Der Billionen-Krieg im Irak als Ursache für die Wirtschaftskrise?

02.03.2008

Die Kosten für den geplanten Irak-Krieg seien Peanuts, sagte das Weiße Haus 2002, Nobelpreisträger Stiglitz schätzt jetzt die Kosten alleine für die USA auf 3-5 Billionen Dollar

Was Kriege wirklich kosten, ist eine Frage, die man objektiv wahrscheinlich niemals wird beantworten können. Aber die Kosten und erwartbaren Gewinne oder Verluste spielen natürlich eine Rolle für die Rechtfertigung und die Kritik. Man wird sich noch erinnern können, dass die Bush-Regierung 2002 das Abenteuer Irak-Krieg noch als schnelle erfolgreiche Story verkaufen wollte, deren Kosten vernachlässigbar seien, Peanuts eben für die Supermacht.

Dass die Bush-Regierung schon kurz nach dem 11.9. die Gelegenheit nutzen und Kurs auf den Sturz Husseins nehmen wollte, ist heute ebenso wenig mehr zu bestreiten wie die Lügengeschichten, die auch gegen den Rat der eigenen Geheimdienste durchgedrückt wurden, um den Krieg zu rechtfertigen. Seit Sommer 2002 stand fest, dass die Invasion spätestens im Frühjahr 2003 starten muss, vorher wurde auf der Weltbühne mit williger Beihilfe vieler Regierungen das Schauspiel inszeniert, um einen Anlass zu konstruieren.

Um Stimmung für den Krieg gegen das durch die langjährigen Sanktionen am Boden darniederliegende Land unter der Knute des Diktators zu machen, wurde einerseits dessen Gefährlichkeit beschworen, andererseits hieß es, dass ein Sturz des Regimes schnell und vor allem billig zu bewerkstelligen sei. So behauptete im September 2002 Lawrence Lindsey, der damalige Wirtschaftsberater des Weißen Hauses, dass ein Krieg finanziell unbedeutend sei und gerade einmal 100 oder 200 Milliarden Dollar kosten würde, was einem oder zwei Prozent des Bruttosozialprodukts entsprechen würde. Vieles sei zwar möglich, sagte Lindsey damals, aber "bei jedem plausiblen Szenarium ist der negative Effekt relativ klein gegenüber den wirtschaftlichen Vorteilen, die von einem erfolgreichen Ausgang des Kriegs ausgehen". Nebenbei machte er auch deutlich, dass es weniger um Menschenrechte und Freiheit, sondern ums Öl ging: "Ein Regimewechsel im Irak würde eine Zunahme des weltweit vorhandenen Öls erleichtern" und zu billigeren Preisen führen (Kriegskosten sind Peanuts).

Das Weiße Haus fand die Kosten allerdings übertrieben dargestellt und nannte eher eine Summe zwischen 50 und 60 Milliarden, es war aber auch schon mal von 40 Milliarden die Rede (Milliarden-Budget für Bush und Rumsfeld). Das Congressional Budget Office hatte 2002 für den "schlimmsten Fall" eines drei Monate dauernden, auch mit Bodentruppen geführten Krieges und einer fünfjährigen Besetzung Kosten von 270 Milliarden ausgerechnet. Das war schon ein wenig realistischer. Wissenschaftler gingen aber damals schon von sehr viel höheren Kosten aus (Irak-Krieg kann die USA zwischen 100 Milliarden und 1,9 Billionen US-Dollar kosten). Harvard-Ökonomin Linda Bilmes und der ehemalige Weltbank-Chef und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz kamen nach den rasant galoppierenden Kosten durch den realen Krieg Ende 2005 bereits auf eine Schätzung von 1-2 Billionen für die USA alleine (Der Krieg gegen den Terror wird immer teurer..). Auch andere kamen auf ähnliche Kosten (Was kostet der Irak-Krieg?).

Jetzt legten Stiglitz und Bilmes anlässlich des Erscheinens ihres Buchs "The Three Trillion Dollar War: The True Cost of the Iraq Conflict" noch einmal nach. Mindestens 3 Billionen, vielleicht auch 5 Billionen wird alleine den Amerikanern der Irak-Krieg kosten, sagte Stiglitz, nicht nur die 800 Milliarden, die direkt dafür ausgegeben wurden und vom Weißen Haus genannt werden. Zu den Kosten zählt er etwa auch die gestiegenen Ölpreise, die nicht, wie man im Weißen Haus hoffte, durch das sprudelnde irakische Öl und das Zerschlagen der Opec billiger wurden. Der Irak-Krieg sei, so Stiglitz, "der erste Krieg, der völlig durch Schulden, durch Defizite, finanziert wurde. Weil wir nicht die Steuern erhöht haben, weil wir so getan haben, als wäre dieser Krieg kostenlos zu haben, wurden die Kosten für Veteranen gering gehalten." Aber schon für die Veteranen und die bislang 70.000 Verletzten des Krieges würde man die nächsten Jahrzehnte mehr und mehr Geld ausgeben müssen, Hunderte von Milliarden, nach Stiglitz. Dazu kommen die Zinsen für das Geld, das der Staat sich geliehen hat, um den Krieg zu führen.

Gewinner des Krieges seien vor allem die Öl exportierenden Länder, auch Iran und Venezuela, und die privaten Sicherheitsfirmen wie Blackwater und Co. Stiglitz macht auch für die gegenwärtige Kredit- und Wirtschaftskrise den Krieg im Irak verantwortlich:

The general consensus is now 75 percent probability of going into recession. But whether we go into recession or not, the real fact is that it is a major slowdown. It’s going to be one of the—I think clearly the deepest downturn in the last quarter-century. The loss of output, the difference between the actual output and our potential output, will be at least one-and-a-half trillion dollars, and that’s not money we’re talking about in this Three Trillion Dollar War. This is a serious problem. And I think at the core of this is the war. You know, in the election campaign, people said there are two big issues: the economy and the war. I think there’s one big issue, and that’s the war, because the war has been directly and indirectly having a very negative effect on the economy.

Man habe das nicht bemerkt, weil die FED die Verluste durch den Irak-Krieg mit billigen Krediten kompensieren wollte, die schließlich zur Subprime-Krise und einen Konsumboom geführt haben. Das habe die USA nun eine Rezession und die höchste Verschuldung beschert. Sollte der Irak-Krieg tatsächlich ein Grund für Kredit- und Bankenkrise sein, die sich von den USA ausbreitet, dann würden die tatsächlichen weltweiten Kosten noch weitaus höher als einige Billionen Dollar sein. Und jenseits des menschlichen Leids für Iraker und die Soldaten der Koalitionstruppen (oder des Profits für die Kriegsgewinnler und privaten Sicherheitskräfte) hat dieser Krieg die Welt verändert – vermutlich nicht zu einer besseren Zukunft. Aber immerhin, die Sicherheits- und Waffenindustrie brummt, während die Öl und Gas produzierenden Länder nicht nur mehr Macht haben und in ihre Rüstung investieren, sondern auch dank der Wirtschaftskrise in den USA und in Europa auf Beutezug gehen können.

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