Irgendwo im Nirgendwo

Der JPGmag-Ableger "Everywhere" landet, wo alle schon immer waren

Die Herausgeber des erfolgreichen Web 2.0-Fotomagazins JPGmag wollen mit "Everywhere" den Markt für Reisezeitschriften aufmischen. Leider kommen sie damit nicht weit.

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Was tun, wenn man ein kleines Wunder geschaffen hat? Wenn man nahezu im Alleingang eine Fotozeitschrift erfunden hat, die keinen einzigen Fotografen hauptamtlich beschäftigt, aber aufgrund von Publikumsbeteiligung aus einem Pool an Bildern schöpfen kann, auf den normale Fotozeitschriften nicht einmal im Traum Zugriff haben? Und die deswegen Ausgabe für Ausgabe wirklich etwas Besonderes ist? Was tun mit diesem Erfolg?

Solche und ähnliche Fragen müssen in der Redaktion des JPGmags neuerdings heftig diskutiert worden sein. Und dann ist den Redakteuren um Paul Cloutier etwas eingefallen. "Everywhere" heißt das neue Ding, und es ist, kurz gesagt, als JPGmag von Touristen für Touristen gedacht. Die Idee liegt nahe. Was Flickr einst konnte, und was das JPGmag aufgrund der redaktionellen Begleitung noch besser kann (siehe Bilder, Bilder, Bilder), nämlich die Welt zu zeigen (siehe Wir zeigen uns die Welt), das sollte doch wohl genügen, um ein Reisemagazin hervorzubringen, wie man es noch nicht gesehen hat. Mit Spannung wartete man deswegen auf die erste Ausgabe von "Everwhere". Um es kurz zu machen: Die erste Ausgabe ist eine arge Enttäuschung. Eine Enttäuschung, die ahnen lässt: So wird das nichts.

Druckfrisch wirkt das Magazin angestaubt, grau, flau und kraftlos, meilenweit von der Vitalität des JPGmags entfernt. Der Ärger fängt schon ganz vorne an, wenn dem redaktionellen Teil satte vier Seiten Werbung vorgeschaltet sind. Auch im Rest des Magazins findet sich eine ganze Menge davon - viel zu viel für ein Magazin, das von seinen beitragenden Citizen Jounalists Profiqualität will, aber sie mit Lokalzeitungshonoraren abspeist.

Hier zeigt sich die Absicht der Redaktion, die Web 2.0-Ressourcen, auf die sie sich stützt, mit aller Macht zu monetarisieren. Besonders peinlich ist in diesem Zusammenhang dann für ein Fotomagazin, dass die Fotos in den Anzeigen viel besser sind als in den redaktionellen Beiträgen. Schon deswegen muss man unwillkürlich an den alten Witz denken, dass Zeitungsverleger Anzeigen verkaufen wollen, und den Raum zwischen den Anzeigen ja auch irgendwie füllen müssen. Weiter geht es mit dämlichem Zielgruppengebagger, das der Herausgeber Todd Lappin den Lesern zumutet:

Im Lauf eines typischen Jahres tun viele Leute beides - sie gönnen sich hochklassige Luxusferien, genießen es aber auch, alles hinter sich zu lassen, um weniger ausgetrampelten Pfaden zu folgen. Das ist wirklich keine Frage des Geldes. Globetrotter mit bescheidenem Geldbeutel wissen, wie man sich ab und zu eine Scheibe vom Luxusleben abschneidet, und viele begüterte Reisende haben herausgefunden, dass sich der Genuss an einer Reise nicht unbedingt proportional zu ihren Kosten verhält.

Diese Plattitüden meinen nur eins: Egal ob du ein Rucksacktourist bist oder dich in Davos und Dubai ganz zu Hause fühlst - nimm deine Kamera mit und versorg uns mit Material, damit wir auch für die Leser aller Einkommensklassen etwas an Bord haben. Und der Rest des Magazins ist auch demnach. Was im "Editor’s Letter" als Vielfalt gefeiert wird, stellt sich als ödes Potpourri heraus. Die wenigen interessanten Beiträge (so z.B. einer über die abseitigen Aspekte von Tucson/Arizona) müssen jede Menge Füllsel mitschleppen - wie zum Beispiel "The World’s Best Hotel Swimming Pools", "Proper Snow Cave Etiquette" und "What’s Inside Dan Gillmor's Gadget Bag?" Artikel, die unfreiwillig an die fiktiven, aber nur allzu realistischen Buchtitel erinnern, mit denen Douglas Adams seinerzeit "Per Anhalter durch die Galaxis" garniert hat.

Das Ganze ist durchdrungen von dem faden Aroma veranstalteter Spontaneität. Man will frisch und anders sein und landet ratzfatz in genau dem beliebigen Hochglanzjournalismus, den man von jedem Inflight-Magazin kennt - nur mit schlechteren Fotos. Nun könnte man sagen, dass es sich um die erste Ausgabe handelt, dass sich das Projekt erst warmlaufen muss. Nachdem Todd Lappin in seiner Herausgeberbotschaft verkündet hat, dass auch Arme reich sein und deswegen für ein Magazin Content beitragen können, für das sich Reiche nicht zu fein sein brauchen, bezeichnet er das vorliegende Heft als Prototyp, das den Charakter des Projekts erst andeuten soll.

Allerdings, das Problem liegt tiefer. Die Lücke zwischen der Materialbeschaffung per Web 2.0 und dem Anspruch, ein Dienstleister für die Tourismusbranche und ein verlässlicher Partner für Werbekunden zu sein, wird sich nicht mit ein paar Floskeln überbrücken lassen. Eigentlich könnte man Paul Cloutier, Todd Lappin und den anderen nur raten, das Ganze gleich wieder zu vergessen, wenn es ihre gelungene Hauptpublikation nicht beschädigen soll. Aber vielleicht ist die Art Ödnis, die von "Everywhere" ausgeht, doch marktgängig. Auf der Website jedenfalls wird bereits Input für Ausgabe 3 eingeworben. Die Themen: Kunsttourismus, Miami, Kopenhagen und "Jetset Weekend". Na dann.

http://www.heise.de/tp/artikel/27/27315/1.html
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