Bush, Cheney, Ahmadinedschad, Maliki

Thomas Pany 29.03.2008

Alle gegen einen: Muktada as-Sadr?

Der Krieg im Irak geht weiter und die US-Streitkräfte werden entgegen der ursprünglichen Ankündigungen, aber im völligen Einklang mit der Anamnese des fünfjährigen Schlamassels, stärker in Kämpfe hineingezogen. Mit den bekannten Mitteln - Angriffen aus der Luft - und den bekannten Resultaten: unbeabsichtigt getötete Zivilisten. Zwar sieht die amerikanische Führung im Showdown in Basra einen "historischen Wendepunkt" (George W. Bush), weil die Initiative zur "Säuberung Basras" angeblich von der irakischen Regierung ausgeht, aber die Wirklichkeit sperrt sich wieder einmal gegen die "Meilenstein"-Sichtweise. Historisch bliebt einzig das Chaos, das binnen kürzester Zeit in den Irak zurückgekehrt ist.

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Es sieht derzeit nicht so aus, als ob die irakischen Regierungstruppen in Basra bald eine militärische Entscheidung herbeiführen könnte, fraglich bleibt, ob Premier Maliki mit seiner Aktion gegen Muktada as-Sadr und seine Mahdi-Miliz überhaupt Erfolg haben wird. Selbst die zur Hilfe gerufene amerikanische und britische Unterstützung aus der Luft kann nur bedingt eine Wende im Kampf gegen die Sadristen herbeiführen. Und ob sich die Mahdimilizionäre von seinem finanziellen Angeboten zur Kapitulation überreden lassen, ist eher ungewiss.

Dass sie ihren Gegner militärisch unterlegen ist, diese Erfahrung kennt die Sadr-Miliz schon aus mehreren Entscheidungsschlachten, die sie verloren hat und gleichzeitig gewonnen (vgl. Showdown im "Tal des Friedens"). Sie ist nie entwaffnet worden, trotz entsprechender Initiativen. Wie ein Phönix aus der Asche ist sie und ihr Führer letztlich immer gestärkt aus solchen Auseinandersetzungen hervorgegangen: Zwar kann man Schlachten gegen as-Sadr gewinnen, aber nicht den Kampf. Der "Sadr-Trend", wie die von Muktada as-Sadr geführte Bewegung in englisch-sprachigen Berichten genannt wird, repräsentiert keinen kleinen abseitigen Kult von ein paar "Outlaws" (Bush), vielmehr ist sie eine Massenbewegung von Hundertausenden meist junger Schiiten aus den ärmeren Schichten.

Ein Krieg gegen die Sadristen, wie ihn der irakische Premier trotz anderslautender, aber wenig glaubhafter Bekundungen derzeit in Basra, Bagdad, Diwanija und anderswo führt, kann man auch als eine Art Bürgerkrieg sehen, dafür spräche zuletzt auch die mutmaßliche Fahnenflucht eines Teils seiner Truppen, die sich weigern, auf Angehörige der Mahdi-Miliz zu schießen.

Wie kommt es also, dass der irakische Premier sich auf das waghalsige Unterfangen eingelassen hat?

Wie üblich gibt es dazu in amerikanischen und arabischen Medien eine Reihe interessanter Mutmaßungen unterschiedlicher Plausibilität. Die erste geht davon aus, dass die Initiative gar nicht von Nuri al-Maliki ausging, sondern von den USA, in der Person von Dick Cheney, der "zufälligerweise" kürzlich zu Besuch in Bagdad war und sich lange mit dem Premier beraten hat. Eine derartige Aktion, so Befürworter dieser These, sei ohne Absprache mit den mächtigen Freunden in Washington gar nicht möglich. Spekuliert wird, dass Cheney Druck auf Maliki ausgeübt habe, indem er auf die im Herbst anberaumten Provinz-Wahlen hinwies und mögliche Erfolge von Sadr-Parteigängern.

Eine Annahme, die einen weitaus größeren Überraschungsgehalt hat, wird vom Chefredakteur der saudi-arabischen Zeitung as-Sharq-al Aswat Tarek al-Homayed übermittelt. Sie hat einen anderen Besucher Bagdads als Ausgangspunkt: den iranischen Präsidenten Ahmadinedschad (siehe Amerika die Schau stehlen). Der soll sich jetzt Muktada und seiner Miliz entledigen wollen, nachdem sie Iran wertvolle Dienste geleistet haben, die nicht länger nötig sind. Man setze jetzt ganz auf die Regierungspartei ISCI, dem großen Widerpart von as-Sadr. Immerhin verfügt man über allerbeste Beziehung zur Partei al-Hakims.

Today, it appears that Tehran no longer needs al Sadr – so long as it has control over Iraq within the political framework.(...) Iran no longer needs Muqtada al Sadr but rather wants a sophisticated model that is even more progressive than Hezbollah's in order to take over Iraq. A government in control is much better than an opposition..

Eine dritte These, geäußert vom norwegischen Historiker Reidar Visser, der seine Forschungen seit längerem auf den Süden Iraks und besonders auf Basra konzentriert, findet plausible Momente zur Lösung der "rätselhaften 2. Schlacht von Basra" in Machtansprüchen von Maliki. Nach Vissar deutet einiges daraufhin, dass der Premier versuche, sich eine eigene Machtbasis jenseits der großen Koalitionspartei ISCI und der "Sadr-Bewegung" zu verschaffen. Unterstützt wird diese These durch Berichte, die von der Webseite Roads-to-Iraq weiterverbreitet werden. Demnach hat Maliki anders als beim letztjährigen Kampf um die Kontrolle in Bagdad diesmal wirklich die Initiative übernommen, weil er sich als "militärischer Führer" begreife, der "Ehre" gewinnen will. Scheint, als ob Saddam Hussein einen langen Schatten wirft...

http://www.heise.de/tp/artikel/27/27613/1.html
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