Die vergangene Zukunft des Fernsehens

YouTube, wie es nie existiert hat

1970, als das Internet selbst in seinen absoluten Anfängen steckte, und Dinge wie YouTube reine Science Fiction waren, träumten einige Amerikaner vom demokratischen Fernsehen.

Am Beginn des Jahrzehnts verfügte San Francisco über eine kraftvolle Musikszene, eine vibrierende und subversive Comiczeichner-Community und einen lässigen Lebensstil, wie er damals im Marin County üblich war. Gleich nebenan in Berkeley entwickelte die Neue Linke das Konzept der partizipatorischen Demokratie und übte sich darin, die Herrschenden mit der Wahrheit zu konfrontieren. Videoaktivismus lag da auf der Hand.

 

So beschreibt David A. Ross die Stimmung und die gesellschaftliche Gemengelage, die dazu führte, dass um 1970 nicht nur in San Francisco Videokameras revolutionäre Hoffnungen auf sich ziehen konnten. Es war die technische Entwicklung, die sie überhaupt erst keimen ließ: Das Portapak-System brachte die Möglichkeit zur Erzeugung "elektronischen Films" überhaupt erst in die Hände von normal Sterblichen.

Vorher war ihnen allenfalls das Filmen mit Super-8-Kameras möglich, ein Medium, das zwar beträchtliche Faszination auszuüben vermochte, das aber in aller Regel den privaten Rahmen nicht verließ und deswegen nicht auf gesellschaftliche Wirkung zielen konnte.

Anders die Videotechnologie - die Möglichkeit zur spontanen, ungeregelten Erzeugung, Aufzeichnung und Verbreitung eines elektronischen Signals ließ Leute mit einem Gespür für hippe Technologie bald an Fernsehen von allen für alle denken. Es schien möglich, der gigantischen Propagandamaschinerie großer TV-Stationen, die zwar unterschiedlich hießen, aber im Grunde alle das Gleiche verbreiteten, auf Graswurzelniveau etwas entgegen zu setzen.

Radical Software

Die dynamische Community, die mit dem Erscheinen des Portapaks entstand und staunend mit dem neuen Ausdrucksmittel experimentierte, fand bald ein inoffizielles Zentralorgan in der Zeitschrift Radical Software.

Das Blatt wurde von den Videokünstlerinnen Beryl Korot und Phyllis Gershuny konzipiert und von der Raindance-Corporation herausgegeben, die nichts anderes war, als eben die organisierte Gestalt jener losen Gruppe von Künstlern und Wissenschaftlern zu der auch Korot und Gershuny gehörten und die ein ungeheures Potenzial in der aufkeimenden "Videosphere " sah - ein Begriff übrigens, den Gene Youngblood bereits in der ersten Ausgabe von Radical Software benutzte.

Schon der Name verblüfft von heute aus gesehen. Wenn man sich heute unter Radical Software etwas vorstellen könnte, dann vielleicht die Minderheitsfraktion der Open-Source-Community, die noch an die unmittelbare soziale Relevanz freier Software glaubt.

Aber obwohl die erste Ausgabe von "Radical Software" eine computergenerierte Graphik auf dem Cover trug, hatten die Macher und Autoren einen erweiterten Begriff von Software, der nur mittelbar etwas mit Computer-Software zu tun hatte: Für sie war das der ganze Raum von Regeln, Interaktionen, Strukturen (einschließlich der Regeln, Interaktionen und Strukturen gesellschaftlicher Art), die den Umgang mit Hardware erst steuern. Ein Begriff, der ihnen angesichts der gesellschaftlichen Situation, in der sie sich befanden, unmittelbar zum Auftrag wurde: Nimm ein neues, für alle erschwingliches Produktionsmittel wie den Portapak, zeige den Leuten, was sie damit machen können, und es wird sich sozialer Wandel einstellen.

In der Technologie das Potenzial für eine wahrhafte Revolution

Dabei war Radical Software ganz und gar nicht allein auf politische Fragen beschränkt. Für die Raindancers waren rein politische Probleme nur Teil eines Gesamtzusammenhangs, dessen falsche Vergegenwärtigung und Deutung zentrale Aufgabe der existierenden Mediennetzwerke war, und der, so die Hoffnung, durch eine andere Form der Vergegenwärtigung und Deutung geändert werden konnte. Der Portapak erschien ihnen in diesem Zusammenhang als ein Geschenk des Himmels:

Die zentrale Motivation war allen Involvierten klar, und ebenso der wachsenden Community, die jede Ausgabe der Zeitschrift las. Es konnte wohl sein, dass die Technologie uns an den Rand der globalen Vernichtung gebracht hatte, und dass sie dieses Bündnis zwischen Macht und Geld ermöglicht hatte, das uns dort verharren ließ, aber die Technologie war dennoch nicht unser Feind. Wenn sie auf rechte Art entwickelt und gehandhabt wurde, steckte in der Technologie das Potenzial für eine wahrhafte Revolution.

"Radical Software" sollte ein Forum für die Szene an der Schnittstelle zwischen Kunst, politischem Aktivismus, Wissenschaft und Technik sein. Von Anfang an brachte das Blatt eine bunte Mischung von Beiträgen zu den unterschiedlichsten Themen, ob es sich dabei um technische Spezifikationen verfügbarer Hardware, das Fernsehprogramm der Zukunft ("Utopian Laser TV Station"), neurophysiologische Spekulation oder radikale Anleitungen zur Mediengestaltung ("Guerilla Television")handelte.

Man stelle sich eine Mischung aus Telepolis, der Datenschleuder Nature und Konkret vor, aber aufgeladen mit einer utopischen Hoffnung und Dringlichkeit, die heute ebenso unerreichbar wie naiv erscheint. Die Beiträger waren ebenso bunt gemischt. Nam June Paik war dabei, der später mit banalen Videoinstallationen Weltruhm erlangen sollte, aber man findet auch Texte von Leuten wie Gregory Bateson und Buckminster Fuller

Extrem vorausschauend

Dieser Techno-Hippie-Stil, dem alles recht war, wenn es nur irgendwie mit dem eigenen Ding in Verbindung gebracht werden konnte, wurde aber teilweise als Beliebigkeit wahrgenommen. Selbstverständlich fand auch diese Kritik ihren Weg in die Zeitschrift. So zum Beispiel als Arthur Ginsberg schrieb:

Als Antwort auf den zerfledderten Psycho-Cyber-Revoluzzer-Wortsalat, den man hier und anderswo in der Videoszene oft findet, wird VIDEO FREE AMERICA auf den folgenden Seiten unter Benutzung der englischen Sprache den Versuch unternehmen, Ihnen, dem Leser, einige unserer laufenden Projekte zu beschreiben und Ihnen mitzuteilen, wie Sie uns bei realitätsorientiertem Verhalten unterstützen können.

Das änderte an dem Stil bis zum Schluss nichts, er blieb so eklektisch wie bei der ersten Ausgabe. Die Raindancer hatten sich am Themen-Buffet eine Menge auf den Teller getan, da konnte es nicht ausbleiben, dass Einiges nicht zueinander passte. Nach etlichen personellen Umbesetzungen in der Redaktion und bei der Raindance-Corporation, die zwischenzeitlich zu einer Stiftung mutiert war, lief sich das Projekt schließlich tot, weil der ökonomische Überlebensdruck sowohl auf die Raindancers als auch auf die Zeitschrift selbst zu groß wurde.

Die Aktivisten gingen nach Hollywood, wurden berühmte und weniger berühmte Videokünstler, oder zogen sich in die Öko- und New-Age-Szene zurück. Sich über "Radical Software" lustig zu machen ist leicht. Man kann darauf hinweisen, dass heute Videokameras eher ein Symbol des Schreckens als der Befreiung sind.

Man kann darüber lachen, dass eine auf säurehaltiges Papier gedruckte Zeitschrift über das revolutionäre Potenzial von Video heute nur noch im Internet auffindbar ist, dem medialen Gedächtnis der Welt, dessen technologische und gesellschaftliche Durchschlagskraft die Visionen der Raindancers verblassen lässt. Man kann darauf hinweisen, dass Youtube die Realität des Fernsehens von allen für alle ist - ein gigantischer Müllhaufen, in dem die immerhin auch existierenden wertvollen Bestandteile untergehen. Aber, wie David A. Ross schrieb:

Einige der Artikel und Polemiken in den gesammelten Ausgaben von Radical Software wirken heute veraltet. Dennoch sollten wir wahrnehmen, dass die Männer und Frauen, die in RS publizierten, ihre Hoffnungen und Sorgen auf extrem vorausschauende Weise zur Sprache brachten.

Und der Internet-Auftritt von "Radical Software", der von derDaniel-Langlois-Stiftung verantwortet wird, ist sicher eine der Perlen im großen Müllhaufen Internet.

Alle Übersetzungen aus dem Englischen stammen vom Autor dieses Artikels. Für den Hinweis auf Radical Software dankt er dem Elektrosmog-Blog von micro_robert.

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