Neue Hoffnung für Indiens Bauern?

Gerhard Klas 16.03.2008

Der vom indischen Finanzminister angekündigte Schuldenerlass von 10 Milliarden Euro wird die Situation der Bauern kaum verbessern

Indische Bauern tragen schwer an den Folgen der Globalisierung: Sie sind einer globalen Billigkonkurrenz ausgesetzt und erzielen für Agrarprodukte wie Baumwolle, Bananen oder Gewürze kaum noch Preise, die ihre Produktionskosten decken. Die Hälfte der mehr als 90 Millionen Bauernhaushalte Indiens hat sich seit der Marktöffnung Anfang der 90er Jahre verschuldet. Etwa Hälfte der Inder – 500 Millionen – lebt in Bauernhaushalten. Vor allem die große Mehrheit der Kleinbauern, die nicht mehr als zwei Hektar Land haben, sind verzweifelt. 150 Millionen Angehörige von Kleinbauernfamilien – so schätzt die Regierung – sind sogar unterernährt.Sie sind verzweifelt, und etwa zehntausend Bauern bringen sich jedes Jahr um. Es sind diese Selbstmorde, die das auch hierzulande vielgelobte wirtschaftliche Erfolgsmodell Indien konterkarieren.

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Nun hat der indische Finanzminister Palaniappan Chidambaram angekündigt, im neuen Haushaltsjahr 30 Millionen Bauern umgerechnet 10 Milliarden Euro an Schulden zu erlassen. Damit, so heißt es, sollen die Bauern aus ihrer misslichen Lage befreit werden. Eine Ankündigung, die im Ausland auf viel Widerhall gestoßen ist.

Aber der angekündigte Schuldenerlass ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein: Nicht 30 Millionen, sondern mehrere hundert Millionen Kleinbauern kämpfen um ihr tägliches Überleben. Nur wenige gelten als solvent und haben Kredite bei Banken aufnehmen können, mehrheitlich gelten Kleinbauern in Indien als "kreditunwürdig" und müssen sich bei privaten Geldverleihern verschulden. Oder bei Nichtregierungsorganisationen und privaten Finanzinstitutionen, die sogenannte Mikrokredite vergeben – in der Regel zu einem Zinssatz von mehr als 20 Prozent. Aber diese privaten Kredite werden nicht erlassen. Dabei beträgt ihr Anteil in den besonders krisengeschüttelten Regionen Indiens mehr als zwei Drittel an den Gesamtschulden der Kleinbauern.

Agrar- und Entwicklungsexperten wie der renommierte indische Journalist P.Sainath kritisieren, dass die Regierung der zentralen Forderung von Bauernorganisationen nicht nachgekommen ist, künftig staatliche Kredite zu günstigeren Zinssätzen zur Verfügung zu stellen. Deshalb – und wegen des internationalen Dumpingwettbewerbs – kommen die Bauern aus der faktischen Schuldknechtschaft nicht heraus. "In zwei Jahren werden sie wieder auf dem selben Schuldenniveau sein wie heute", befürchtet deshalb P.Sainath.

Agrarökonomen hingegen halten Zinssätze von maximal 4 Prozent für realistisch, sollen die Kleinbauern nicht in den finanziellen Ruin getrieben werden. Da bleibt allerdings nichts mehr für die Rendite westlicher Anleger übrig. In Zusammenarbeit mit der Weltbank und regionalen Entwicklungsbanken bieten etwa die Fondsgesellschaft Axa und die Kölner Pax-Bank Mikrokredit-Zertifikate an, die den Anlegern mehr als vier Prozent Zinsen versprechen. "Für Kleinanleger wäre das durchaus interessant, denn die Rendite übersteigt zumeist die von Geldmarktfonds", lobt die Frankfurter Allgemeine Zeitung und fährt fort: "Die Kredite für die Ärmsten der Armen haben zudem erstaunlich geringe Ausfallraten: zwischen 1 bis 2 Prozent beträgt die Quote und liegt damit unter denen vieler herkömmlicher Banken."

Der indische Finanzminister Chidambaram, ein Harvard-Absolvent, ist ein großer Freund der Business-Community. Auch er setzt - wie die Weltbank – bei den Mikrokrediten auf den Privatsektor und rechtfertigt Zinssätze von mehr als 20 Prozent für Kleinstkredite "Das ist überall auf der Welt üblich", erklärte er auf einem Banken-Kongress 2006 im indischen Hyderabad. Die Finanzinstitutionen, so ließ er verlauten, müssten schließlich auch die Kosten für die Kreditvermittlung in entlegenen ländlichen Gebieten tragen, "das müssen wir den Leuten beibringen".

Der aktuelle Schuldenerlass für die indischen Kleinbauern ist vor allem Wahlkampfpropaganda. Schon seit Jahren hat die derzeitige Regierung immer wieder beteuert, solch ein Programm aufzulegen. Aber nun wird es ernst für sie: Das Haushaltsjahr 2008/2009 ist gleichzeitig das letzte der Legislaturperiode der Regierung der United Progressive Alliance (UPA) unter Führung der indischen Kongresspartei. Im Mai 2009 sind Wahlen angesetzt, und die Stimmen der Bauern, die mehr als die Hälfte der insgesamt 1,1 Milliarden Inder ausmachen, sind entscheidend für den Erfolg oder Misserfolg einer Kandidatur.

Ob die Regierung ihre Stimmen mit dem Programm zum Schuldenerlass einkaufen kann, ist ungewiss. Denn ohne Schutz vor dem sogenannten "freien Weltmarkt" und ohne staatliche Kredite zu niedrigen Zinsen werden die Kleinbauern weiterhin millionenfach in die Hände privater Geldverleiher und Finanzinstitutionen getrieben - und damit in den Ruin.

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http://www.heise.de/tp/artikel/27/27477/1.html
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