Schlanke Schule statt schlanke Schüler

17.03.2008

Die G8-Effekte böten eine Gelegenheit, den Schulunterricht von im Laufe der Jahrhunderte angesammelten Stoffschlacken zu befreien

Bei der Verkürzung des Gymnasiums auf acht Jahre wurde eine "Entrümpelung" versprochen – aber nur sehr bedingt geliefert. Dabei wäre die Verkürzung eine Gelegenheit, sich einmal die Frage zu stellen, wie Inhalte wie Sport, Musik und Religion in den öffentlich finanzierten Schulunterricht kamen – und ob sie unbedingt dort bleiben müssen.

Vom Terrorcamp zum Sportunterricht

Der Sportunterricht geht auf einen bärtigen Fanatiker zurück: Turnvater Jahn, der auf der Neuköllner Hasenheide eine Art nationales Terrorcamp gründete, in dem die, seiner Ansicht nach, verweichlichten Sprösslinge des preußischen Bürgertums für den Kampf gegen die ihm verhassten französischen Zivilisationsbringer ausgebildet werden sollten. Seine Mittel waren unter anderem einheitliche Turnkleidung, Wettkämpfe und Siegerehrungen.

In einer 1842 erlassenen "allerhöchsten Kabinettsordre" wurde dieses von Adolf Spieß weiter militarisierte und von Alfred Maul gestraffte System Jahn "notwendiger und unerlässlicher Bestandteil der männlichen Erziehung" an allen öffentlichen Schulen im Königreich Preußen. In den darauf folgenden Jahrzehnten folgten die anderen deutschen Länder diesem Vorbild.

Während der Nazizeit lag der zeitliche Aufwand für die Körperertüchtigung bei wöchentlich fünf Schulstunden. Warum das so sein sollte, hatte Hitler bereits in "Mein Kampf" ausführlich dargelegt, wo er dem Sportunterricht viel Raum widmete. Die "Sünden" der "Intelligenz" gegen ihre Körper machten sie seiner Ansicht nach anfällig für die "bolschewistische Welle" – vor allem in Mitteldeutschland, Sachsen und im Ruhrgebiet: "Das war aber alles nur möglich, weil besonders unsere höhere Schulbildung grundsätzlich nicht Männer heranzog, sondern vielmehr Beamte, Ingenieure, Techniker, Chemiker, Juristen, Literaten und, damit diese Geistigkeit nicht ausstirbt, Professoren." Außerdem, so der spätere Kanzler, fördere eine "übermäßige Betonung des rein geistigen Unterrichtes und die Vernachlässigung der körperlichen Ausbildung […] in viel zu früher Jugend die Entstehung sexueller Vorstellungen."

Der junge Mann hat Hitler zufolge kein Recht, mit seinem Körper anzufangen, was er will, sondern muss ihn – weil dieser eher der Volksgemeinschaft gehört als ihm selbst – "stählen und hart machen." Mit der Vorstellung, dass "die Behandlung seines Körpers jedes einzelnen Sache selber wäre", sollte nach Auffassung des führenden Nationalsozialisten "aufgeräumt" werden: "Es gibt keine Freiheit, auf Kosten der Nachwelt und damit der Rasse zu sündigen." Zudem, so der Schnauzbartträger, würde sich "in der Masse genommen […] ein gesunder, kraftvoller Geist auch nur in einem gesunden und kraftvollen Körper finden":

"Die körperliche Ertüchtigung ist daher im völkischen Staat nicht eine Sache des einzelnen, auch nicht eine Angelegenheit, die in erster Linie die Eltern angeht, und die erst in zweiter oder dritter die Allgemeinheit interessiert, sondern eine Forderung der Selbsterhaltung des durch den Staat vertretenen und geschürten Volkstums. So wie der Staat, was die rein wissenschaftliche Ausbildung betrifft, schon heute in das Selbstbestimmungsrecht des einzelnen eingreift und ihm gegenüber das Recht der Gesamtheit wahrnimmt, indem er, ohne Befragung des Wollens oder Nichtwollens der Eltern, das Kind dem Schulzwang unterwirft, so muß in noch viel höherem Maße der völkische Staat dereinst seine Autorität durchsetzen gegenüber der Unkenntnis oder dem Unverständnis des einzelnen in den Fragen der Erhaltung des Volkstums. Er hat seine Erziehungsarbeit so einzuteilen, daß die jungen Körper schon in ihrer frühesten Kindheit zweckentsprechend behandelt werden und die notwendige Stählung für das spätere Leben erhalten. Er muß vor allem dafür sorgen, daß nicht eine Generation von Stubenhockern herangebildet wird."

Deshalb, so Hitler, müsse der "völkische Staat […] seine gesamte Erziehungsarbeit" nicht auf das "Einpumpen bloßen Wissens" ausrichten, "sondern auf das Heranzüchten kerngesunder Körper. Erst in zweiter Linie kommt dann die Ausbildung der geistigen Fähigkeiten":

"Die Schule als solche muß in einem völkischen Staat unendlich mehr Zeit frei machen für die körperliche Ertüchtigung […]. Wenn heute, selbst im Lehrplan der Mittelschulen, Turnen in einer Woche mit knappen zwei Stunden bedacht und die Teilnahme daran sogar als nicht obligatorisch dem einzelnen freigegeben wird, so ist dies, verglichen zur rein geistigen Ausbildung, ein krasses Mißverhältnis. Es dürfte kein Tag vergeben, an dem der junge Mensch nicht mindestens vormittags und abends je eine Stunde lang körperlich geschult wird, und zwar in jeder Art von Sport und Turnen."

Folgt man Hitlers Argumentation, dann war der Sportunterricht sogar mit verantwortlich für den Ersten Weltkrieg:

"Denn was in den ganzen Monaten des Hochsommers und Herbstes 1914 von den vorwärtsfegenden deutschen Armeen an unsterblichem Angriffsgeist und Angriffsmut geleistet wurde, war das Ergebnis jener unermüdlichen Erziehung, die in den langen, langen Friedensjahren aus den oft schwächlichen Körpern die unglaublichsten Leistungen herausholte, und so jenes Selbstvertrauen erzog, das auch im Schrecken der größten Schlachten nicht verlorenging […]. Dieses Selbstvertrauen aber muß schon von Kindheit auf dem jungen Volksgenossen anerzogen werden. Seine gesamte Erziehung und Ausbildung muß darauf angelegt werden, ihm die Überzeugung zu geben, anderen unbedingt überlegen zu sein. Er muß in seiner körperlichen Kraft und Gewandtheit den Glauben an die Unbesiegbarkeit seines ganzen Volkstums wiedergewinnen."[1]

Das gleiche Ziel mit anderen Argumenten

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden im Prestigekrieg zwischen den beiden deutschen Staaten massenhaft Ressourcen in den Sportunterricht gesteckt: Überall entstanden Turn- und Sporthallen – der Hauptgrund dafür, dass Bildung vermeintlich teuer wurde. Die zur Erreichung möglichst vieler Medaillen erforderliche Anreicherung des Schulsports mit materialaufwändigen Trendsportarten hätte eigentlich Zweifel daran wecken können, ob solch eine öffentliche Förderung von Hobbys auf Steuerzahlerkosten wirklich notwendig ist. Trotzdem forderte gerade die FDP-Bundestagsfraktion 2005 nicht, den Staat in diesem Bereich auf seine Grundaufgaben zu beschränken, sondern - im Gegenteil - ein Zehn-Punkte-Programm zum Schulsport. Ein Effekt, der sich eigentlich nur schwer erklären lässt – außer man zieht Guido Westerwelles Vorliebe für Norbert-Bisky-Bilder heran.

Im gleichen Jahr riet eine von Baden-Württemberg ins Leben gerufene Arbeitsgruppe zur Verschlankung und Vereinfachung in einem Referentenentwurf dazu, den Sportunterricht zur Entlastung der Schüler in der gymnasialen Oberstufe abzuschaffen. Die Experten kamen darin zu dem Ergebnis, dass eine Streichung der Sport-Pflichtstunden den Schülern mehr Wahlfreiheit und potentielle Entlastung bringen würde.

Widerstand dagegen regte sich vor allem in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, und in Bayern: "Wir haben einen sportlichen Minister und einen sportlichen Staatssekretär" kommentierte Ludwig Unger damals die Ablehnung aus dem bayrischen Kultusministerium. Tatsächlich dürfte auch die starke Sportvereinslobby bei der Entscheidung keine unbedeutende Rolle gespielt haben. Nach dieser Äußerung aus dem Südosten machte auch das Kultusministerium in Baden-Württemberg einen Rückzieher. Mittlerweile plant man dort statt einer Freiwilligmachung des Sportunterrichts lieber Abstriche in den Fächern Physik und Chemie.

Die in der Debatte vorgebrachten Argumente für den Sportunterricht unterschieden sich in bemerkenswerter Weise von jenen, mit denen das gleiche Ziel noch ein paar Jahrzehnte vorher gerechtfertigt worden war. Nun waren es nicht mehr die Triebhaftigkeit und die Wehrkraftzersetzung, sondern die Gewichts- und Integrationsprobleme, gegen die der Sportunterricht helfen solle.

So brachte etwa die baden-württembergische SPD-Landtagsabgeordneten Christine Rudolf vor, dass Sportunterricht den "Teamgeist" fördern, die "soziale Kompetenz" stärken und die Leistungen in anderen Schulfächern verbessern würde. Tatsächlich sprechen Studien dafür, dass genau das Gegenteil der Fall ist: Gerade Sportunterricht gilt als Gelegenheit zur Gewaltausübung, ohne dass diese von Lehrern geahndet wird.

Die steuerfinanzierte Zwangsbetätigung solle laut Rudolf außerdem dafür sorgen, dass sich Schüler an Sport gewöhnen und ihn so später als gesundheitsfördernden Ausgleich weiter betreiben. Doch auch hier spricht vieles dafür, das eher das Gegenteil der Fall ist: Durch den Leistungsvergleich werden gerade jene Schüler, die möglicherweise später einen gesundheitsfördernden Ausgleich benötigen könnten, über Frustrationserlebnisse von der Sportausübung abgeschreckt: Sport wird ihnen durch den Schulsport erst verhasst. Andere dagegen, die gute Leistungen bringen, werden durch die zusätzlichen Belohnungen "angefixt" und enden möglicherweise im gesundheitschädlichen Bereich oder sogar in der "Sportsucht".

Sport kann - ohne Zwang und in der Freizeit betrieben - tatsächlich gesundheitliche Vorteile bringen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass Schüler auch genug Freizeit haben und sie ihm nicht durch zu viele nicht wirklich notwendige Schulstunden weggenommen wird.

Musik und Religion

Was gegen den Sportunterricht an öffentlichen Schulen spricht, das lässt sich natürlich auch gegen eine ganze Reihe anderer Fächer sagen: Sie sind vor allem Hobbys, gegen deren Ausübung im Privaten nichts spricht, die aber nicht unbedingt in eine öffentlich finanzierte Erziehungsergänzung gehören. Vor allem dann nicht, wenn diese zusehends mit Finanzierungs- und Überfrachtungsproblemen kämpft. So sind beispielsweise auch die teuren Instrumente für den Musikunterricht ein wesentlicher Kostenfaktor in der derzeitigen Schulausbildung. Ein anderer Kandidat für die Abschaffung wäre der Religionsunterricht, dessen erhebliche Ausweitung gerade von Innenminister Schäuble und seiner Islamkonferenz beschlossen wurde.

Zwar gab es auch schon mehrere Vorstöße zu einer Abschaffung des Religionsunterrichts - allerdings zielten praktisch alle nicht auf eine Entlastung der Schüler, sondern auf eine Ersetzung durch nicht unbedingt notwendigere Fächer wie "Ethik", "Werte" oder einen "interreligiösen Unterricht". Was für die Sportunterrichtsbefürworter das Übergewicht ist, das ist für die Religionsunterrichtsapologeten die Gewalt: Ein gesellschaftliches Übel, gegen das das jeweils befürwortete Fach angeblich Wunder wirkt. Die Praxis sieht trotz Lehrplänen möglicherweise anders aus: Die gelehrten "Maßstäbe" und "verbindlichen Wertvorstellungen" reizen Schüler eher zum Widerstand als zur Übernahme – solange in den praktisch nicht auf Einhaltung der Lehrpläne kontrollierten Fächern nicht ohnehin Marienlieder gesungen, Rosenkränze für die deutsche Fußball-WM-Mannschaft gebetet und Schöpfungsdogmen in Abgrenzung zur Evolution gelehrt werden.

Telepolis hat zu diesem Thema eine Umfrage gestartet: Welche Unterrichtsfächer sollten gestrichen oder im Umfang verringert werden?

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