Geplanter Abschuss des US-Satelliten ein Test des Raketenabwehrsystems?

17.02.2008

Russische Regierung äußert Zweifel an den Motiven des Pentagon, das den außer Kontrolle geratenen Spionagesatelliten vor Eintritt in die Atmosphäre abschießen will

Das russische Verteidigungsministerium äußerte gestern seine Besorgnis, dass der vom Pentagon geplante Abschuss eines 2,5 Tonnen schweren Spionagesatelliten des National Reconnaissance Office in erster Linie als Test einer neuen strategischen Rakete dienen könnte. Der Satellit war im Dezember 2006 in seine Umlaufbahn gebracht worden, die Kommunikation zu ihm war aber schnell unterbrochen gewesen. Nachdem der nicht mehr steuerbare Satellit nun Anfang März in die Erdatmosphäre einzudringen droht, hat US-Präsident Bush der Marine die Erlaubnis erteilt, diesen vor dem Eintritt abzuschießen.

Abschuss einer SM-3-Rakete von einem Aegis-Zerstörer. Bild: Pentagon

Das Pentagon und das Weiße Haus begründeten die Absicht, den Satelliten mit einer Rakete von einem Aegis-Zerstörer abzuschießen, damit, dass er 450 kg des giftigen Raketentreibstoffs Hydrazin an Bord hat. Man wolle mit dem Abschuss verhindern, dass das Gift, das für Menschen tödlich sein könne, wenn es eingeatmet wird, auf die Erde gelange, da man auch nicht genau vorhersagen könne, wo die Trümmer niedergehen werden und die Möglichkeit bestehe, dass der Tank nicht beim Eintritt in die Atmosphäre zerstört wird.. Der Abschuss soll erfolgen, wenn das Space Shuttle von der Internationalen Weltraumstation wieder auf der Erde gelandet ist.

Es würde sich um den ersten Versuch handeln, einen Satelliten, der abstürzt, abzuschießen. Da viele Satelliten giftige Treibstoffe zum Manövrieren mit sich führen, wird bezweifelt, ob das Hydrazin der wirkliche Grund ist, zumal es höchst unwahrscheinlich ist, dass Menschen dadurch unmittelbar gefährdet werden könnten. Vermutungen gehen dahin, das Pentagon könnte durch eine Zerstörung möglicherweise verhindern wollen, dass bislang geheime Ausrüstung des Spionagesatelliten in falsche Hände gerät. Allerdings ist auch das unwahrscheinlich, weil der Satellit beim Eintritt in die Atmosphäre in Hunderte oder Tausende von Teilen auseinanderbrechen würde. General James Cartwright hatte diese Vermutungen zurückgewiesen, da die wichtigen Teile in der Atmosphäre verbrennen würden. Cartwright kündigte an, dass man versuchen würde, mit bis zu drei Raketen den Satelliten abzuschießen. Im Einsatz befinden sich die Kriegsschiffe USS Lake Erie, USS Decatur and USS Russell. Der Befehl, sich auf den Abschuss vorzubereiten, ist nach Informationen der Nachrichtenagentur AP schon am 4. Januar gefallen. also schon lange, bevor die Absicht bekannt gegeben wurde.

Die zum Aegis-Waffensystem der Marine gehörenden Schiffe sind auch Teil des seegestützten Raketenabwehrsystems. Im Unterschied zur landgestützten Raketenabwehrsystem, um das es seit einiger Zeit mit Russland Konflikte gibt, weil die US-Regierung eine Raketen- und eine Radaranlage in Polen und der Tschechischen Republik installieren will, hat das seegestützte Systeme bislang bessere Erfolge vorweisen können. Das Raketenabwehrsystem soll dazu dienen, Langstreckenraketen im ballistischen Flug über die irdischen Atmosphäre mit einer Rakete durch die kinetische Wucht des Aufpralls zu zerstören. Der Abschuss des Spionagesatelliten würde auf jeden Fall – zumindest bei Gelingen – eine Demonstration für das umstrittene und teure Raketenabwehrsystem sein, in das die Bush-Regierung auch nach dem 11.9. noch viele Milliarden Dollar investiert hat.

Das russische Verteidigungsministerium sagt zwar nicht explizit, dass es sich bei dem geplanten Abschuss um einen Test mit Weltraumwaffen handelt, und erklärt, dass bislang keine Verletzungen von Abkommen zu erkennen seien, stellt jedoch das Vorhaben dennoch in Frage. Es gebe keine wirkliche Notwendigkeit für einen solchen Abschuss, das Hydrazin könne kein Grund sein. Daher müsse die US-Regierung klären, welche gefährlichen Materialien sich zusätzlich an Bord des Satelliten befinden, beispielsweise Nuklearmaterial. Das russische Verteidigungsministerium fordert eine Analyse der Auswirkungen eines solchen Abschusses, vor allem auch im Hinblick auf die bemannte Raumfahrt.

Das Verteidigungsministerium äußert dennoch den Verdacht, wie die Nachrichtenagentur Ria Novosti berichtet, "dass die USA die Havarie zur Erprobung ihrer Raketenabwehrsysteme ausnutzen wollen. Werden die Abfangwaffen nicht etwa deshalb mit Fernmessapparaturen ausgestattet? Diese Apparaturen sind nämlich notwendig, nicht etwa um den Fakt der Vernichtung festzustellen, sondern um die Abfangwaffe selbst zu testen." Zweifel bestünden vor allem deswegen, weil die US-Regierung sich weigere, "Verhandlungen über das Verbot bzw. über die Begrenzung des Wettrüstens im Weltraum aufzunehmen".

Russland und China haben wiederholt ein Verbot der Aufrüstung im Weltraum gefordert. Erst vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass beide Länder erneut einen Vorschlag für ein Verbot von Weltraumwaffen den Vereinten Nationen vorgelegt haben. Bislang ist nur die Stationierung von Massenvernichtungswaffen, nicht aber die konventionellen Waffensystemen im Weltraum verboten.

Anfang des letzten Jahres hatte China einen Wettersatelliten mit einer vom Boden abgeschossenen Rakete abgeschossen, was große Beunruhigung vor allem in den USA ausgelöst hat. Über die Motive wird weiterhin gerätselt. Während die einen sagen, dass China damit einen Waffentest durchführte, der vor allem gegenüber den USA die militärischen Möglichkeiten demonstrieren sollte, sagen die anderen, dass China damit die USA dazu bewegen wollte, einem internationalen Abkommen zum Verbot der Stationierung von Waffensystem im Weltraum zuzustimmen (China testete Antisatellitenwaffe). Cartwright erklärte, dass der geplante Abschuss mit der chinesischen Aktion nicht vergleichbar sei. Die chinesische Rakete habe den Satelliten viel weiter von der Erde entfernt getroffen, was auch dazu geführt hat, dass dessen Teile weiterhin um die Erde kreisen und für andere Satelliten oder die bemannte Weltraumfahrt gefährlich werden können.

General Cartwright räumte auf einer Pressekonferenz zwar ein, dass die Rakete als eine Antisatellitenwaffe gelten könne. Es würde sich aber um eine modifizierte SM-3 handeln, die nur einmal eingesetzt werde. So muste der hitzesuchende Sensor http://ap.google.com/article/ALeqM5h-LGWDsbeGibIxXzslvQKZrVIW2gD8UR1JKG0r 10 Millionen Dollar teuren Rakete umgebaut werden, da der Satellit weniger Hitze verbreitet als eine Interkontinentalrakete. Es handele sich also um einen Ausnahmefall, ansonsten müsse man mit großem Aufwand Schiffe und Waffensysteme verändern. SM-3-Raketen sind Teil des Raketenabwehrsystems.

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