Der Steuersünder als Sozialrebell

19.02.2008

Einer von uns: Wie Klaus Zumwinkel den Wohlfahrtsstaat rettete

Das Gute siegt? Aber nur in Hollywood. Von Gesetzesbrechern geht eine besondere Anziehungskraft aus. Besonders wenn sie als Sündenbock der Mächtigen für deren eigene Fehler herhalten müssen – so wie Jérôme Kerviel, der seine Bank Société Générale um 4,9 Milliarden Euro erleichterte. Oder wie Klaus "Che" Zumwinkel. Er entspricht perfekt dem Bild des Bösen: Perfekt gekleidet, in feinem Tuch, mit Geldhoffern in der Hand. Dabei hat Zumwinkel doch nur gearbeitet - mit aller Kraft für die Volkswirtschaft. Er hat Va banque gespielt - und verloren. Rien ne vas plus - c'est la vie.

Wir haben schon immer gewusst: Es ist langweilig bei der Post. Und sind wir nicht alle kleine Sünderlein? Nun fallen sie über ihn her, die Moralisten. Deutschland freut sich mit der unverhohlenen Häme des Ressentiments, über die "Spitze des Eisbergs". Dabei ist Steuersparen ein Volkssport der Massen, deren liebste TV-Sendung nicht zufällig "Wer wird Millionär" heißt. Spar Dich reich - mit 1000 ganz legalen Steuertricks. Hinzu kommt die polnische Putzfrau, das kolumbianische Kindermädchen, das angebliche Geschäftsessen, die überhöhte Taxiquittung, der verlängerte Weg zur Arbeit, et cetera - gerade im Milieu der "Generation Beust", das bei abendlichen Salons über "neue Werte", die "Tugend Gemeinwohl" und die "Rückkehr der Eliten" schwadroniert.

Etwas über 90.000 Euro Pension Schmerzensgeld hat Klaus Zumwinkel. Im Monat. Klar, dass da einer stiften geht, was Gutes tun will. "Vom Ausgeben hab ich's nicht" sagt einst schon Hermann Josef Abs. Und eigentlich, seien wir doch mal ehrlich, können die Reichen sowieso viel besser entscheiden, was man mit dem ganzen Geld machen kann. Jeder weiß: Reiche sind reich, weil sie besser mit Geld umgehen können. Bessere Manager sind auch bessere Wohltäter, das hinterzogene Geld kommt doch am Ende wieder der Allgemeinheit zugute. Und die Steuern werden bei uns schließlich sowieso von inkompetenten, vulgären Leuten verwaltet.

Diese Inkompetenten reden jetzt über Anstand, und das sich die Maßstäbe für ehrhaftes Handeln und vorbildhaftes Leben in den vergangenen Jahren dramatisch verschoben haben. Dabei ist ihr Wunsch, eine alte Ordnung wiederherzustellen, reaktionär. Zugleich kürzen sie die Witwen- und Waisenrenten, entrechten die Verdächtigen, und immer breitere Bevölkerungsschichten glauben, dass selbst das beste Steuersystem nicht fähig sei, den Reichen zu nehmen, um den Armen zu geben. Zudem gehört die Habsucht zur menschlichen Natur. Und die Moral der neuen S-Klasse, das effiziente Profit-Handeln ohne Rücksicht auf Verluste ist betriebswirtschaftlicher Standard - inklusive Steuervermeidung mit allen Tricks.

Die Re-Resozialisierung des Eigentums

Sind die Steuersünder jetzt die neuen Terroristen? "Steuersünder" ist ein Begriff, in dem Selbstbeschreibung und Fremdbeschreibung nicht zusammenfallen. Des einen Betrüger ist des anderen "freedom fighter". Weder Kombattant noch Revoluzzer, weder bloßer Krimineller noch reiner Fanatiker. Woher wissen wir, das Zumwinkel immer allein die Bereicherung im Sinn hatte? die Lichtensteiner "Bruderschaft von Freien" arbeitete eigentlich an einer sozialen Revolution.

Zumwinkel, das wird gern missachtet, ist nicht nur ein Hedonist mit weißen Kragen, er ist gar kein gewöhnlicher Krimineller, sondern ein Gesetzesverweigerer aus Überzeugung und Berufung, ein Rebell. Ein moderner Robin Hood, ein Pancho Villa des Kapitalismus, der keine Verbrechen begeht, sondern Unrecht beseitigt. Wo der Staat und die Armen die Reichen ausbeuten und ausplündern, da kehrt Zumwinkel diesen Vorgang um, betreibt gewissermaßen die Re-Resozialisierung des Eigentums. Robin Hood war schließlich auch ein Schutzpatron des Kapitalismus. Er zeigte jene oft verlangte soziale Mobilität, propagierte individuellen Aufstieg, lebte einer feudalen Standesgesellschaft Flexibilität, Erfolg und Aufstieg vor, eine reale Freiheit jenseits der Standesgrenzen. Zu Robin Hoods spezieller charity gehört auch die Strategie, seine wahren Motive mit Tricks und Täuschungen zu verbrämen. Zumwinkel hat von ihm gelernt. Er ist ein moderner Sisyphos, der den Kampf gegen das Absurde verkörpert, der auf der individuellen Freiheit bekarrt, der wie sonst nur der Börsenhändler Jérôme Kerviel, der seine Bank um 4,9 Milliarden Euro erleichterte, den Kindheitstraum der Rebellion praktisch lebt.

Der letzte Bolschewist

Was leider in dieser derzeitigen, moralisch bezeichnend überhitzten Debatte, auch völlig übersehen wird: Klaus Zumwinkel ist einer der wenigen echten Revolutionäre. Ein Mann der Tat, der letzte Bolschewist. In nur 24 Stunden hat er aufgeräumt, mit dem ganzen Elitengerede, das gerade unter den neubürgerlichen Enddreißigern Einzug hält. Er hat nachgewiesen, dass "Führungskräfte" keine Vorbilder sind, dass "Leistungsträger" nichts für die Allgemeinheit leisten. Schluss mit dem ganzen Schmu. Keiner, kein Bsirske, kein Lafontaine, schon gar kein Kurz Beck hätte das leisten können. Danke Zumwinkel.

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