Wer vermittelt welche Werte?

27.03.2008

Die geplante Einführung eines islamischen Religionsunterrichts hat ihren Preis. Konservative Politiker verlangen im Gegenzug eine "Unterweisung in christlich-abendländischer Tradition und Kultur"

Als das Plenum der Deutschen Islam Konferenz am 13. März unter Leitung von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble zu seiner 3. Sitzung zusammentrat, ging es um eine Vielzahl schwieriger und kontroverser Themen. Neben grundlegenden Integrationsfragen diskutierten die Teilnehmer über den Bau und Betrieb von Moscheen, die Zusammenarbeit von Muslimen und deutschen Sicherheitsbehörden, islamische Bestattungen, Bildungsarbeit oder die Möglichkeiten einer verantwortungsvollen, vorurteilsfreien und differenzierten Berichterstattung über Muslime und den Islam.

Die in den letztgenannten Punkt verwickelte Öffentlichkeit nahm allerdings kein Thema so bereitwillig auf wie die seit Jahren schwelende Diskussion über die Einführung des islamischen Religionsunterrichts. Die aktuelle Beschlusslage sieht vor, nach langen Jahren des Zögerns und Zauderns, vereinzelter Pilotprojekte und energischer Proteste nun ein ordentliches Unterrichtsfach einzuführen, das in deutscher Sprache an öffentlichen Schulen angeboten werden soll. Die Verantwortung für die praktische Umsetzung will Schäuble ausschließlich Pädagogen überlassen, die in Deutschland ausgebildet wurden. "Wir werden nicht Imame von irgendwo her importieren", meinte der Innenminister zwei Tage nach der Islamkonferenz.

Strittige Punkte

Tatsächlich gibt es in den kommenden Jahren noch eine Reihe schwieriger Punkte zu klären, die im Zwischenresümee der ihrerseits keineswegs unumstrittenen Islam-Konferenz zu finden sind. So sieht etwa das deutsche Grundgesetz vor, im Religionsunterricht "keine bloße vergleichende Religionskunde" zu lehren, sondern Inhalte "in konfessioneller Gebundenheit" zu vermitteln. Demnach muss der Unterricht einerseits mit den Grundsätzen der jeweiligen Religionsgemeinschaft übereinstimmen, andererseits sind diese Grundsätze von den Gemeinschaften auch präzise zu definieren, da sie in einem säkularen Staat nicht in die Zuständigkeit der Behörden fallen.

Aus Art. 7 Abs. 3 Satz 2 GG lässt sich daher als Voraussetzung für die Einrichtung eines Religionsunterrichts an öffentlichen Schulen ableiten, dass eine Religionsgemeinschaft vorhanden sein muss, die ihre Grundsätze für den Religionsunterricht definiert und die Organe oder Personen benennt, die diese Grundsätze gegenüber den Behörden zur Geltung bringen.

Zwischenresümee der 3. Islam-Konferenz

Nach Ansicht der Bundesregierung hat bislang auch die Vielzahl muslimischer Interessenvertretungen einer einheitlichen Regelung im Wege gestanden, eine Einschätzung, die von vielen Oppositionspolitikern geteilt wird. So erklärte der menschenrechtspolitische Sprecher der Grünen, Volker Beck, vor knapp einem Jahr zur Gründung des Koordinierungsrats der Muslime in Deutschland:

Aber ein reiner Dachverband ist nach unserem Recht noch keine Religionsgemeinschaft und erfüllt noch lange nicht die Voraussetzungen einer Körperschaft. Auch vertreten selbst die fünf großen Verbände - Zentralrat der Muslime, Islamrat, die Türkisch-Islamische Union (Ditib), der Verband der Islamischen Kulturzentren sowie die Alevitische Gemeinde Deutschland - zusammen nur rund 15 Prozent der Muslime in Deutschland. Sie haben höchst unterschiedliche Interessen, repräsentieren oft nur eine Strömung innerhalb des Islam, zum Teil werden sie vom Ausland beeinflusst.

Volker Beck

Wolfgang Schäuble erwartet nun eine offene und friedliche Diskussion zwischen der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird, und der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion, kurz: DITIB. Beide konkurrieren seit geraumer Zeit um Macht, Einfluss und Interpretationshoheiten und könnten die strittigen Themen leicht zu einer rein innertürkischen Auseinandersetzung werden lassen. Dabei sind es keineswegs die einzigen Organisationen, die in der wichtigen Frage des Islamunterrichts noch ein entscheidendes Wort mitsprechen wollen.

Angesichts dieser unübersichtlichen Situation konnte sich die Islam-Konferenz nicht auf mögliche Interimsregelungen einigen. Kein Einvernehmen herrschte in der Frage, ob der Religionsunterricht flächendeckend erst dann eingeführt wird, wenn über den Status der Religionsgemeinschaft entschieden wurde, oder ob bis dahin Übergangslösungen erarbeitet werden, so dass eine Zusammenarbeit mit mehreren Organisationen möglich wäre, "welche für die religiöse Identität ihrer Mitglieder wesentlich sind".

Immerhin ließ sich der Innenminister, der offenbar gern in die für ihn sicher ungewohnte Rolle eines "Versöhners" zwischen Christen und Muslimen hineinwachsen würde, eine vorsichtige Prognose entlocken. Fünf Jahre werde es wohl noch dauern, bis alle Voraussetzungen erfüllt seien, meinte Wolfgang Schäuble.

Pilotprojekte

Im Nordwesten der Republik hat man die Zeichen der Zeit besonders früh erkannt und ist entsprechend gut auf die anstehenden Herausforderungen vorbereitet. Die Universität Münster bildet als erste deutsche Hochschule bereits seit vier Jahren Lehrerinnen und Lehrer für den Islamunterricht aus. Der Umstand, dass eine bundesweite Regelung vorerst noch aussteht, ändert schließlich nichts daran, dass die Schulen steigenden Bedarf an entsprechenden Fachkräften anmelden.

Im Schuljahr 2006/2007 gingen allein in Nordrhein-Westfalen, das seit Ende der 90er Jahre Erfahrungen mit dem Fach "Islamkunde" sammelt, etwa 30.000 muslimische Schüler zur Schule, die allesamt Anspruch auf Religions- als Bekenntnisunterricht haben. Das Innovationsministerium beschloss hier vor fast genau einem Jahr, die Professur für Islamische Religionspädagogik im Centrum für Religiöse Studien an der Universität Münster bis 2010 mit 375.000 Euro zu fördern.

An der benachbarten Universität Osnabrück wird seit dem Wintersemester 2007/2008 ein Master-Studiengang Islamische Religionspädagogik als Erweiterungsfach für das Lehramtsstudium angeboten. Die Studenten lernen hier in insgesamt 54 Semesterwochenstunden Glaubensgrundlagen und Theologie, Hauptquellen des Islam (Koran und Sunna), die Biographie des Propheten Muhammad und islamische Geschichte, muslimische Glaubenspraxis und deren Herleitung, islamische Philosophie, Mystik und Ethik, islamische Religionspädagogik und Fachdidaktik, Arabisch für islamische Religionslehrer, christliche Theologien, Religionswissenschaft und einen Wahlpflichtbereich.

In Baden-Württemberg läuft seit 2006 und noch bis 2010 ein Schulversuch "Islamischer Religionsunterricht", an dem unter anderem die Pädagogischen Hochschulen Karlsruhe, Weingarten und Ludwigsburg beteiligt sind. In Berlin hat sich die Islamische Föderation im Schuljahr 2007/08 an 31 Schulen die pädagogische Zuständigkeit gesichert. Bayern versucht es bereits seit den 80er Jahren mit vereinzelten Pilotprojekten - an der Universität Erlangen-Nürnberg hat es beispielsweise Harun (Harry) Behr zum Inhaber eines Lehrstuhls für Islamische Religionspädagogik gebracht.

Von bundesweit einheitlichen Regelungen ist man allerdings noch weit entfernt, obwohl der Handlungsbedarf – abgesehen von den meisten ostdeutschen Ländern, die keinen signifikanten Anteil muslimischer Mitbürger aufweisen – nicht ernsthaft bestritten wird.

Widersprüche

Schon die Ankündigung, nun endlich doch über flächendeckende Maßnahmen nachzudenken, provozierte in den vergangenen Tagen heftigen Widerspruch aus denkbar unterschiedlichen Richtungen. Den abenteuerlichsten Vorschlag unterbreitete dabei Christine Haderthauer. Muslimische Schüler brauchen nach Ansicht der CSU-Generalsekretärin nicht nur Islamunterricht, sondern auch gleich eine "Unterweisung in christlich-abendländischer Tradition und Kultur". Der bis dato ebenso glück- wie farblosen Parteistrategin schwebt ein "spezieller Werte-Unterricht für Kinder mit Migrationshintergrund" vor, der historische Defizite korrigieren soll.

An der Türkei und anderen Staaten der islamischen Welt ist das Zeitalter der Aufklärung spurlos vorüber gegangen. Die haben diese ideengeschichtliche Revolution, die Trennung von Staat und Religion, nicht in der Weise mitgemacht wie wir. Auf diesem Denken baut unsere Kultur auf. Das müssen wir schon den Kindern vermitteln. Oder die christlichen Traditionen. Wir müssen erklären, warum uns Weihnachten, Ostern und Pfingsten heilig sind.

Christine Haderthauer

Haderthauer steht mit ihrer Einschätzung in der CSU allerdings nicht allein. Der Fraktionsvorsitzende im Bayerischen Landtag, Georg Schmid, forderte die in Deutschland lebenden Muslime auf, "aus dem selbst gewählten Ghetto herauszukommen" und nicht nur ihre Moscheen in die Mitte der Städte zu bauen, sondern sich auch in der Mitte der Gesellschaft zu platzieren.

Der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbandes Josef Kraus glaubt, dass der Umgang mit Migranten hierzulande "zu lange romantisch angelegt" war und verlangt von den künftigen Islam-Pädagogen "den Eid oder das Gelöbnis auf die Verfassung". Um einen an klare Kriterien geknüpften Islam-Unterricht zu entwickeln und dafür ausreichend geeignete Lehrkräfte auszubilden, werde es noch "mindestens eine halbe Schülergeneration" dauern.

Aber auch die Türkische Gemeinde in Deutschland, die selbst an der Islamkonferenz teilgenommen hat, lehnt die Idee eines bekenntnisorientierten Islamunterrichts ab. "Das würde zu einer Atomisierung in alevitischen, sunnitischen oder schiitischen Religionsunterricht führen", meinte der Bundesvorsitzende Kenan Kolat. Sein Verband plädiere stattdessen für den "eher weltlichen deutschsprachigen Islamkunde-Unterricht", wie er derzeit in Nordrhein-Westfalen an rund 120 Grund- und Gesamtschulen angeboten wird.

Im kleinen Saarland spaltet der Streit um den Islamunterricht sogar eine Gewerkschaft. So hat der Vorsitzende der Fachgruppe sozialpädagogischer Berufe, Hartmut Regitz, schon Anfang des Jahres seinen Austritt aus der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft erklärt, weil der geschäftsführende Vorstand die Einführung unterstützt, er selbst aber überzeugt ist, dass "sich der Islam von den übrigen Religionen durch historisch unkritische Auslegungen des Koran als 'Wort Gottes' und eifernden Missionarismus unterscheidet".

Auch bei den Sozialdemokraten ist die Meinungsbildung offenkundig noch nicht abgeschlossen. Manch ein Genosse befürchtet, dass mit dem Islam-Unterricht auch der katholische und evangelische Religionsunterricht in den Lehrplänen wieder fest verankert wird und kulturelle Differenzen so nicht zu überwinden sind. Dabei hatte man beispielsweise in Berlin schon auf eine alternative Ethikvermittlung gesetzt, war damit aber sowohl bei der "Islamischen Föderation" als auch bei der christlich orientierten Bürgerinitiative "Pro Reli" (Volksabstimmung für eine "verbesserte Wertevermittlung") auf heftigen Widerstand getroffen. Gibt es hier einen für alle Seiten begehbaren Ausweg – vielleicht in der der Richtung, welche die Journalistin Natalie Tenberg vor wenigen Tagen andeutete?

Unbestritten ist, dass das Wissen um die Religionen eine Grundlage für das Verständnis der Welt ist. Bildung in Sachen Religion gehört zum Allgemeinwissen wie Biologie, Mathematik, Sprachen und Geschichte. Aber sollte die Vermittlung dieses Wissens, als ordentliches Fach, nicht gemeinsam geschehen? Und sollte sie nicht aus dem partikular-konfessionellen Kontext herausgelöst werden? Nur wenn es bundesweit eine allgemeine Religionskunde gibt, die sich eben mit der Geschichte aller Weltreligionen beschäftigt, lernen die Schüler auch den kritischen Umgang mit Gott und den Seinen. Mit der Hinwendung zum Islamunterricht unterläuft den Politikern, die für die Lehrpläne der immer fragilen Jugend zuständig sind, erneut ein, man möchte sagen, Kardinalfehler. Sie verpassen die Chance, die Kinder dieses Landes zu lehren, dass Religion auch gemeinsam geht.

Natalie Tenberg

Zweifellos bahnt sich in diesem Bereich weiterer und neuer Konfliktstoff an. Fördert ein bundesweiter Islamunterricht die Toleranz und Integrationsfähigkeit der Gesellschaft, oder schadet insbesondere der Bekenntnisunterricht der bewährten Trennung zwischen Staat und Kirche? Sollten religiöse Inhalte überhaupt in "ordentlichen Unterrichtsfächern" aufbereitet werden? Und welche Voraussetzungen müssen Religionsgemeinschaften mitbringen, um an deutschen Schulen entsprechend berücksichtigt zu werden?

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige
Anzeige
Weit weg mit Telepolis
Anzeige
Auf nach Brasilien
Leben im Regenwald, Nationalpark Iguacu, Rio de Janeiro
Cover

Leben im Gehäuse

Wohnen als Prozess der Zivilisation

Anzeige
Cover

Die Moral in der Maschine

Beiträge zu Roboter- und Maschinenethik

bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.