Südostasien gegen Kohle

Wolfgang Pomrehn 26.02.2008

Die Energie- und Klimawochenschau: In Chile kämpfen die Bauern mit extremen Wassermangel während sich in Südostasien Anwohner gegen neue Kohlekraftwerke wehren. Der Bundestag hat derweil in erster Lesung über die Gesetzesnovelle zur Förderung der erneuerbaren Energien debattiert

Seit vor zehntausend Jahren die ersten Menschen sesshaft wurden und mit Ackerbau begannen, leiden sie unter der Launenhaftigkeit des Wetters. Extremwetter wie derzeit in weiten Teilen Lateinamerikas, in China und anderswo ist daher nichts Neues. Neu ist allerdings die Häufung und neu, zumindest für die Zeit, so lange Wetteraufzeichnungen zurückreichen, ist in manchen Fällen die Heftigkeit der Ereignisse. Neu ist auch, dass weltweit die Fischbestände in den Ozeanen durch die Erwärmung bedroht sind, wie eine jüngst vom UN-Umweltprogramm veröffentlichte Studie nahelegt. Schon in wenigen Jahrzehnten könnte damit ein ernstes Problem für die Welternährung entstehen.

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Derweil sorgt La Niña, die kleine Schwester von El Niño, von deren unheilvollen Treiben in den letzten Wochenschauen bereits ausführlich die Rede war, weiter für Schlagzeilen. Nicht unbedingt hierzulande, wo der Winter in diesem Jahr schon wieder auszubleiben scheint, aber zum Beispiel in Chile: Dort trocknen reihenweise die Brunnen aus. Meteorologen sprechen von der schlimmsten Dürre seit 50 Jahren, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters. Einige Fachleute meinten gar, dass es seit 80 Jahren keine derartige Dürre gegeben hat. Besonders in der Gegend südwestlich der Hauptstadt Santiago haben viele Bauern inzwischen ihre Ernten und auch ein Teil des Viehs verloren. Die Regierung schickt Tankwagen mit Trinkwasser für Mensch und Vieh in die betroffene Region. Die Dürre wird voraussichtlich noch einige Monate anhalten.

Im Norden Chiles und an der angrenzenden Küste Perus herrscht ohnehin für gewöhnlich große Trockenheit. Die dortige Atacama-Wüste, die Chile vor rund 120 Jahren wegen Salpeterlagerstätten Bolivien in einem Krieg abnahm, gehört zu den trockensten Gebieten der Erde. Das hat verschiedene Bergbauunternehmen inzwischen auf die Idee gebracht, Meerwasserentsalzungsanlagen zu bauen.

Die Esperanza-Mine, in der demnächst Antofagasta Minerals Gold und Kupfer abbauen lässt, wird die erste Mine des Landes sein, die gänzlich mit Meerwasser versorgt wird, berichtet ebenfalls Reuters. Das Wasser wird 145 Kilometer weit auf 2300 Meter in die Anden hochgepumpt. Der hohe Preis für mineralische Rohstoffe aller Art macht es möglich. Ein anderes Motiv ist der Konflikt um Wasser, der insbesondere in Peru des öfteren gewaltsam ausgetragen wird. Einige Minenprojekte wurden von den Bewohnern der betroffenen Dörfer deshalb schon erheblich verzögert, was den Druck erhöht, die Bergbauvorhaben mit Meerwasser zu versorgen.

Kohle unerwünscht

Auch auf den Philippinen regt sich Widerstand gegen den Bau neuer Kohlekraftwerke. Unter anderem ist dort das deutsche Unternehmen Evonik (ehemals RAG bzw. Ruhrkohle AG) im Kraftwerksbau engagiert. Der Bau von mindestens acht weiteren Kohlekraftwerken ist geplant. Die Anlagen sollen eine Leistung zwischen 100 und 300 Megawatt haben. Kohlekraftwerke sind nach Greenpeace schon jetzt für 36 Prozent der Kohlendioxid-Emissionen des Landes verantwortlich.

Auch auf den Philippinen und in anderen Ländern der Region wehren sich Bürgerinitiativen an zahlreichen Standorten gegen neue Kohlekraftwerke. In einer gemeinsamen Erklärung heißt es, die Zeit für erneuerbare Energien sei jetzt gekommen. "Verbunden mit Maßnahmen zur Erhöhung der Energieeffizienz kann erneuerbare Energie zum Beispiel aus Wind, Sonne, Wellenkraft oder Erdwärme zuverlässig den benötigten Strom liefern."

Die Länder Südostasiens liegen alle in den Tropen und haben daher eine besonders hohe Sonneneinstrahlung. Inventor warf bei der Gelegenheit auch der philippinischen Präsidentin Gloria Macapagal-Arroyo Heuchelei vor, weil sie, ganz wie Bundeskanzlerin Angela Merkel, einerseits den Klimawandel beklagt und die Verbrennung fossiler Energieträger anprangert, aber andererseits den Bau neuer Kohlekraftwerke unterstützt.

EEG-Novelle

Was Merkel angeht, kam diese Politik mit doppeltem Boden am Donnerstag letzter Woche im Bundestag zur Sprache, als die Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) in erster Lesung behandelt wurde. Die Diskussion geriet zu einer Generaldebatte über die Energie- und Klimapolitik der großen Koalition. Grüne und Linksfraktion kritisierten den Bau neuer Kohlekraftwerke, die FDP verwies darauf, dass die Förderung von Agrarsprit "ökologisch irrsinnig" sei. Der Anbau von Energiepflanzen würde die Lebensmittelpreise in die Höhe treiben. Die Liberalen forderten die Abschaffung des Biokraftstoffquotengesetzes, mit dem die Höhe der Agrarsprit-Beimischung festgelegt wird.

Bezogen auf das EEG schlugen verschiedene Abgeordnete der Koalitionsfraktionen und der Opposition vor, dass auch so genannte Kombikraftwerke gefördert werden sollten. Gemeint ist damit eine Kombination verschiedener Erzeuger und Großverbraucher, die dazu führt, die Stromversorgung zu verstetigen. Bei intelligenter Planung lassen sich nichtsteuerbare Erzeuger wie Windkraftanlagen und Fotovoltaikmodule derart mit steuerbaren Erzeugern wie etwa Biogaskraftwerken kombinieren, dass eine sichere Versorgung gewährleistet werden kann. Mehrere Modellprojekte haben das in letzter Zeit demonstriert (siehe auch Von CO2- zu Ökostrom-Zertifikaten).

Eine Idee, die sicherlich auch dem Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) gefallen dürfte, der sich Sorgen über die Anpassung von Netz und Stromwirtschaft auf die veränderten Bedingungen durch die wachsende Windbranche macht. Der unzureichende Netzausbau sei ein zentrales Hemmnis für einen schnellen Fortschritt der erneuerbaren Energie, hieß es beim Verband. "Das EEG muss diese Bremse lösen", forderte BEE-Geschäftsführer Milan Nitzschke. "Es kann nicht länger hingenommen werden, dass Anlagen ohne einen Ausgleich der entgangenen Einnahmen heruntergeregelt werden, weil die Netzbetreiber nicht früh genug mit dem Ausbau begonnen haben." Nitzschke schlägt daher Anreize für einen Netzumbau vor und verlangt einen Verlustausgleich für Anlagenbetreiber. Eine ähnliche Position hatte der energiepolitische Sprecher der Linksfraktion Hans-Kurt Hill in der Bundestagsdebatte vertreten. Andernfalls, so der saarländische Abgeordnete, würden E.on & Co. auch weiter bei Netzengpässen vorzugsweise Windräder abstellen, weil sie mit ihren Kohle- und Atomkraftwerken mehr verdienen können.

Kern des EEG ist die Abnahmepflicht der Energieversorger, die den Strom aus Windparks, Photovoltaik, kleinen Wasserkraftwerken und Biogasanlagen zu Festpreisen aufkaufen müssen. Diese Preise hängen meist vom Baujahr der Anlagen ab und haben eine eingebaute Degression, das heißt, sie nehmen mit der Zeit ab. Am meisten, und zwar über 40 Cent pro Kilowattstunde, muss für Solarstrom gezahlt werden. Einige dieser Vergütungssätze sollen nun angehoben werden. Windräder haben sich in letzter Zeit aufgrund massiven Anstiegs der Stahl- und Kupferpreise erheblich verteuert. Der BEE führt den deutlichen Rückgang der Neubauten im letzten Jahr auf diese Entwicklung zurück und hofft nun, dass höhere Vergütungssätze die Anlagen wieder attraktiv machen. Insbesondere der Bau von Offshore-Windparks kommt bisher nicht recht in Gang, weil die alten Vergütungssätze aus der noch geltenden EEG-Fassung als zu niedrig angesehen werden. Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, meint der BEE, könne bis 2020 der Anteil von Wind, Wasser, Geothermie sowie Bio- und Solarenergie auf mehr als 35 Prozent an der Stromerzeugung ausgedehnt werden. 2007 lag er bei etwas über 14 Prozent.

Kritik gab es sowohl von der Opposition als auch vom BEE an den Regeln zur Nutzung erneuerbarer Energien in der Wärmeversorgung. Dort stagniere das Wachstum der sauberen seit längerem, hieß es beim BEE, obwohl mit vergleichsweise geringem Aufwand besonders viel erreicht werden könnte. Bis 2020 könne ein Anteil von 20 Prozent der erneuerbarer Energien am Wärmeverbrauch erreicht werden, wenn man sich nicht, wie die Bundesregierung allein auf Neubauten konzentrieren würde. "Der Entwurf des Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz (..) schützt die Verbraucher nicht ausreichend vor den ansteigenden Ölpreisen", meint BBE-Chef Nitzschke. Für die Sanierung der bereits bestehenden Gebäude müsse es eine langfristig garantierte Förderung geben. Auch hiermit sprach er manchem Abgeordneten aus dem Herzen.

http://www.heise.de/tp/artikel/27/27372/1.html
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