Intelligente Brille als Gedächtnis- und Erkenntniserweiterung

Florian Rötzer 17.03.2008

Japanische Wissenschaftler haben eine Brille mit einem ausgeklügelten Bilderkennungsprogramm vorgestellt, das viele Anwendungen haben könnte

Die digitalen Helfer, die man seit ihrem Schrumpfen in Form von Handys, PDAs, Notebooks, Navigationssystemen etc. überall mitnehmen kann, können bewirken, dass manche kognitiven Funktionen, vor allem das Gedächtnis und die Orientierung, in sie ausgelagert wird. Noch sind es keine wirklichen zerebralen Plug-Ins, aber man muss sich nicht mehr merken, was man schnell nachschlagen kann, oder verlässt sich auf das Navigationssystem, um von einem Ort zum anderen zu gelangen. Das führt, wie manche befürchten, zu einer Art digitaler Demenz oder einer neuen Abhängigkeit, einem Verlust an mentaler Autonomie (Droht uns die "digitale Demenz"?). Man könnte freilich auch sagen, dass durch die Entlastung des Gehirns mehr Ressourcen für andere Aufgaben eingesetzt werden können.

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Japanische Wissenschaftler unter Leitung von Yasuo Kuniyoshi und Tatsuya Harada von der Universität Tokio haben nun eine, wenn auch keineswegs wirklich ausgereifte Brille entwickelt, die als eine Gedächtnisstütze fungieren soll. Auf der Brille befindet sich eine winzige Kamera, die alles aufnimmt, was der Träger sieht. Der Video-Stream wird in dem Computer gespeichert, den der Brillenträger wenig elegant und etwas ungemütlich in einem Rucksack auf dem Rücken mit sich führt. Da ist auf jeden Fall vor wirklichen Anwendungen eine weitere Miniaturisierung notwendig.

Ein Bilderkennungsprogramm, das den Kern der Erfindung bildet, versucht dann, die Gegenstände auf den Bildern zu identifizieren. Die Namen erscheinen auf dem Display der Brille. Wenn die Entscheidung schwer fällt, weil en Objekt unbekannt ist oder aus einer ungewohnten Perspektive dargestellt ist, wird auch eine beste Schätzung ausgegeben.

Die Gegenstandserkennung basiert auf einem Programm, das mit "fuzzy logic" arbeitet und die Identifizierung neuer Objekte schnell lernt. Der Träger der Brille kann also fortwährend neue Objekte hinzufügen, indem er die Namen von diesen eingibt oder spricht, wenn diese sich vor der Kamera befinden. Umgekehrt kann man dann in dem gespeicherten Videomaterial durch Nennung eines Begriffs auch alle Bildsequenzen finden, auf denen beispielsweise Schlüssel oder ein Tisch zu sehen waren. Für Kuniyoshi ist die "intelligente Brille" eine entscheidende Verbindung zwischen der virtuellen und realen Welt. Er stellt sich vor, die "intelligente Brille" mit dem Internet zu verbinden, wodurch die Bilderkennung enorm erweitert würde. An einem visuellen Google arbeiten freilich auch andere Forscher (Die Welt als Bild).

Auch wenn die Wissenschaftler ihre Erfindung dem Publikum so präsentieren, als würde ihr Wert darin bestehen, beispielsweise Schlüssel, die an einem Ort niedergelegt wurden, an dem man sich nicht mehr erinnern, durch die Videobilder wieder zu finden, so ist das eher populäre Science Fiction. Allerdings entwickeln Japaner gerne Technik für eine vergreisende Gesellschaft, in der menschliche Hilfe etwa durch Roboter ersetzt werden soll. Für alte Menschen, die tatsächlich unter Vergesslichkeit leiden, könnte die Brille, so Harada, eine gewisse Unterstützung sein. Aber so richtig leuchtet das nicht ein.

Nützlich wäre die visuelle Gegenstandsidentifizierung natürlich für Roboter, die autonom handeln, selbstverständlich auch für Kampfroboter. Interessante Anwendungen gibt es aber auch für Menschen, da auf der Festplatte der "intelligenten Brille" weit mehr gespeichert werden kann, als in den nassen Gehirnen eingelagert ist, zumal wenn es sich um Fachwissen handelt. Allein durch das Anblicken von Objekten – Tiere, Pflanzen, Maschinenteile etc. – könnten Namen und Details ausgegeben werden. Natürlich ließen sich womöglich im Gehen auch Menschen etwa von Polizisten identifizieren, nach denen gesucht wird. Allerdings ließe sich die "intelligente Brille" nicht nur zur Überwachung, sondern auch zum Auskundschaften einsetzen. Und nicht zuletzt wäre eine solche Brille auch ein schönes Vermarktungsinstrument.

Bei einer Vorführung in Tokio waren 60 Gegenstände, beispielsweise eine Begonie, eine CD ode rein Handy, in den Speicher eingefüttert worden. Die Person, die die Brille trug, ging durch den Raum, schaute sich mitsamt der Kamera die Gegenstände an, anschließend konnte nach den Begriffen gesucht und die Videosequenzen betrachtet werden.

http://www.heise.de/tp/artikel/27/27518/1.html
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