Mit vier Jahren in die Schule?

Florian Rötzer 08.02.2008

Nach einer britischen Studie gibt es keine Hinweise darauf, dass Kinder, die früher eingeschult werden, bessere Ergebnisse erzielen

Immer wieder einmal heißt es, wie wichtig es sei, dass Kinder möglichst früh mit dem Lernen anfangen und in die Schule kommen. Wenn Kinder erst mit sechs Jahren oder später eingeschult werden und dann ihren ersten Unterricht haben, sei das viel zu spät und habe man viel verpasst. Der auf den ersten Blick vielleicht einleuchtenden Vorstellung, dass man nur früher mit dem Lernen anfangen müsse, um die Kinder klüger zu machen, versetzt nun eine britische Studie einen Dämpfer. Belege dafür gebe es keine.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Die von der National Foundation for Educational Research veröffentlichte Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die in Großbritannien praktizierte Einschulung der Kinder diesen in der späteren Ausbildung nicht unbedingt einen Vorteil verschafft. Die Schule ist stressig und nicht für kleine Kinder geeignet, die besser spielerisch lernen. Zudem seien die Lehrer nicht dafür ausgebildet, sich kindgerecht mit jüngeren Schülern zu beschäftigen. Obgleich die Schulpflicht erst im Alter von 5 Jahren beginnt, gehen nach dem Bericht die meisten Kinder bereits mit 4 Jahren zur Schule.

Die im Sommer geborenen Kinder ("Juli-Kinder"), die früher in die Schule gehen, erzielen durchschnittlich schlechtere Leistungen, als diejenigen, die bei der Einschulung älter sind. Es gäbe keine Hinweise dafür, dass Kindern von benachteiligten Gesellschaftsschichten mit einer früheren Einschulung geholfen wird. Auch in einem internationalen Vergleich zeigen sich keine Vorteile der frühen Einschulung.

In den meisten Ländern beginnt die Schulpflicht mit sechs Jahren, in Finnland allerdings erst mit sieben Jahren. Und ausgerechnet die finnischen Schüler erzielten in der PISA-Studie 2000 im Alter von 15 Jahren mit die besten Ergebnisse. Großbritannien lag in dieser Studie allerdings auch unter den ersten Plätzen.

Hieraus irgendwelche Schlüsse auf das Einschulungsalter zu ziehen, ist kaum möglich. Ganz vorne lag etwa auch Neuseeland, wo praktisch die meisten Kinder ab 5 Jahre zur Schule gehen, oder Japan, wo die Schulpflicht mit 6 Jahren beginnt, während Dänemark, wo die Kinder ab 7 Jahre in die Schule gehen, weiter hinten lag – und Deutschland bekanntlich auch schlecht abschnitt. Schweden (7 Jahre) erzielte wiederum gute Ergebnisse, und in den Niederlanden, wo die Kinder meist ab vier Jahre die Schule besuchen, wurden im PISA-Test 2003 auch gute Ergebnisse erzielt. In Großbritannien, Dänemark, Schweden und Neuseeland gibt es Möglichkeiten der Vorschule ab 3 Jahren, in Schweden und den Niederlanden sogar schon ab einem Jahr.

Als Folgerung des Vergleichs lässt sich nur ableiten, was die Wissenschaftler sagen, die den Beicht verfasst haben: "Es gibt kaum Beweise zur Stützung der verbreiteten Annahme, dass ein längerer Aufenthalt in Grundschulen zu besseren Ergebnissen führt." Hingegen würde es vermehrt Forschungsergebnisse geben, die in Frage stellen, dass eine Einschulung mit vier Jahren günstig ist, vor allem was das Curriculum, die Lehre und die Umgebung der britischen Schulen betrifft. Kritisiert wird vor allem, dass es dafür zu wenige Lehrer gibt, die nicht hinreichend ausgebildet sind, dass die Klassen zu groß sind und die Unterrichtszeiten zu starr, und dass oft notwendige Einrichtungen und Ausstattung fehlen.

http://www.heise.de/tp/artikel/27/27246/1.html
Kommentare lesen (54 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS