Bankensterben unvermeidlich

01.03.2008

Vieles spricht dafür, dass die US-Wirtschaft längst in der Rezession steckt

Die US-Wirtschaft dürfte sich längst in einer Rezession (vgl. Die Domino-Rezession?) befinden, nachdem das Wachstum im vierten Quartal 2007 auf 0,6 Prozent abgestürzt ist. Inzwischen geht der US-Notenbankchef Ben Bernanke davon aus, dass in den USA einige Banken die Krise nicht überleben werden. Das Vertrauen der US-Verbraucher sinkt wegen der fallenden Immobilienpreise und der steigenden Arbeitslosigkeit auf einen neuen Tiefstand seit 1992. Die Börsen sind weltweit wegen der schlechten US-Daten erneut in den Keller gesackt, auch wenn die Baisse nicht so schlimm ausfiel wie im Januar (vgl. Börsen in Panik). Doch auch in Europa sieht es alles andere als rosig aus, gesteht die EU-Kommission ein und die spanische Zentralbank sagt einen deutlicheren Abschwung als bisher voraus.

Ben Bernanke belässt es nun nicht mehr bei Andeutungen. Vor dem Banken-Komitee des US-Senats zeichnete der Chef der Federal Reserve (FED) ein wenig erfreuliches Bild. So meint nun auch der Notenbankchef, dass nicht alle Banken die Finanzkrise überleben werden:

Ich gehe davon aus, dass es einige Zusammenbrüche geben wird.

Damit sprach Bernanke etwas aus, was in Deutschland noch niemand so richtig wahrhaben will. Hierzulande werden Banken mit Milliarden aus der öffentlichen Hand gestützt, um das Vertrauen in das Finanzsystem nicht zu erschüttern. Doch inzwischen prüfen die EU-Wettbewerbshüter, ob es bei den Beihilfen an die IKB (vgl.Neuregeulierung der internationalen Finanzmärkte) und die Sachsen LB (vgl. Das Gespenst der Stagflation) um staatliche Beihilfen handelte und im Extremfall kann die Rückzahlung der Hilfen verlangt werden.

Einige US-Banken haben die Türen wegen ihrer Finanznot für ausländische Investoren geöffnet und darüber ihr Kapital aufgestockt. Nach den Meldungen über Milliardenabschreibungen (vgl. US-Hypothekenkrise schlägt wieder zu) gaben etwa die Großbanken Citigroup, Merrill Lynch oder Morgan Stanley den Einstieg neuer finanzstarker Kapitalgeber bekannt, die meist aus dem arabischen Raum, Fernost oder Russland kommen.

Sorge, ob Banken neue Kredite vergeben

Merrill Lynch hat die staatliche Temasek Holding aus Singapur mit einer 4,4-Milliarden-Dollar-Beteiligung ins Boot geholt. Die Citigroup angelte 7,5 Milliarden Dollar aus Abu Dhabi und nun war auch die große Schweizer UBS dran: Wegen Abschreibungen von 20 Milliarden Franken (vgl. Krise? Welche Krise?) wies sie erstmals in der Geschichte einen Verlust aus. Deshalb bot sie den Aktionären die milliardenschweren Beteiligungen des Staatsfonds GIC aus Singapur und eines geheimen Investors aus dem Mittleren Osten an.

Darin sieht Bernanke den Weg, um die Krise zu überstehen. Er hofft, dass die Kapitaldecke der US-Banken stark genug ist, damit die großen international agierenden Institute solvent blieben.

Ich bin aber besorgt, dass die Banken zurückhaltender werden und keine neuen Kredite mehr vergeben - was aber lebenswichtig für die Wirtschaft ist.

Bernanke sieht die US-Wirtschaft nun in einer schwächeren Position als vor der Rezession 2001. Die FED werde es bei dem möglichen Abschwung schwerer haben als damals und dafür macht er auch die höhere Inflation verantwortlich.

Denn die macht es Bernanke schwierig, die Zinsen weiter zu senken, weil er damit die Inflation anheizen würde.

Sollten die Inflationserwartungen steigen und sich eine Lohn-Preis-Spirale entwickeln, dann wäre dies ein größerer Grund zur Sorge.

Trotzdem will Bernanke "zeitnah handeln, um das Wachstum zu stützen und gegen einen Abschwung abzusichern."

Seit vergangenem Sommer hatte die Notenbank die Leitzinsen schon um 2,25 Punkte auf nun drei Prozent gesenkt. Die Aktienmärkte rechnen trotz der Inflation damit, dass die FED am 18. März die Zinsen erneut um 0,5 Prozentpunkte senken wird.

US-Wirtschaft: Schlechte Rahmendaten

Tatsächlich spricht vieles dafür, dass die Rezession die US-Wirtschaft nun fest im Griff hat. Schlechter als erwartet fielen diverse Rahmendaten aus. Das Wachstum fiel im vierten Quartal deutlich schwächer aus, als allgemein erwartet wurde. Es lag annualisiert nur noch bei 0,6 Prozent. Der Absturz war deutlich, denn das Jahreswachstum lab trotz des schlechten Werts noch bei 2,7 Prozent, was aber der schlechteste Wert seit 2002 ist. Da Analysten von Bloomberg davon ausgehen, dass die Aktivität im Januar und Februar weiter zurückgegangen ist, kann nun von einer Rezession ausgegangen werden.

Betont wird die Abwärtstendenz auch durch die deutlich steigende Zahl von Erstanträgen auf Arbeitslosenhilfe in den USA. Dazu passt, dass der Auftragseingang langlebiger US-Konsumgüter im Januar mit 5,3 Prozent deutlich stärker als erwartet gefallen ist. Viele US-Unternehmen haben ihre Investitionspläne auf Eis gelegt und reagieren auf die schwächere Konjunktur und verstärken zugleich den Abschwung. Die Universität Michigan hat heute einen Bericht vorgelegt, der den Vertrauensschwund der US-Verbraucher aufzeigt, der auf einem Tiefstand seit 1992 angelangt ist. Lag der Index noch im Januar auf 78,4 Punkten ist er im Februar auf 70,8 Prozent abgestürzt. Das hat mit den steigenden Arbeitslosenzahlen aber auch mit dem Immobilienmarkt zu tun, denn der bricht in den USA ebenfalls deutlicher als erwartet ein. Der Verkauf von neuen Häusern fiel vom Dezember zum Januar um 2,8 Prozent auf 588.000. Im Vergleich zum Januar 2007 sind die Verkäufe sogar um 33,9 Prozent zurückgegangen und das macht deutlich, wie stark dieser Markt leidet. Im gleichen Jahreszeitraum sind die Preise um 15,1 Prozent gefallen. Allein zwischen Dezember und Januar erneut um 10,9 Prozent. Und die Turbulenzen bei Banken und Versicherungen sind ebenfalls nicht vorbei. Gerade musste der weltgrößte Versicherer American International Group (AIG) zugeben, im letzten Quartal des vergangenen Jahres 5,3 Milliarden Dollar Verlust geschrieben zu haben, den größten Verlust in der 89-jährigen Geschichte. AIG musste hatte im vierten Quartal 11 Milliarden Dollar abschreiben müssen und schloss damit zu den großen Verlierern der Kreditkrise auf.

Weniger Wachstum und mehr Inflation auch in der EU

Inzwischen hat auch die EU-Kommission erneut ihre Wachstumsprognosen für 2008 gesenkt. Das Schönreden der Probleme scheint auch in Europa ein Ende zu finden (vgl. Psychologie der Krise). Das Wachstum werde deutlich geringer ausfallen als noch im November gepredigt und auch die Inflation werde stärker steigen als vermutet, ließ man aus Brüssel nun verlauten. "Europa bekommt den globalen Gegenwind in Form von niedrigerem Wachstum und höherer Inflation nun ganz klar zu spüren", sagte der EU- Wirtschafts- und Währungskommissar Joaquin Almunia bei der Vorstellung der Zwischenprognose. Deutlich verabschiedet sich der Spanier von den bisher genannten positiven Zahlen. Statt dem noch im November prognostizierten Wachstum von 2,4 Prozent, soll das Wirtschaftswachstum 2008 in der EU auf 2,0 Prozent und im Euroraum auf 1,8 Prozent fallen.

Abschied hat er auch von der Argumentation genommen, die hohe Inflation sei nur ein vorübergehender Effekt (vgl. Gibt die Europäische Zentralbank die Preisstabilität auf?). Auf Jahresrate hochgerechnet hätte die Inflation im Januar 2008 bereits schätzungsweise 3,2 Prozent erreicht. Ausschlaggebend seien gestiegene Lebensmittel- und Energiepreise sowie ungünstige Basiseffekte. Auch die Kerninflation erhöhte sich auf 2,3 Prozent, was auf die Dienstleistungen, nichtenergetische Industriegüter und verarbeitete Lebensmittel zurückgeführt werden könne.

In Spanien spricht die Zentralbank inzwischen auch deutlichere Worte. Neueste ökonomische Daten wiesen darauf hin, dass der wirtschaftliche Abschwung "deutlicher" ausfallen werde, denn im Umfeld "intensivieren sich die Spannungen", erklärt die Banco de España in einem neuen Bericht. Hier ist die Inflation weiter mit 4,4 auf einem sehr hohen Niveau und die Regierung streicht vor den Wahlen am 9. März positiv heraus, dass sie wenigstens nicht noch weiter gestiegen ist. Dabei liegt Spanien inzwischen am vorletzten Platz hinter Slowenien, das sogar 6,4 Prozent Inflation aufweist. Die spanische Zentralbank weist vor allem auf die fallende Bautätigkeit hin, die in den vergangenen Jahren für ein Drittel des Wirtschaftswachstums verantwortlich war.

So ist auch in Spanien das Vertrauen der Verbraucher so schlecht wie zuletzt 1994. Das zeigt sich in der Arbeitslosenstatistik. Seit Monaten steigt die Arbeitslosigkeit im Januar so stark wie noch nie in der neueren Geschichte des Landes. Nach Zahlen der Europäischen Statistikbehörde Eurostat hat Spanien nun Polen überholt und liegt vor der Slowakei auf dem vorletzten Platz mit 8,8 Prozent, während die Arbeitslosigkeit in Europa bei 7,1 Prozent stabil blieb.

Das fehlende Vertrauen der Spanier macht sich deutlich im Konsum bemerkbar und drückt sich in den Zulassungszahlen von Autos aus, die im Januar um 12,7 Prozent gefallen sind. Renault in Spanien geht von einem Einbruch zwischen vier bis zehn Prozent im laufenden Jahr aus. Das gilt auch für die Erteilung von Baugenehmigungen, die im Wohnungsbau um fast 26 Prozent zurückgegangen sind und im übrigen Bereich sogar um fast 37 Prozent.

Einige Immobilienfirmen mussten inzwischen Zahlungsunfähigkeit anmelden. Große Firmen wie Colonial und Habitat wurden kurz vor der Zahlungsunfähigkeit gerade noch gerettet. Insgesamt bereiten sich die Banken gerade erst auf das vor, was die platzende Immobilienblase in Spanien ihnen an Verlusten bescheren wird.

Die schlechten Werte machen sich auch erneut an der Madrider Börse bemerkbar. Schickten die schlechten Aussichten in den USA und die Aussagen von Bernanke die Börse in der letzten Woche weltweit in den Keller, schließt der Ibex in Madrid den vierten Monat in Folge im Minus ab. 13.170 Punkten wies er noch aus, zu Beginn des Monats waren es noch 13.229. Im November, als die Krise aus den USA nach Europa durchzuschlagen begann (vgl. Das Gespenst der Stagflation), lag er noch bei 15.890 Punkten.

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