Das andere London

..oder das Phantastische an der Phantastik

Irgendwo außerhalb der Grenzen unserer Realität, ja unserer Vorstellungskraft gibt es eine Stadt, die sich UnLondon nennt. Sie teilt mit ihrem Spiegelbild London eine Menge: städtebauliche Grundmuster, manche Gebäude, Verwaltungsstrukturen - aber immer auf extrem verzerrte Weise. Sie ist die böse Märchenversion von London, aber doch mit dem Original verbunden durch bestimmte, verborgene Grenzübergänge, die für die Eingeweihten zu Verfügung stehen, aber manchmal, selten, auch die Uneingeweihten plötzlich in ein Nebenuniversum zerren. UnLondon ist nicht die einzige Unstadt ihrer Art - da wären zum Beispiel auch noch Parisn’t, Sans Francisco, Lost Angeles oder No York - aber UnLondon ist die Stadt, um die es China Miéville geht.

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In UnLondon herrscht Miévilles Vorstellungskraft, und da die bunt und vielfältig ist, gibt es einiges zu bestaunen: aus Büchern geschneiderte, also lesbare Kleider, Doppeldeckerbusse an Ballons und auf Beinen, Gespenster und Halbgespenster, Binjas (Mülltonnen mit vielfältigen Kampfsportfähigkeiten), Brücken, die sich selbständig durch die Stadt bewegen, und andere Wunder. Die Sonne UnLondons heißt "UnSun", der Mond "Loon", der Stadtfluss "Smeath". Ein besonderes Merkmal von UnLondon ist, dass dort viel von dem Müll landet, der in London produziert wird: "Moil" ("Mildly Obsolete in London") dient in UnLondon teils als Baumaterial, teils als Alltagsressource - Computer, die in London keiner mehr haben will, werden in der Unstadt weiter benutzt. Sogar alte, im "wahren" London wertlos gewordene Geldscheine finden ihren Nutzen in UnLondon: Sie kursieren dort immer noch als Währung. Diese Form der Recyclingökonomie hat ihren Charme, aber sie ist auch der Grund für das größte Problem der Stadt: Smog.

Während man in London den Smog weitgehend im Griff hat, ist seine gefährliche Variante nach UnLondon umgezogen, und in UnLondon ist Smog nicht einfach nur ein industriell hervorgerufenes meteorologisches Phänomen. Sondern ein lebendes, denkendes Überwesen mit den bösartigsten Absichten, eine Art dunkler Gott der Umweltverschmutzung, der sich von Feuern ernährt, in seinem Inneren nach Bedarf die verschiedensten Chemikalien synthetisieren kann und gerne auch mal mit tödlichen Varianten von Niederschlag auf Menschenjagd geht - ein Echo der tödlichen Auswirkungen des Londoner Nebels bis zur Mitte der zwanzigsten Jahrhunderts.

Das Ziel des Smogs in UnLondon ist das übliche: Weltherrschaft

Das allein wäre ein gutes Szenario für einen phantastischen Ökothriller. Aber zum Einen hat Miéville einfach mehr von den Zutaten zu bieten, die das Phantastische an der Phantastik ausmachen: mit seiner Erfindungskraft, seinem schwarzen Humor und seinem Wortwitz schreibt er eher auf dem Niveau von Lewis Carroll als auf dem zeitgenössischer Bestsellerautoren. Und zum anderen vertraut er nicht darauf, dass Jugendliche im Grunde etwas einfacher strukturierte Erwachsene sind, die mit eindimensionalen Plots und moralisch leicht sortierbaren Charakteren abgespeist werden sollten.

Er könnte auf das übliche Muster setzen: Ein zunächst schwach wirkender Held wird aufgrund magischer Hilfe befähigt, mit einer übermächtigen Bedrohung fertig zu werden. Aber wer zu den Guten und wer zu den Bösen gehört, das ist in UnLunDun Gegenstand der Diskussion, und der Plot schlägt Haken, die einem handelsüblichen Jugendbuchlektor den Schweiß auf die Stirn treiben dürften. So zum Beispiel wechselt Miéville die Heldin, die vorher mit einigem Aufwand als "Auserwählte" aufgebaut worden ist, recht spät im Buch gegen ihre beste Freundin aus - ein Schachzug, bei dem manche Rechteverwerter schon die Verfilmungschancen davonschwimmen sähen. Die magischen Boten in UnLunDun, die eigentlich die Aufgabe hätten, die "Auserwählte" auf ihre Aufgabe vorzubereiten, wirken nicht wie die Heiligen Drei Könige oder wie Gandalf, sondern ziemlich trottelig, ratlos und leichtgläubig. Das magische Buch, das eigentlich die entscheidenden Voraussagen zum Thema Weltrettung enthalten soll, irrt sich schon bald ziemlich gründlich.

UnLunDun ist voll von solchen ironischen Finessen. Erwähnenswert sind außerdem die Illustrationen, die von China Miéville selbst stammen. Während sie für sich genommen einigermaßen schülerhaft wirken fügen sie sich in die Erzählung erstaunlich gut ein und behindern zudem die Phantasie des Lesers nicht bei ihrer Imaginationsarbeit.

Hinweis: Dieser Artikel bezieht sich auf die englische Originalfassung, die deutsche Übersetzung von Eva Bauche Eppers ist gerade bei Heyne erschienen

http://www.heise.de/tp/artikel/27/27507/1.html
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