Sucht und "Superstar" statt "sucht den Superstar"

Peter Mühlbauer 29.01.2008

Eine neue US-Fernsehserie zeigt Ex-Prominente in passenden Rollen

"Celebrity Rehab with Dr. Drew" ist eine im Januar 2008 auf dem Sender VH1 gestartete neue Reality Show, die nicht nur das Problem des Streiks der Drehbuchautoren löst, sondern auch etwas schafft, was schon seit längerem keinem Fernsehformat mehr gelang: Die amerikanische Medienlandschaft durch vermeintliche Grenzüberschreitung zu provozieren.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Verfall hat Konjunktur: Die in bare Münze konvertierbare Aufmerksamkeit, die damit wirtschaftende Musiker und Schauspieler nicht nur in der Klatsch-Fachpresse, sondern auch in Massenmedien bekommen, lässt sich mit anderen Mitteln nur schwer erreichen: Das zeigt sich unterem daran, dass Britney Spears 2007 als abgetakeltes Wrack so viel Geld verdiente, wie seit ihrem anscheinsjugendpornographischen Karrierestart nicht mehr.

"Celebrity Rehab" zeigt die Selbstentwürdigung von "Promis" - nicht in künstlichen Szenarien wie dem Dschungelcamp, sondern in Rollen, die ihnen vom Zuschauer potentiell als existenzprägend und real abgenommen werden können. Das "Rehab", die Entzugsklinik, spielt schon seit geraumer Zeit eine wichtige Rolle in den popkulturellen Aufmerksamkeitssystemen: Die Betty Ford Clinic ist auch hierzulande seit Jahrzehnten ein Begriff. Trotzdem war das Innere dieser Entzugskliniken bisher von der Bildberichterstattung (und damit von der aufmerksamkeitsökonomischen Nutzung) weitgehend ausgenommen. Dem Fernsehsender VH1 gelang es mit der Serie nach eigenen Angaben erstmals, die (wahrscheinlich echten) rechtlichen und die (zusätzlich angeführten) "ethischen" Probleme zu überwinden und so die Lücke zu schließen.

Dafür musste offenbar in Kauf genommen werden, dass die erste Exzessliga (Britney Spears, Lindsay Lohan, Mel Gibson, Kiefer Sutherland, Robbie Williams, Peter Doherty und Amy Winehouse) in der Serie komplett fehlt. Stattdessen behandelt Dr. Drew Pinsky in seiner Klinik für Drogen- Medikamenten- und Alkoholentzug unter anderem den Schauspieler Jeff Conaway, deutschen Fernsehzuschauern (wenn überhaupt) bekannt als Zack Allen aus der Science-Fiction-Serie Babylon 5, Mary Carey, eine Art Porno-Parodie auf Mariah Carey, die vor einigen Jahren eine Idee von Ilona Staller nutzte und sich um den Gouverneursposten in Kalifornien bewarb, die Wrestlerin Chyna Doll, den ehemaligen Kinderstar Jaimee Foxworth, das Ex-Fotomodell Brigitte Nielsen, Jessica Sierra, die einmal am Deutschland-sucht-den-Superstar-Äquivalent "American Idol" teilnahm, ein Mann namens Ricco Rodriguez, bei dem es sich aber nicht um den Posaunisten, sondern um einen Sportler aus der Serie Ultimate Fighting Champion handelt, Seth Binzer, den Sänger der musikalischen Eintagsfliege Crazy Town und Daniel Baldwin, einen Vertreter der Kategorie "unbekanntestes Mitglied einer berühmten Familie."

Zentrale Figur ist bisher der mit einem hohen Tragikpotential ausgestattete Schönling Jeff Conaway, dessen Schmerzmittelabhängigkeit seinen eigenen Angaben zufolge nach einem Unfall bei den Dreharbeiten zum Film Grease begann. Neben Schmerzmitteln konsumiert er angeblich auch noch Kokain. In der ersten Folge ließ er sich stilecht im Rollstuhl sitzend einliefern. Auch bei den weiteren essentiellen Zutaten wie Krämpfen und Zornausbrüchen führt der Schauspieler bisher konkurrenzlos.

Bei einigen anderen Teilnehmern ist es dagegen teilweise auch für den Zuschauer gut ersichtlich, dass das angebliche Suchtproblem nur als Eintrittskarte für den Kampf gegen ein ganz anderes Problem gedient haben könnte: Das der mangelnden Medienaufmerksamkeit. In den abgefilmten Therapiesitzungen konnten manche der "Promis" mit nicht unbedingt Entzugserscheinungen erzeugenden Kosumgewohnheiten auf die Frage, warum sie in der Klinik (beziehungsweise eigentlich in der Show) sind, keine wirklich überzeugende Antwort geben. Deplaziert wirkte vor allem Jaimee Foxworth, die ihren Marihuanakonsum problematisierte.

Wie lange es funktionieren wird, Aufmerksamkeit mit dem Zeigen von "Promis" zu erzeugen, die sich (wenn auch beeindruckend lautstark) erbrechen, bleibt abzuwarten. Allerdings spricht einiges dafür, dass diese Art von Humor bei den Fernsehzuschauern eine Art Grundbedürfnis befriedigt. Bereits bei Shows wie "I’m a Celebrity, Get Me Out of Here!" zeigte sich, dass ein nachhaltiges Konsumenteninteresse am Leiden der (wenn auch unverdient) kurzfristig zu Ruhm (oder besser Aufmerksamkeit) gelangten Personen besteht. Dafür dürfte es auch und gerade in Deutschland einen Markt geben. Immerhin übernahm das Englische die "Schadenfreude" als Lehnwort aus dem Deutschen.

http://www.heise.de/tp/artikel/27/27161/1.html
Kommentare lesen (12 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS