Einsamkeit gebiert Götter und personifizierte Geräte
Wer sich einsam fühlt, so eine Studie, versucht, seine Umwelt zu beleben und zu vermenschlichen
Je einsamer die Menschen werden, desto eher könnten sie dazu neigen, religiös zu werden und an vermenschlichte göttliche Akteure zu glauben. Mangelnde soziale Kontakte könnten auf dieselbe Weise dafür sorgen, dass nicht nur menschenähnliche Roboter, sondern auch schon Geräte als Wesen anerkannt werden, die eine Persönlichkeit besitzen und mit denen man persönliche Beziehungen aufbaut.
Dass Einsamkeit den Wunsch nach Mitmenschen auf nichtmenschliche Agenten wie Götter, Roboter oder Tiere projiziert, ist einleuchtend. Bekannt ist auch, dass Einsamkeit oder Isolation von anderen Menschen das Immunsystem beeinträchtigt, die Ausschüttung von Stresshormonen verstärkt, die Ausbildung von Depressionen fördert und auch zu Selbstmordgedanken führen kann. Befriedigende soziale Beziehungen sind ein wichtiges Moment, damit Menschen mit ihrem Leben zufrieden sind.
Wissenschaftler der University of Chicago und der Harvard University haben nun versucht, die Hypothese, dass Menschen, die wenig oder keine mitmenschliche Beziehungen besitzen, ihre Einsamkeit mit der Vermenschlichung von Geräten oder göttlichen Akteuren kompensieren, mit Experimenten. Menschen, die vereinsamt sind, versuchen, Beziehungen mit anderen herzustellen. Wer dies nicht schafft, könnte versucht sein, sich Ersatzmenschen zu imaginieren und dazu nach allen möglichen Hinweisen in der Umwelt zu suchen, um dann eben auch Geräte, Tiere oder Götter zu personalisieren. Auf die Medienumwelt kommen die Wissenschaftler allerdings nicht zu sprechen. Prominente, die immer auf dem Bildschirm wiederkehren, dürften von manchen Zuschauern durchaus auch als eine Art Erweiterung des eigenen Bekanntschaftsnetzes angesehen werden.
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Für ihre Hypothese führen die Sozialwissenschaftler Untersuchungen an, nach denen Menschen in Isolation sich eher mit imaginierten Wesen unterhalten, einsame Menschen am stärksten religiös sind oder Menschen, die alleine beten, sich ihrem Gott näher fühlen, als wenn sie dies in einer Gruppe machen.
Um empirisch zu testen, "ob chronische oder vorübergehende Einsamkeit Menschen dazu bringt, menschenähnliche Wesen in ihrer Umwelt zu erzeugen", wurden von Nicholas Epley, Scott Akalis, Adam Waytz und John T. Caciopp drei Tests durchgeführt, die sie in ihrem Artikel Creating Social Connection Through Inferential Reproduction: Loneliness and Perceived Agency in Gadgets, Gods, and Greyhounds beschreiben, der in der Februar-Ausgabe der Zeitschrift Psychological Science erschienen ist.
In einem der Experimente lasen die Versuchspersonen zuerst Beschreibungen von Geräten wie einem Wecker, dem man nachlaufen muss, einem intelligenten Akku zum Aufladen von Batterien oder einem Kissen in Form eines Torso, das eine Umarmung ausführen kann. Die Versuchspersonen sollten dann sagen, inwiefern die Geräte "Intentionen", einen "freien Willen", ein "Eigenleben" oder "Gefühle" haben und wie attraktiv sie diese finden. Schließlich wurden sie einem psychologischen Test unterzogen, um ihr Gefühl der Einsamkeit zu erfassen. Je einsamer die Versuchspersonen sich empfanden, desto eher neigten sie in diesem Experiment dazu, die Geräte zu vermenschlichen.
In einem anderen Test wurden Versuchspersonen ausgewählt, die angaben, an Gott zu glauben, und eine Kontrollgruppe, bei denen dies nicht der Fall war. Sie mussten einen Persönlichkeitstest am Computer ausfüllen und erhielten die Information, dass das Programm dann eine Vorhersage für ihre Leben machen würde. Es würde vor allem erfassen, wie extrovertiert sie seien, wurde dn Versuchspersonen gesagt, und sei sehr genau. Versuchspersonen einer Gruppe wurde prophezeit, sie würden im Alter einsam werden, der anderen, dass sie immer gute soziale Beziehungen haben werden. Dann solletn sie angeben, inwieweit sie an Götter, Engel, Teufel u.ä. glaubten. Wer schon zuvor angegeben hatte, an Gott zu glauben, gab auch an, stärker an übernatürliche Wesen zu glauben. Aber auch diejenigen, denen Einsamkeit vorhergesagt wurde, neigten stärker zur Personifizierung von übernatürlichen Kräften als diejenigen, denen ein erfülltes soziales Leben prophezeit wurde.
In einem dritten Test ging es darum, was Menschen nach der Einstimmung durch einen von drei kurzen Filmausschnitten, die extreme Einsamkeit, Furcht und gemeinsame Freude zeigten, aus mehrdeutigen Zeichnungen herauslesen oder hineinprojizieren. Zudem sollten angeben, wie stark sie an übernatürliche Kräfte glauben oder welche Eigenschaften sie einem Haustier, das sie kennen, zuschreiben. Auch hier ergab sich der Zusammenhang zwischen dem durch den Film induzierten Gefühl der Gemeinsamkeit, dem Glauben an übernatürlichen Kräften, der Zuschreibung von menschlichen Zügen an Haustiere und der Zahl der Gesichter, die in den Zeichnungen gesehen wurden, während Furcht nicht dazu antreibt, die Umwelt zu vermenschlichen.
Humanisierung durch Einsamkeit?
Für die Wissenschaftler belegen die Experimente, dass einsame Menschen dazu neigen, Geräte und Tiere zu vermenschlichen oder ihre Welt mit göttlichen Wesen zu bevölkern. Interessanter als dieses Ergebnis einer Verbindung zwischen gefühlter Einsamkeit und Isolation und der Personifizierung von nichtmenschlichen Dingen und Wesen zur Kompensation der fehlenden Geselligkeit ist eine andere These. Wer gut in einer Gruppe verwurzelt ist und starke zwischenmenschliche Beziehungen hat, fühlt sich nicht einsamer und braucht auch die Umwelt nicht zu personifizieren. Es könnte aber auch bedeuten, dass solche in einer Gruppe verwurzelten Menschen auch weniger Bedürfnis nach weiteren sozialen Kontakten verspüren.
Die Wissenschaftler weisen auf ein anderes Experiment hin, nach dem Menschen, denen das Gefühl gegeben wurde, stark mit anderen Personen verbunden zu sein, weniger bereit sind, Mitgliedern einer anderen Gruppe menschenähnliche geistige Eigenschaften zuzuschreiben, als dies die "Einsamen" machen: "Soziale Isolation motiviert dazu, menschenähnliche Wesen zur sozialen Unterstützung zu erzeugen, soziale Verbindungen senken diese Motivation", schreiben die Wissenschaftler und folgern: "Auch wenn es viele wünschbare Folgen für das geistige und körperliche Wohlbefinden hat, wenn Menschen starke soziale Beziehungen besitzen, so kann dies auch unerfreuliche Folgen haben."
Die Entmenschlichung von Personen, die anderen Gruppen angehören, erleichtert bekanntlich nicht nur Diskriminierung, sondern auch die Anwendung von Gewalt. Sollte dies so sein, so wäre ein gewisser Grad von Einsamkeit oder, besser gesagt: von losen Verbindungen zu Familien, Sippen, ethnischen oder sozialen Gruppen ein Humanitätsfaktor, während starke Bindungen an eine Gemeinschaft die Gefahr von Gewaltausbrüchen gegen andere, fremde Menschen erhöhen würden. Andererseits sind Religion und die Belebung der Natur durch alle Sorten von personalisierten Geistern gerade in der Zeit entstanden, in der die Bindungen an Familien, Clans und Sippen am stärksten ausgeprägt waren.
http://www.heise.de/tp/artikel/27/27306/1.html- sinnbefreite Verallgemeinerungen (20.2.2008 16:41)
- sinnbefreite Verallgemeinerungen (20.2.2008 16:38)
- Meiner Einschätzung.... (19.2.2008 14:52)
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