Hokuspokus im Büro

Der Arbeitsschutz und die Esoterik in (un)heilig-blödsinniger Verbrüderung

In den letzten Jahren hat es einige Fälle gegeben, bei denen die Esoterik in offiziellen Zusammenhängen Boden gut machen konnte. Als Beispiele seien der mittlerweile wieder besser getarnte biodynamische Firlefanz an der Universität Kassel und die zunehmende Akzeptanz der "Komplementärmedizin" durch die Krankenkassen genannt. Seit einiger Zeit empfiehlt eine Bundesanstalt Feng Shui.

Arbeitsschutz - ein dröges Thema. Weil die allermeisten Menschen ihr Leben zu Recht gern völlig vor der Arbeit geschützt sähen, anstatt nur vor Arbeitsbedingungen, die ihren Wert für die Arbeitgeber mindern, kann man ein wenig das Gähnen verstehen, das von Diskussionen über den Arbeitsschutz ausgelöst wird. Aber es hat auch schon Zeiten gegeben, da mangelnder Arbeitsschutz sehr schnell zu Invalidität, Krankheit und Tod führte, und da sich der Staat tendenziell um immer weniger kümmert, ist es schon richtig, dass sich wenigstens um den Arbeitsschutz noch eine Bundesanstalt kümmert. Sollte man meinen.

Denn derzeit kann man daran zweifeln, dass bei der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin noch alle Tassen im Kantinenschrank stehen. Grund dafür ist eine Broschüre namens "Wohlbefinden im Büro - Arbeits- und Gesundheitsschutz bei der Büroarbeit", die offenbar nicht als Aprilscherz gemeint ist, aber trotzdem Feng Shui als Mittel der Wahl zur Verbesserung des Arbeitsklimas in Büros empfiehlt.

Feng Shui, vielleicht muss man das noch erklären, ist eine Kombination aus vorwissenschaftlichem Geraune über "Lebensenergie" (Herkunftsland: China) und modernem Marketing, das dieses Geraune auf Situationen überträgt, die es ursprünglich nicht gemeint haben kann. Zum Beispiel Büroorganisation. Die esoterisch inspirierten Ratschläge, die die Bundesanstalt anzubieten hat, sind von erschütternder Banalität: Büroangestellte sollen einander nicht direkt gegenüber sitzen (wer will auch schon den ganzen Tag in das Gesicht von Müller III sehen), ein aufgeräumter Schreibtisch wirkt konzentrationsfördernd, eine Tür im Rücken und das Starren auf eine Wand hingegen tun dies nicht, und Pflanzen im Büro sind auch ganz nett.

Überhöht werden diese Allerweltsweisheiten mit der Behauptung, ihre Anwendung im Alltag garantiere das freie Fließen von "Chi". "Chi" ist die bereits oben erwähnte Lebensenergie. Die Methode erinnert ein wenig an den Katholizismus, der die unbefleckte Empfängnis und die Transsubstantiation bemühen muss, um die Idee zu verankern, dass man sich nicht ständig gegenseitig an die Gurgel gehen sollte, weil das nur den Alltag belastet. Den Verfassern der Broschüre wurde selbst ein wenig mulmig bei ihrem Bekenntnis zum Geschwurbel, das merkt man ihrer rhetorischen Vorneverteidigung an:

Wem das alles zu unwissenschaftlich oder gar esoterisch vorkommt, der möge an eine mittlerweile auch von der Schulmedizin akzeptierte Heilmethode denken: die Akupunktur. So wie der Akupunkteur durch Nadelstiche an bestimmten Punkten den Energiefluss im Körper anzuregen und zu beeinflussen versucht, bedient sich der Feng-Shui-Praktiker ganz ähnlicher Hilfsmittel, z.B. Gegenstände, um das Chi eines Ortes ins Fließen zu bringen.

"Ein höchst unplausibles archaisches Lebenskraftkonzept"

Die Gesellschaft für wissenschaftliche Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP), der bekannteste Skeptikerverband in Deutschland, hat dazu in einer Stellungnahme folgendes zu sagen:

Nun ist allerdings bisher keineswegs belegt, dass Akupunktur eine spezifische Wirkung hat, die über die einer Scheinakupunktur hinausgeht. Was möglicherweise eine Wirkung hat, ist also allenfalls eine "Nadelung" im Allgemeinen. Die chinesische Chi-Lehre würde dadurch jedoch keineswegs bestätigt, sondern bliebe ein höchst unplausibles archaisches Lebenskraftkonzept. Solche Lebenskraftkonzepte wurden in den Biowissenschaften bereits Mitte des 19. Jahrhunderts aufgegeben. Doch selbst wenn die Existenz einer Chi-"Energie" bei Lebewesen belegbar wäre, so bliebe zu erklären, wie und warum diese im Bereich der Architektur und Raumgestaltung wirksam sein sollte.

Aber nicht nur die Frechheit, mit der sich der Humbug hier neu einkleidet, macht das Interessante an der Sache aus, sondern die spezielle Art, in der er es tut. Die Rückkehr des animistischen Spuks hat ein Moment der Notwendigkeit an sich. Je mehr die Angestellten verdinglicht werden, desto lebendiger werden die Dinge und Gerätschaften, von denen sie umgeben sind. Je mehr das Leben der Angestellten von Überstunden, Kündigungsängsten und dem Spektakel der Konkurrenz niedergehalten wird, desto dringender wird die Lebensenergie auf die Kulisse projiziert, in der sich dieses Theater der Grausamkeit entwickelt.

Die Galeere, auf der wir sind, hat ein wenig Musik dringend nötig, und dabei geht es eben nicht nur um die Angebote der traditionellen Religionen mit ihren düsteren Tendenzen zur Refundamentalisierung, sondern zunehmend auch um eine fluffige Esoterik, die sich liberaler und farbenfroher gibt, aber genauso wenig taugt. Weil sie dieses Element der Notwendigkeit nicht benennt, geht die GWUP mit ihrer gut gemeinten Intervention fehl, wenn sie schreibt:

Es wäre bedauerlich, wenn als Ergebnis dieser Arbeit, Büroinhaber und Bauherren zu unnötigen Investitionen in wirkungslose Maßnahmen verleitet werden, statt ihr für Budget für wirklich positive Leistungen im Sinne des Arbeitsschutzes zu verwenden.

Es ist der Charakter der Arbeitsverhältnisse selbst, der esoterische Verschleierungen nahelegt. Die Vorstellung von der überlasteten Sekretärin, die Psychopharmaka nehmen muss, um im Job mitzuhalten, aber ihren Arbeitsplatz verbessern will, indem sie ihn mit Feng Shui aufrüstet, hat etwas tief Trauriges an sich. Dass sie das jetzt auch noch auf behördliche Empfehlung hin tun kann, ist das Problem an der besagten Broschüre.

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