Wächst die Zuversicht im Irak?
Wie ARD, BBC oder Channel4 Umfragen im Irak auslegen
Fünf Jahre nach dem Einmarsch der Koalitionsgruppen und dem Sturz Husseins wurde natürlich Bilanz gezogen, auch wenn beispielsweise in den US-Medien der Krieg schon weitgehend aus den Medien verschwunden ist. Bilanz wird auch in Form von Umfragen unter Irakern gezogen. Will man möglicherweise noch ein wenig Zuversicht hervorzaubern, bevor man dem angerichteten Schlamassel den Rücken zukehrt?
Danach scheinen die Iraker wieder ein wenig mehr Vertrauen in die Zukunft zu haben (Zuversicht in den Ghettos?). Eine Mehrheit in der von der BBC, ARD und anderen Fernsehsendern beauftragten Umfrage gibt an, dass es ihnen sehr gut oder gut gehe. BBC titelt Poll suggests Iraqis 'optimistic' und interpretiert, dass mit 54 Prozent "mehr Menschen als in den letzten 3 Jahren" sagen würden, dass die Situation für sie gut sei. Die ARD zieht mit Die Zuversicht wächst und erklärt: "Erstmals seit zwei Jahren beurteilt eine Mehrheit der Iraker die persönliche Situation wieder positiv." Warum werden einmal drei Jahre, das andere Mal zwei Jahre genannt?
Stutzig geworden kann man in Zeiten der Online-Publikationen immerhin eines machen. Man muss sich nicht auf die Darstellung von Medien verlassen, sondern kann – sofern natürlich angegeben – in die Umfrageergebnisse selbst schauen. Die wurden von BBC und ARD, aber auch von ORB, die im Auftrag von Channel4 eine andere Umfrage im Irak durchgeführt hat, dem Leser zur Verfügung gestellt.
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Der Eindruck entsteht, dass die BBC eine Periode von drei Jahren und die ARD sicherheitshalber nur von zwei Jahren herangezogen haben, um zu einem guten Ergebnis zu kommen. Da sage noch einer, die Medien würden alles nur schlecht reden wollen. Wenn man sich die Zahlen aus früheren Umfragen anschaut, dann haben 2005 noch 71 Prozent und 2004 70 Prozent gesagt, dass es ihnen persönlich sehr gut oder gut gehe. Immerhin sind das 15 Prozent mehr als im März 2007.
"Knapp die Hälfte glaubt, dass es ihnen in einem Jahr noch besser gehen wird", liest man bei der ARD weiter. Genauer sind es allerdings 45 Prozent. 2005 waren es noch 64 Prozent und 2004 71 Prozent. Eigentlich müsste man also sagen, dass die Zuversicht ebenso gesunken ist wie die Einschätzung der persönlichen Lage negativer wurde. Das betrifft auch die Erwartung, ob es dem ganzen Land in einem Jahr besser gehen werde. Das sagten im März 2008 46 Prozent, 2005 waren es 69 Prozent, wobei 41 Prozent sagten, es werde viel besser sein. Möglicherweise ist nach den Jahren des Hoffens ein gewisser Realismus angesichts der wirklichen Situation eingetreten.
In der anderen Umfrage unter mehr als 4000 Irakern gibt es nicht die Möglichkeit, die Ergebnisse mit denen früherer Jahre zu vergleichen. Channel4 titelt ebenfalls: Iraqis 'optimistic about future'. Hier sagen 55 Prozent, das Land entwickle sich in die richtige Richtung. Die Lage beurteilen, wie in der ARD/BBC-Umfrage, für die mehr als 2000 Iraker befragt wurden, Schiiten und Kurden besser, während bei den Sunniten größere Unsicherheit herrscht. So sagen allgemein 68 Prozent, dass ihre Stimmung optimistisch sei, bei den Sunniten sind es immerhin noch 50 Prozent, in machen Gebieten wie in Ninive sind es aber oft eher um die 30 Prozent.
Was die Sicherheitslage betrifft, so scheint es nach beiden Umfragen tatsächlich besser geworden zu sein. Die überwiegende Mehrzahl scheint auch davon auszugehen, dass das so bleiben wird. Allerdings wird die gestiegene Sicherheit nicht den Koalitionstruppen zugeschrieben, in der OMB-Umfrage sagen hingegen 26 Prozent, die Truppenerhöhung sei erfolgreich gewesen, vom Gegenteil sind allerdings 53 Prozent überzeugt.
Am ehesten wird als Ursache für die höhere Sicherheit die irakische Regierung genannt, auch die von den USA bezahlten Sicherheitskräfte, die lokalen "Awakening Councils" werden offenbar nicht als sonderlich hilfreich gesehen, auch wenn das Vertrauen in sie hoch ist. Die Polizei genießt kein gutes Ansehen, das irakische Militär schon mehr. Für die Iraker, für die die Sicherheitslage in der letzten Zeit schlechter geworden ist, sind daran vor allem die Besatzungstruppen sind die Parteien mit ihren Milizen schuld.
Auffällig ist, dass die US-Truppen keineswegs beliebter geworden sind. 2006 sagten 60 Prozent, das sie keine gute Arbeit leisten, im März 2008 waren 70 Prozent der Meinung, wenn es auch im August 2007 gar 80 Prozent waren. 72 Prozent sprechen sich auch jetzt gegen die Anwesenheit der US-Truppen aus, 2004 waren es 51 Prozent, 2005 65 Prozent. Für 53 Prozent hat die Verstärkung der US-Truppen die Situation verschlimmert, für 38 Prozent verbessert. 38 Prozent wünschen, dass die US-Truppen sofort aus dem Land gehen (2005 26 Prozent), mit 35 Prozent gegenüber 31 Prozent im Jahr 2005 sagen allerdings auch mehr, sie sollen so lange bleiben, bis die Sicherheit größer geworden ist.
42 Prozent der Befragten Angriffe auf Koalitionstruppen akzeptabel finden – 2004 hatten dies erst 17 Prozent gesagt
In der OMB-Umfrage sind freilich 70 Prozent dafür, dass sie den Irak verlassen sollen. 65 Prozent wollen dies so schnell wie möglich, 13 Prozent im nächsten halben Jahr. Bei den älteren Irakern ist die Ablehnung am höchsten, der Wunsch, dass die US-Truppen bleiben sollen, wird vornehmlich von den Kurden geäußert. Das allerdings bringt man kaum die Deutung zusammen, die OMB gibt:
The data also reveals that many Iraqis feel let down by the contribution of their fellow Muslim neighbours and that far from wanting to run the USA and UK out of Iraq, as many as two in five want those who launched the invasion to play a bigger role in the future of their country….presumably meaning aiding the reconstruction effort and generally helping the economy.
Auch sonst ist das eine seltsame Auslegung. Tatsächlich wird mehrheitlich kritisiert, dass die arabischen Nachbarländer mehr für Irak hätten tun sollen, aber es wird ebenso wie von den USA auch erwartet, dass sie in Zukunft eine größere Rolle spielen sollen.
Deutlich wird auf jeden Fall in beiden Umfragen, dass neben der Sicherheit die wichtigsten Probleme Arbeitslosigkeit und mangelnde Infrastruktur (Strom, Wasser etc.) sind. Da hier die Besatzungsmächte zu wenig getan haben, hat sich die Stimmung gegenüber ihnen weiter verschlechtert. Truppenpräsenz und Sicherheit sind eben nur ein Teil der Medaille. Daher verwundert auch nicht, wenn nur 28 Prozent den Einmarsch der Koalitionstruppen nachträglich begrüßen, aber 48 Prozent sagen, dass dies nicht im besten Interesse der Iraker war, wobei auch hier die Kurden ausscheren, von denen über 60 Prozent den Einmarsch befürworten. In den sunnitischen Gebieten sagt dies oft nur 1 Prozent, in Bagdad sind es 18 Prozent.
Ein Bericht der UN Assistance Mission for Iraq (UNAMI) bestätigt, dass im letzten Halbjahr 2007 die Zahl der Angriffe und Anschläge in der irakischen Hauptstadt dank der Truppenerhöhung zurückgegangen sei. Allerdings habe sich die Sicherheitslage in anderen Landesteilen, vor allem in Mosul und Diyala, verschlechtert. Allerdings seien Tausende von Irakern weiterhin vor der Gewalt geflohen. Gerügt wird der Umgang mit Gefangenen seitens der Besatzungstruppen und der irakischen Regierung. Der Zugang zu Rechtsbeiständen sei mangelhaft, die Menschen würden zu lange in Haft sitzen, Folter und Missbrauch werden unzureichend verfolgt. In den kurdischen Gebieten wird von einer zunehmenden Gewalt gegen Frauen gesprochen.
http://www.heise.de/tp/artikel/27/27525/1.html- Zu diesem Krieg (18.3.2008 15:37)
- Propaganda!! (18.3.2008 13:41)
- www.google.de (18.3.2008 11:31)
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