Zunehmende Altersarmut

Thorsten Stegemann 03.03.2008

Noch genießt die ältere Bevölkerung einen vergleichsweise hohen Lebensstandard. Doch neben erheblichen Einkommensunterschieden zeichnen sich schon die Abwärtstrends der kommenden Jahre ab

Die Freude am und auf den Ruhestand, die der frühere Arbeits- und Sozialminister Norbert Blüm in der gutgelaunten Feststellung "Die Rente ist sicher!" zum zitierfähigen Ausdruck brachte, hat sich in den letzten Jahren erkennbar eingetrübt. Seit sperrige Begriffe wie demographischer Faktor, Erhöhung des Renteneintrittsalters, nachgelagerte Besteuerung oder private Vorsorge immer häufiger in der öffentlichen Diskussion auftauchen, weiß die ältere Generation, dass es nicht nur darum geht, den materiellen Gegenwert ihres bisherigen Lebenswerks neu zu taxieren. Die steigende Lebenserwartung hat das auf dem Umlageprinzip basierende Rentenversicherungssystem aus der Balance und an den Rand seiner Leistungsfähigkeit gebracht, so dass einschneidende Kürzungen unvermeidlich erscheinen.

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Heinz-Herbert Noll und Stefan Weick von der Gesellschaft Sozialwissenschaftlicher Infrastruktureinrichtungen in Mannheim sind allerdings der Ansicht, dass sich die Situation sehr viel komplexer darstellt. Denn noch genießt die ältere Bevölkerung einen vergleichsweise hohen Lebensstandard. Eine deutliche Verschlechterung der materiellen Lage ist jedoch schon absehbar, und bereits jetzt gibt es innerhalb dieser Gruppe dramatische Unterschiede in Bezug auf Einkommen und Vermögen.

Westdeutsche Männer besser gestellt als Frauen und Ostdeutsche

Die Untersuchung basiert auf Mikrodatensätzen der Einkommens- und Verbrauchsstichproben aus den Jahren 1983, 1993, 1998 und 2003, für die erst im laufenden Jahr neue Zahlen erhoben werden. Deshalb berücksichtigten Noll und Weick ergänzend Daten des Sozio-oekonomischen Panels des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung und des Add-On-Pakets PanelWhiz.

Beim Vergleich der "relativen Einkommensposition", die dem arithmetischen Mittel der Haushaltsnettoeinkommen der Gesamtbevölkerung entspricht (1710 Euro = 100), erreichen die 55- bis 64-jährigen Männer in Westdeutschland die höchste Einkommensposition und erzielen stattliche 121 Prozent. Die 65- bis 69-Jährigen kommen hier noch auf 104, und die mindestens 70jährigen sogar auf 105 Prozent. Im Vergleich zu ostdeutschen Männern sowie Frauen in Ost und West treten allerdings schon deutliche Unterschiede zutage. So erreichen in Ostdeutschland die mindestens 70-Jährigen den Maximalwert mit 91 Prozent, die Frauen kommen selbst im Westen nur im Bereich der 20- bis 54-Jährigen und der 55- bis 64-Jährigen auf knapp über 100 Prozent, fallen in der Kategorie "Ostdeutschland/70 Jahre und älter" aber auf 80 Prozent ab.

Immerhin: Selbst in dieser Gruppe rechnen die Statistiker noch mit einem Vermögen in Höhe von 23.190 Euro pro Person. Den Spitzenwert erzielen hier die westdeutschen Männer "70 Jahre u. älter", die mit einem Durchschnittsvermögen von 67.030 Euro leben können. Sie sind ausreichend mit Wohnraum versorgt, besitzen Autos und moderne Kommunikationsmittel und können in puncto Kaufkraft und Konsumausgaben allemal mit der jüngeren Bevölkerung mithalten. Neben einem erstaunlich hohen Ausgabenniveau haben die Forscher einen beträchtlichen Anteil von sogenannten "overspenders" registriert. Bei bis zu 29 Prozent einer Altersgruppe übersteigen die aktuellen Ausgaben die laufenden Einkommen und deuten damit auf entsprechende Rücklagen und Ersparnisse hin.

Mit Hilfe der umfangreichen Datenbasis können auch längere Zeiträume betrachtet werden. Über die Jahre 1984 bis 2006 (West) und 1992 bis 2006 (Ost) hat sich die relative Einkommensposition der 20- bis 54-Jährigen demnach sukzessive verschlechtert, während die Lage der älteren Bevölkerung einem kontinuierlichen Aufwärtstrend folgte. Bei den über 64-Jährigen lässt sich allerdings seit kurzem eine deutliche Eintrübung erkennen.

Die Zusammensetzung der Haushaltsbruttoeinkommen zeigt dabei einmal mehr erhebliche Unterschiede zwischen Ost und West. Während in Ostdeutschland 84 Prozent der Haushaltsbruttoeinkommen durch Renteneinkünfte erzielt werden, splittet sich das Einkommen im Westen gleich mehrfach auf. 55 Prozent entfallen auf Renten, dazu kommen aber Pensionen (10 Prozent), Werks- und Betriebsrenten (4 Prozent), Kapitaleinkünfte (7 Prozent) und sonstige öffentliche Transferleistungen (17 Prozent).

Einkommens- und Niveauunterschiede

Durchschnittswerte sagen über den Einzelfall bekanntlich wenig aus, und so müssen auch bei dieser Untersuchung die Grenzwerte im Detail betrachtet werden. Die materielle Situation der älteren Bevölkerung gestaltet sich nach Meinung der Autoren denn auch "keineswegs homogen", sondern ist "durch beachtliche Disparitäten" gekennzeichnet.

Sie betreffen zum einen geschlechtsspezifische Ungleichheiten und die Differenzen zwischen Ost- und Westdeutschland. Aber auch innerhalb vergleichbarer Gruppen kann "ein hohes Maß an sozio-ökonomischer Ungleichheit" festgestellt werden. Unter Berücksichtigung des Gini-Index kommen Noll und Weick sogar zu dem Schluss, dass die Haushaltseinkommen in der Altersgruppe ab 65 Jahren in Westdeutschland ungleicher verteilt als in der Gruppe der 20- bis 54-Jährigen.

Für den östlichen Teil der Republik gilt das nicht, weil die Einkünfte der älteren Bevölkerung hier vor allem auf Renten basieren. Sie weisen aber auch durch die höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen und die Homogenität der ostdeutschen Erwerbsbiographien deutlich geringere Schwankungen auf.

Besonders auffällige Differenzen gibt es zwischen den Beziehern von Renten und Pensionen. Rentner erreichten im Jahr 2003 in Westdeutschland eine relative Einkommensposition von 84 Prozent des durchschnittlichen Haushaltsnettoeinkommens – die Pensionäre kamen dagegen auf 145 Prozent und freuten sich darüber hinaus über eine günstige Langzeitentwicklung. Zwischen 1983 und 2003 stieg ihre Einkommensposition nämlich von 114 auf besagte 145 Prozent, während die Rentner im gleichen Zeitraum lediglich einen Zuwachs von 4 Prozent verzeichneten.

Die vorliegenden Befunde rechtfertigen daher den Schluss, dass die derzeitige vergleichsweise gute materielle Lage der Altenbevölkerung zu einem beachtlichen Teil durch die besonders privilegierte Situation der Pensionäre bestimmt wird und es insofern dringend geboten erscheint, in der öffentlichen Diskussion viel stärker zwischen der Lage von Rentnern und Pensionären zu differenzieren als dies in der Regel geschieht.

Heinz-Herbert Noll und Stefan Weick

Die Feststellung von Beamtenbund-Chef Peter Heesen – "Die Beamten stehen nicht außerhalb der Gesellschaft" - ist also sicher gut gemeint, entspricht in diesem Punkt aber offenbar noch nicht der Realität.

Verschlechterung der Situation bereits absehbar

Noch stimmt die von weiten Teilen der älteren Bevölkerung gefühlte Verschlechterung ihrer finanziellen Lage nicht mit den Zahlen und Datensätzen überein. Doch die Autoren haben – wie übrigens auch die Verfasser des Rentenversicherungsberichts der Bundesregierung - keinen Zweifel daran, dass ein spürbarer Abwärtstrend unmittelbar bevorsteht und "schon heute absehbar" ist. Darauf weist nicht nur das Absinken der relativen Einkommensposition in der Mitte des laufenden Jahrzehnts hin. Auch die hohe Arbeitslosigkeit der vergangenen Jahre und der boomende Niedriglohnsektor lassen ein deutlich verringertes Alterseinkommen erahnen.

In jedem Falle ist davon auszugehen, dass sich die gute materielle Lage der derzeitigen Ruhestandsbevölkerung als exzeptionell erweisen und in der Zukunft keinen Bestand haben wird. Vielmehr wird die materielle Unterversorgung im Alter mit großer Wahrscheinlichkeit wieder an Bedeutung gewinnen und zunehmende Teile der Bevölkerung betreffen. Schon deshalb ist es erforderlich, die weitere Entwicklung der Verhältnisse durch ein kontinuierliches Monitoring sorgfältig zu beobachten.

Heinz-Herbert Noll und Stefan Weick

Genau das versucht auch die OECD, deren Rentenexpertin Monika Queisser im Januar darauf hingewiesen hat, dass die Armutsquote der Rentnerinnen und Rentner mit rund zwei Prozent in Deutschland heute weitaus niedriger ist als in den meisten anderen Ländern. An diesem Umstand wird sich in naher Zukunft allerdings schon allein deshalb Entscheidendes ändern, weil keine automatische Altersabsicherung für Geringverdiener eingeführt wurde. Auch die immer zahlreicher werdenden Ruheständler, die weniger als 45 Jahre Rentenbeiträge gezahlt haben, laufen Gefahr, über kurz oder lang von Sozialhilfe abhängig zu sein.

Selbst wenn die viel zitierten Durchschnittsverdiener 25 Jahre lang fleißig Beiträge einzahlen, kommen sie aktuell nur auf eine monatliche Nettorente von etwa 600. Für Hartz-IV-Empfänger wird ein Rentenanspruch von 2,19 Euro verbucht, und die Zahl der Berufstätigen, die lieber als Selbständige arbeiten, weil sie den Sozialversicherungssystemen ohnehin nicht mehr trauen, hat mittlerweile so zugenommen, dass der "Wirtschaftsweise" Bert Rürup schon von einer "Massenflucht" spricht. Rürup könnte sich deshalb eine steuerfinanzierte Mindestrente für Geringverdiener und Arbeitslose vorstellen, die Grundsicherung soll 660 Euro betragen und andere Einkünfte nicht mit einbeziehen.

Um den Flächenbrand Altersarmut einzudämmen, plädiert auch Monika Queisser für die Einführung einer Einheits- oder Grundrente auf niedrigem Niveau, die durch private und betriebliche Elemente aufgestockt werden könnte.

Die Schweiz hat ein System, über das man durchaus nachdenken sollte: Es ruht auf drei Säulen, einer staatlichen, einer betrieblichen und einer privaten. Alle Bürger sind in die staatliche Absicherung einbezogen. Jeder zahlt nach seiner Leistungsfähigkeit, es gibt keine Beitragsbemessungsgrenze. Auch für Millionäre werden die Beiträge nicht gedeckelt. Es gibt in der ersten Säule eine Mindest- und eine Maximalrente, die aber nur das Doppelte des Minimums beträgt. Daneben besteht ab einem bestimmten Einkommen eine Pflicht zur betrieblichen sowie zur privaten Altersvorsorge.

Monika Queisser

Der Sozialverband Deutschland rechnet ebenfalls damit, dass sich die materielle Lage der älteren Bevölkerung mittelfristig erheblich verschlechtern wird und macht dafür diverse Risikofaktoren – " wie z. B. Arbeitslosigkeit und Langzeitarbeitslosigkeit, Niedrig- und Armutslöhne, Zeiten der sozialversicherungsfreien Erwerbstätigkeit, geringere Rentenanwartschaften" – verantwortlich. Nach Berechnungen des Verbandes beziehen schon jetzt etwa die Hälfte der west- und ostdeutschen Männer und etwa 95 Prozent der Frauen eine Rente, die weniger als 1.000 Euro im Monat beträgt.

Wenngleich ältere Menschen im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen, wie beispielsweise den Alleinerziehenden und Kindern, heute noch unterdurchschnittlich von Armut betroffen sind, lassen die Entwicklungen der vergangenen Jahre für die Zukunft einen erheblichen Anstieg der Altersarmut befürchten. Die sprunghafte Zunahme der Zahl von Leistungsbeziehenden der Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung um mehr als 40 Prozent zwischen 2003 und 2005 ist ein erstes Warnsignal für die künftig wachsende Altersarmut.

Sozialverband Deutschland

Der Abwärtstrend lässt sich nach Ansicht des Sozialverbandes aber auch präzise beziffern. Während das Niveau einer Rente aus 45 Beitragsjahren mit Durchschnittsverdienst im Jahr 2000 noch rund 70 Prozent des durchschnittlichen Nettoarbeitsentgelts betragen habe, liefen die Rentenkürzungen der vergangenen Jahre auf ein Nettoniveau von knapp über 50 Prozent im Jahr 2030 hinaus. Wenn diese Niveaukürzung schon jetzt wirksam wäre, rechnet der Verband weiter vor, würde eine Rente von 1.000 Euro nur noch 750 Euro betragen. Ein Durchschnittsverdiener, der 2030 in Rente gehen will, müsste demnach rund 37 Jahre einzahlen, um am Ende wenigstens eine armutsvermeidende Rente zu erhalten.

Angesichts dieser Zahlen, die in der Tendenz seit vielen Jahren bekannt sind, kann sicher davon ausgegangen werden, dass die Auseinandersetzung zwischen Anhängern der steuer- und Verfechtern der beitragsfinanzierten Rente noch lange nicht beendet ist. Bleibt nur zu hoffen, dass die Altersarmut nicht sehr viel schneller vorankommt als die vielfach noch unausgegorenen Lösungsvorschläge.

http://www.heise.de/tp/artikel/27/27368/1.html
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