Klimawandel: Wer 2030 hungern wird

Matthias Gräbner 01.02.2008

Wie wirkt sich die Klimaerwärmung auf die Ernährungssituation weltweit aus? Forscher haben berechnet, wo die Nahrungsversorgung bis 2030 am gefährdetsten ist

Dass sich weltweit steigende Temperaturen nicht überall negativ auf die landwirtschaftliche Produktion auswirken müssen, ist nachvollziehbar. Ebenso klar ist aber auch, dass sich die Bedingungen für die Landwirtschaft ändern werden. Wenn sich die Erzeuger darauf nicht einstellen, gefährden sie die Versorgung großer Teile der Bevölkerung. Das gilt umso mehr für Gebiete, die jetzt schon durch Mangelernährung gekennzeichnet sind. Wie fit sind die dort angebauten Pflanzen für die unweigerlich kommenden Änderungen? In einem Artikel im Wissenschaftsmagazin Science haben US-Forscher diese Frage untersucht.

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Dazu haben sie zunächst die zwölf Gebiete weltweit ermittelt, die heute schon am stärksten von Unterernährung betroffen sind. Ihre These: Dort wirken sich die Folgen der Klimaveränderung besonders drastisch aus. Für jedes dieser Gebiete identifizierten die Wissenschaftler dann die Pflanzenarten, die für das menschliche Überleben besonders wichtig sind. Reis, Mais und Weizen decken im weltweiten Mittel zum Beispiel zwar zusammen die Hälfte des Kalorienbedarfs der Menschen mit Mangelernährung - im subsaharischen Afrika kommen sie aber nur auf gut 30 Prozent.

Um die Auswirkungen des Klimawandels zu kalkulieren, nutzten die Wissenschaftler historische Ernte-Statistiken, zusammen mit den Temperatur- und Feuchtigkeits-Bedingungen, die zu den tatsächlich gemessenen Erträgen führten. Steigende Temperaturen wirkten sich dabei im Mittel negativ auf die Erträge aus, wachsende Regenfälle positiv.

Zur Vorhersage der Klimaverhältnisse im Jahre 2030 stützten sich die Verfasser der Studie auf 20 verschiedene Zirkulationsmodelle und berechneten daraus beste, mittlere und schlechteste Fälle. Damit kamen sie auf Temperaturveränderungen um grob gerechnet ein Grad - in wenigen Gebieten nur 0,5 Grad, in einigen sogar um zwei Grad. Die Niederschlagsveränderungen waren schwieriger zu summieren - je nach Zirkulationsmodell berechnete die Simulation auch mal positive und dann wieder negative Änderungen.

In der Tendenz ließen sich vor allem sinkende Niederschlagsmengen von Dezember bis Februar in Südasien und Mittelamerika feststellen sowie ebenfalls weniger Regen von Juni bis August in Südafrika, Mittelamerika und Brasilien. Stärker regnen wird es vermutlich von Dezember bis Februar in Ostafrika.

Gute Nachrichten für China

Aus all diesen Vorhersagen konnten die Forscher berechnen, wie sich die Produktivität der einzelnen Pflanzenarten bis 2030 entwickeln wird - jedenfalls dann, wenn der Mensch an den Bedingungen nichts ändert. Gute Nachrichten ergaben sich daraus zum Beispiel für China, wo sich der Ertrag der meisten Nahrungsmittel leicht steigern wird. In Brasilien wiederum ist das Gegenteil der Fall. Im südlichen Afrika, wo die Ernährung in hohem Maße auf Mais beruht, sinken die Erträge der Maispflanze um beinahe 30 Prozent, im südlichen Asien sinken vor allem die Rapserträge, Westasien wird weniger Reis ernten können, in Südostasien trifft es die Sojabohne.

Allerdings gibt es stets auch Pflanzen, die diesem Trend nicht unterworfen sind und unter den veränderten Bedingungen womöglich sogar höhere Erträge bringen. Die Autoren der Studie leiten daraus die Forderung ab, die landwirtschaftliche Produktion entsprechend anzupassen. Dazu genügen manchmal schon einfache Maßnahmen: eine Veränderung der Saat- und Erntezeiten etwa oder die Nutzung anderer Sorten derselben Art. Im Extremfall müsse man allerdings wohl auch die angebauten Pflanzenarten wechseln.

Das klingt einfacher, als es tatsächlich ist: In einem Gebiet, in dem traditionell Mais gegessen wird, Flattergras (eine Hirseart) anzubauen, wird auf kulturelle Barrieren stoßen. Und Mais durch Sorghum (eine andere Hirseart) zu ersetzen, wird schwer, wenn das Know-how dafür fehlt.

Zudem, darauf macht ein begleitender Artikel in Science aufmerksam, ist die Klimaänderung nicht der einzige Faktor, der die Hungergebiete des Jahres 2030 definieren wird: Gegenwärtige Markttrends, wie etwa der steigende Bedarf an Getreide für die Erzeugung von Biosprit, steigende Ölpreise und die Globalisierung des Getreidehandels, wirken sich ebenso ungünstig aus - haben sie doch die Grundlagen der menschlichen Ernährung in vielen der gefährdeten Gebiete in den vergangenen Jahren schon um bis zu 40 Prozent verteuert.

http://www.heise.de/tp/artikel/27/27186/1.html
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