanzlei mit den Geschäften der umstrittenen Figur befasste, außerdem hätte er nur wenige Stunden damit zugebracht. Die Annahme von Wahlkampfspenden des Slumlords hätte auf einer "Fehleinschätzung" beruht, weshalb er sie mittlerweile auch zurückgegeben habe.

John Edwards, der in Südcarolina geboren wurde und vergleichbar stark dialektgebunden sprechen kann wie Andrea Ypsilanti, hielt sich mit solchen Vorwürfen zurück und versuchte den Streit auf andere Weise zu nutzen. Viel Beifall erhielt er für seine Äußerung:

"Im Namen der Wähler hier in Südcarolina frage ich: Wie viele Kinder erhalten durch solche Streitereien Krankenversicherungsschutz? Wir müssen einsehen, dass es nicht um uns geht, sondern um die Menschen."

In seinen Wahlwerbespots berief sich Edwards darauf, dass er der Kandidat sei, der den derzeit wahrscheinlichen republikanischen Konkurrenten John McCain im November am ehesten besiegen könne. Denn, so Edwards, eines der zentralen Anliegen McCains sei, wie bei ihm selbst, immer eine Reform der Wahlkampffinanzierung gewesen.

Trotzdem schaffte der Kandidat, der 2004 die Vorwahlen in Südcarolina gewonnen hatte, 2008 nicht einmal den zweiten Platz. Es scheint bereits der Effekt zu greifen, dass der Südstaatler als abgeschlagen gilt, und die Entscheidung in den Augen der Wähler nur mehr zwischen Clinton und Obama fallen kann. Obwohl Edwards das Wort "change" – wie die New York Times zählte – in seinen Ansprachen nach den Iowa-Caucuses zwar öfter als alle anderen demokratischen wie republikanischen Kandidaten verwendete, verkörperte er den Begriff offenbar nicht ausreichend.

Vielleicht scheiterte er auch daran, dass die Debatte bei den Demokraten sehr stark davon bestimmt wurde, dass Barack Obama nach amerikanischen Maßstäben ein Schwarzer und Hillary Clinton eine Frau ist. Walter Benn Michaels von der Universität of Illinois postulierte in seinen Büchern "The Shape of the Signifier" und "The Trouble With Diversity" ein symbiotisches Verhältnis zwischen amerikanischer Identitätspolitik und der Restauration eines ökonomischen Paläoliberalismus. Die Fixierung auf Rasse, Geschlecht und Ethnizität verdeckt ihm zufolge die eigentlich relevanten ökonomischen Benachteiligungen. Die Bürgerrechtsbewegung hatte nach Michaels eine doppelte Wirkung: zum einen setzte sie der Rassendiskriminierung weitgehend ein Ende, zum anderen war sie aber auch die Grundlage dafür, dass Identitätspolitik ein Monopol auf die vermeintliche Lieferung von Gerechtigkeit erlangte.

Durch die zentrale Rolle der Debatten um die symbolische Gleichstellung von Schwarzen und Frauen bleibt kaum mehr Platz für Fragen nach der wirtschaftlichen Ungleichheit. Dabei gibt es dem amerikanischen Literaturwissenschaftler zufolge in der US-Realität seit den 1990er Jahren kaum mehr jemanden mit politischer oder wirtschaftlicher Macht, der vom Konsens der "Diversität" abweicht. Tabu ist nach Michaels dagegen die Thematisierung der stetig zunehmenden Verschlechterung der wirtschaftlichen Verhältnisse von Armen, die sich aufgrund struktureller Ungerechtigkeiten im amerikanischen Gesundheits- und Bildungssystem über die Generationen hinweg verstärke und so faktisch nur mehr schwer zu überwindende Klassenschranken aufbaue.

http://www.heise.de/tp/artikel/27/27151/1.html
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