Neue Opfer des "Finanzmarkt-Tsunamis"

Rainer Sommer 05.03.2008

Massive Zinserhöhung für US-Kommunen nund Bundesstaaten

Der "Finanzmarkt-Tsunami", den Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank, aufgrund der Probleme der Monoline-Kreditversicherer befürchtet, hat seine ersten Opfer gefordert. So mussten US-Kommunen und -Bundesstaaten vergangene Woche einen so empfindlichen Anstieg ihrer Finanzierungskosten hinnehmen, dass sie nun planen, gemeinsam gegen Wall Street-Banken und Ratingagenturen vorzugehen. Grund für die jüngste Aufregung waren die so genannten Auction-rate Bonds, von denen aktuell ein Volumen von rund 330 Mrd. USD in Umlauf ist. Dabei handelt es sich um steuerbefreite langfristige Anleihen mit Laufzeiten von mindestens 20 Jahren, die es öffentlichen Körperschaften erlauben, ihre langfristigen Verbindlichkeiten zu niedrigen kurzfristigen Zinssätzen zu finanzieren. Das hatte öffentlichen Kreditnehmern wie Bundesstaaten oder öffentlichen Spitälern laut Bloomberg in den letzten zehn Jahren gegenüber normalen Anleihen einen Zinsvorteil von im Schnitt 3,5 Prozent gebracht, seit letzter Woche scheint es damit aber vorbei zu sein.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Die Besonderheit dieser Anleihen ist es, dass der konkrete Zinssatz alle 7-35 Tage durch eine Auktion neu festgesetzt wird und somit permanent von Angebot und Nachfrage abhängt. Sollte eine Versteigerung jedoch scheitern, dann wird ein zuvor vereinbarter Zinssatz wirksam, was bislang aber als höchst unrealistische Variante betrachtet wurde. Denn immerhin waren laut der Ratingagentur Moody’s von 1984 bis 2007 nicht einmal 50 von mehr als 50.000 Versteigerungen geplatzt, was allerdings vor allem in der Bereitschaft der Investmentbanken begründet war, bei zu geringer Nachfrage mit eigenem Kapital einzuspringen.

Seit im Zuge der Immobilienkrise die Kommunen aber unter sinkenden Steuereinnahmen zu leiden haben und zudem die Monoline-Kreditversicherungen, die diese Kommunalanleihen üblicherweise garantieren, in Schwierigkeiten geraten sind, ist die Nachfrage nach den Auction-rate-Bonds völlig kollabiert. Die Investmentbanken, die krisenbedingt bereits hohe Bestände an faulen Subprime-Anleihen und an unverkäuflichen Krediten für Leveraged-Loans aus Unternehmensübernahmen durch Private Equity Fonds in den Büchern haben, verweigerten letzte Woche ebenfalls die Annahme, so dass sich die Kommunen laut Bloomberg nun plötzlich mit Zinssätzen von bis zu 20 Prozent konfrontiert sehen.

Die Folgen werden bereits spürbar. So gab laut Bloomberg die "Pennsylvania Higher Education Assistance Agency", die geförderte Kredite an Studenten vergibt und in den vergangenen sieben Jahren der zweitgrößte Emittent von Auction-rate-Anleihen war, bekannt, ab sofort keine Kredite mehr vergeben zu können, weil ihre Zinsbelastung um 24 Millionen Dollar angestiegen sei. Kalifornien, der größte Emittent von Auction-rate-Anleihen, versucht hingegen, Anleihen im Volumen von rund 1,25 Mrd. USD umzuschulden, da sich die Zinssätze zuletzt auf sechs Prozent verdoppelt hatten.

Die geplanten Umschuldungsaktionen stoßen allerdings auf das Problem, dass der Markt kaum imstande sein dürfte, das gewaltige Volumen, das Bloomberg auf bis zu 166 Mrd. USD schätzt, aufzunehmen – selbst zu den seit letzter Woche um mehr als fünf Prozent niedrigeren Preisen für normale langfristige Kommunalanleihen.

Dazu kommt, dass die Ratingagenturen öffentliche Körperschaften schlechter bewerten als Unternehmen mit vergleichbarem Rsikoprofil, wie Bill Lockyer, der Finanzminister von Kalifornien, laut New York Times behauptet. Er meint, dass Kalifornien, das aktuell über ein "A"-Rating verfügt, von den Agenturen eigentlich mit einem "Tripple-A"-Rating ausgestattet werden müsse, was deutlich niedrigere Finanzierungskosten bewirken würde. Er organisiert deshalb eine landesweite Kampagne, der sich Connecticut, Oregon und Washington angeschlossen haben und die bereits erreicht hat, dass sich das Finanzkomitee des Kongress am 12. März mit den Kommunal-Ratings befassen wird.

Sollte die Initiative Erfolg haben, dann könnte sich die Kommunen einiges ersparen. So hätten laut Bloomberg Kommunen mit schwachen Ratings allein im Vorjahr 2,5 Mrd. USD für Anleihenversicherungen ausgegeben. Die Agenturen argumentieren hingegen, dass es für die Investoren eben wichtig sei, Differenzierungskriterien zu erhalten. Würden sie tatsächlich bis zu 95 Prozent der Emittenten mit Bestnoten ausstatten, dann wären die guten nicht mehr von den besseren Schuldnern zu unterscheiden.

http://www.heise.de/tp/artikel/27/27428/1.html
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS