"Der Kapitalismus muss Gewinne jenseits der warenproduzierenden Sphäre realisieren"

Vorige Seite

Für eine Koryphäe der progressiven amerikanischen Wissenschaft, den Sozialwissenschaftler Emanuel Wallerstein, sind diese Spekulationsschübe ein Krisenphänomen des spätkapitalistischen Weltsystems, das an seine eigenen Entwicklungsgrenzen gelangt sei. In einem Interview für die Zeitschrift Le Monde diplomatique erklärte der Begründer der Weltsystemtheorie:

Die Spekulation ist ein Mechanismus des Geldverdienens, der immer dann in der Geschichte der kapitalistischen Weltwirtschaft auftauchte, wenn diese in der Krise war. Das Verdienen an der Produktion war längerfristig die einzige Art, hartes Geld zu erwirtschaften. Das wird immer schwieriger – wenn es nicht überhaupt schon Geschichte ist.

Emanuel Wallerstein

Für Wallerstein, der in seinem dreibändigen Hauptwerk "Das modere Weltsystem" die Genese und Entwicklung des Kapitalismus seit dessen Anfängen im späten 15. Jahrhundert beleuchtete, handelt es sich beim heutigen Wirtschaftssystem nicht um eine quasi naturgegebene, nicht zu hinterfragende Voraussetzung menschlicher Existenz, wie es häufig in Publizistik und Massenmeiden den Anschein hat. Der Sozialwissenschaftler sieht den Kapitalismus als ein konkretes historisches System, "das seit 500 Jahren existiert und – in einem gewissen Sinne – sehr erfolgreich war, in Übereinstimmung mit seinen eigenen Grundsätzen". Es habe aber bereits seine innere Entwicklungsgrenze erreicht und sei nicht mehr in der Lage, die Mechanismen zu nutzen, die es im Gleichgewicht halten würden.

Wir leben in einer Phase großer, stürmischer Fluktuationen, die einen ökonomischen, politischen, kulturellen und intellektuellen Charakter aufweisen.

Emanuel Wallerstein

Die ganze Bandbreite neoliberaler Politik – wie Lohndumping, Produktionsverlagerungen in Billiglohnländer, Steuerentlastungen für Unternehmen, Privatisierungen oder eben die Deregulierung der Finanzmärkte – sei ein Krisenreflex kapitalistischer Eliten, die sich fundamentalen, systembedrohenden Veränderungen gegenüber sehen, deren Ursachen nicht erfasst hätten. Der Kapitalismus befindet sich also nicht in der Krise, weil ein Paar Spekulanten sich verzockt haben, sondern umgekehrt, die Spekulation ist Ausdruck einer fundamentalen, tiefer liegenden Krise der kapitalistischen Wirtschaftsweise.

Ich sage, dass der Kapitalismus sich in der Krise befindet, weil er den Kapitalisten nicht mehr die unendliche Kapitalakkumulation gewährleisten kann. Das rührt daher, dass sie in Schwierigkeiten mit der "reellen Rentabilität" geraten sind. Diese Schwierigkeiten hatten sie in den ersten 500 Jahren seines Bestehens nicht. Sie waren immer in der Lage, zeitweilige Krisen dank einer Reihe von Mechanismen zu überwinden, die sie nutzten, um den ganzen Prozess erneut in Bewegung zu setzen. Diese Mechanismen sind an ihre Grenzen gestoßen und tatsächlich nicht mehr verfügbar. Das führt dazu, dass der Kapitalist vor einem gravierenden Problem steht, das er nicht lösen kann. Er ist gezwungen, Wege zu finden, um Gewinne jenseits der warenproduzierenden Sphäre zu realisieren, durch die Spekulation. Seit einiger Zeit findet genau das statt.

Emanuel Wallerstein

Wallerstein geht also davon aus, dass Unternehmen und Konzerne zusehends Probleme haben, in der reellen Warenproduktion eine ordentliche Umsatzrendite (das Verhältnis von Gewinn zu Umsatz) zu erzielen. Deswegen wären die neoliberalen Reformen initiiert worden, um die "reellen Arbeitskosten global zu senken" und die Renditen wieder nach oben zu treiben. Doch dieser "Erfolg der Neoliberalismus" sei nur kurzfristig und begrenzt gewesen. Ein weiteres Krisenmoment sei die Flucht des Kapitals in die Spekulation auf den Finanzmärkten, da diese kurzfristig höhere Renditen abwerfen.

Ähnlich argumentiert der Theroriezirkel Exit um den Publizisten Robert Kurz. Mit der industriellen Revolution in der Mikroelektronik seit den 80er Jahren stoße das Kapital an eine von Karl Marx vorausgesagte absolute innere Schranke, da durch die damit einhergehende Automatisierung des Produktionsprozesses die menschliche Arbeitskraft zusehends überflüssig würde.

Hat der letzte großen kapitalistische Entwicklungssprung, der Fordismus – die massenweise Fließbandproduktion von Konsumgütern –, noch einen mächtigen Beschäftigungsschub von Fabrikarbeit mit sich gebracht, so würde die mikroelektronische Revolution ein Vielfaches mehr an Stellen überflüssig machen, als in den neuen Hightech-Sektoren entstehen. "Autos kaufen keine Autos." Dies Henry Ford zugeschriebene Zitat, das ein Grundproblem der kapitalistischen Volkswirtschaft benennt, kann auf die heutige Situation nur bedingt angewendet werden, in der die Industriearbeiterschaft rapide sinkt und das Heer der Prekären und Arbeitslosen von Konjunkturzyklus zu Konjunkturzyklus anschwillt.

Die Antwort auf das fordsche Postulat bestand in klassisch sozialdemokratischer Politik, die dank Sozialstaat und Lohnerhöhungen die Arbeiterschaft in die Lage versetzte, die Waren zu erwerben, die sie selber produzierte. Heutzutage und angesichts der bestehenden Produktivitätsfortschritte könnte man die Weltmeere mit iPods, Handys und Konsolen auffüllen, ohne denselben Effekt an Massenbeschäftigung zu generieren, wie ihn der Fordismus auslöste. Konfrontiert mit sinkenden Profiten in der Warenproduktion, sowie einer abnehmenden Massennachfrage, die einzig durch Verschuldung bis vor kurzem in den USA aufrecht erhalten werden konnte, sahen immer größere Teile des Kapitals in der Spekulation einen scheinbareren Ausweg auf der immerwährenden Suche nach höheren Profitraten. Die Zeche werden wir alle bezahlen.

Am Abgrund mit der Dollarflut

Die Lehren aus 1929

"Finanzielle Massenvernichtungsmittel"

Globale Blasenwirtschaft?

Die Reaktion auf die Dotcom-Blase legte den Grundstein für die jetzige Krise

"Der Kapitalismus muss Gewinne jenseits der warenproduzierenden Sphäre realisieren"

http://www.heise.de/tp/artikel/27/27542/1.html
Kommentare lesen (309 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS