Ludwig II.

20.04.2008

Wiederauferstanden als Steampunkkönig im Cyberpunkuniversum…

Um ganz ehrlich zu sein: Mit Bayernkönig Ludwig II. werde ich wahrscheinlich immer Schauspieler O.W. Fischer assoziieren, wie er sich selbst mit wirrer Frisur und ebensolchem Blick in die Fluten des Starnbergers Sees stürzt. Meine Vorstellung vom tragischen Monarchen ist geprägt durch die unsägliche Filmschmonzette aus dem Jahr 1954, die sich wenig um historische Fakten scherte. Immerhin: Selbst heute, 120 Jahre nach seinem Selbstmord beschäftigt der "Kini" die Fantasie von Autoren, Filmemachern und Amateurforschern. Ein Umstand, der weniger seinen Leistungen als Regent, als vielmehr seinem unnatürlichen Tod zu verdanken ist.

Wie alle Staatsmänner, die nicht im Sterbebett dahingeschieden sind, umwölkt auch den Bayernkönig ein Mythos. Offiziell ging Ludwig, genau so wie von O.W. Fischer im Film brav gespielt, ins Wasser. Doch schon damals im Jahr 1886 argwöhnte mancher, seine Hohheit könnte umgebracht worden sein. Vielleicht weil der angeblich geistig verwirrte Regent, der sich fürs Regieren so gar nicht begeisterte, immer öfter zweifelhafte Entscheidungen traf. Vielleicht wegen der Gerüchte um seine Homosexualität, die einem König zu damaligen Zeit gar nicht gut zu Gesicht stand. Oder weil er mit den bösen Preußen kooperiert hatte, womit er bei manchem Bayer wohl endgültig unten durch war.

Doch Ludwig der II war mehr als ein Operettenkönig, der unter der Last der eigenen Klischees im Starnberger See versank. Er entsprach nicht einfach unserem durch Filme geprägten Bild vom verklemmten Sonderling mit ungewöhnlichen Neigungen oder dem vom unzurechnungsfähigen Eremiten oben auf Neuschwanstein. Tatsächlich war Ludwig eine Art von Mensch, für die es seinerzeit keinen Namen gab. Heute jedoch wäre er nicht allein. Es gibt mehr von seiner Sorte. Wir wissen, was los war mit dem zurückgezogenen Träumer, der in Fantasiewolkenschlössern residierte - in von ihm selbst inszenierten Wirklichkeiten. Ludwig II. war ein Nerd.

Vermutlich würde er auch heute noch vorziehen, in einem seiner Wolkenkuckucksheime zu leben, die den damaligen bayerischen Staatshaushalt beinahe gesprengt hätten. Zu fantastisch waren seine Bauvorhaben. In Neuschwanstein ließ er eine künstliche Höhle mit See installieren. Die "Venusgrotte" diente als ganz privates Opernhaus, ein perfektes Set für die Aufführung der von Ludwig so heiß geliebten Opern "Lohengrin" und "Tannhäuser". Der Monarch konnte dort ganz in der Wagnerschen Sagenwelt versinken, die ihn so faszinierte – wenn man so will nichts anderes als eine frühe Form von Fantasy und damit ein vom Nerds hochgeschätztes Genre. (Man könnte auch noch weitergehen und sagen, Ludwig betrieb in seinen Märchenschlössern eine frühe Form von virtueller Realität.)

Typisch für Nerds auch sein Interesse an Technologie. Ludwig war fasziniert von Elektrizität und den damit verbundenen Innovationen. Seine Dienstboten rief der König mit Hilfe einer elektrischen Klingelanlage, die "Venusgrotte" auf Neuschwanstein war der erste elektrisch beleuchtete Raum Bayerns und ein eigenes kleines Kraftwerk auf Basis einer Dampfmaschine erzeugte den dafür nötigen Strom.

Doch Ludwigs Visionen gingen weiter. Flugmaschinen hatten es ihm angetan. Heimlich finanzierte er die Versuche des Ingenieurs Gustav Koch, der an einem Luftschiff arbeitete. Gleichzeitig träumte er von seinem "Pfauenwagen", einem Heißluftballon in Gestalt eines Pfaus, der an einem Seil hängend wie eine Seilbahn Schloss Hohenschwangau mit Sperbersau verbinden sollte. Alles selbstverständlich angetrieben von einer Dampfmaschine. Offiziell rechnete man das Projekt als Bau einer neuen Bühnenrequisite ab, um nicht den Unmut über die Verschwendungssucht des Königs weiter zu schüren.

Realisiert wurde es nie, genauso wenig wie das Luftschiff des Gustav Koch oder Ludwigs größtes Projekt, Schloss Falkenstein. Die Visionen versanken gemeinsam mit dem tragischen Monarchen im Starnberger See – ihre Finanzierung hätte den bayerischen Staatshaushalt ohnehin zusammenbrechen lassen.

120 Jahre später erleben die kühnen Träume des Paläo-Nerds Ludwig ein unerwartetes Revival. Steampunk heißt das durch William Gibson begründete Subgenre der Science Fiction, mit dem Gibson, vermutlich ohne es zu wollen, eine Art Gegenströmung zum ebenfalls von ihm mit erfundenen zynischen Cyberpunk initiiert hat. In seinem Buch "Die Differenz Maschine" entwarf er gemeinsam mit Co-Autor Bruce Sterling die Vision eines viktorianischen Englands, in dem dampfbetriebene Großrechner die technologische Evolution beschleunigen. Ihr Alternativweltentwurf geriet zum Trend, aus dem sich in den letzten Jahren ein Technikkult entwickelt hat. Begabte Bastler verleihen IPods oder Laptops viktorianischen Glanz, tunen moderne Technik ganz bewusst auf antiquarisch und träumen von einem Himmel voller Luftschiffe, wie es einst Ludwig tat.

Besonders emsig sind die Anhänger des viktorianischen Techniklooks ausgerechnet im Metaversum von Second Life. Dort stampfen Nerds ganze Sims wie "Caledon" oder "New Babbage" aus dem Boden, die ausschließlich dem Traum vom Dampfmaschinen-Utopia gewidmet sind. Einer dieser Träumer ist Case Schnabel, im realen Leben einer der Hintermänner des Kultblogs Industrial Technology & Witchcraft tüftelt er in Gestalt eines Waschbärs in Second Life seit Jahren an Maschinen mit Dampfantrieb – von denen die meisten nie real existiert haben.

2006 präsentierte der Ingenieur Gerd Hinzinger sein Projekt "Virtuelles Bayern". Der Robotikexperte vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Oberpfaffenhofen hatte die technischen und architektonischen Ideen des Bayernkönigs in Computeranimationen umgesetzt. Mit einer 3D Brille auf der Nase können Zuschauer durch ein alternatives Bayern reisen, in dem die von Ludwig erträumten Innovationen Wirklichkeit geworden sind – fast zumindest. Eine Inspiration für den Steampunkfan Schnabel, der Ludwig II. als "ersten echten Nerd" bezeichnet. Im Oktober 2007 begann er gemeinsam mit Roko Johin an seiner Version von Ludwigs Bayern zu arbeiten. Entstanden ist dabei eine komplette Steampunk Sim: Cybavaria.

"Ein Funprojekt", erzählt Schnabel, "das einfach nur Spaß machen sollte." Dass Cybavaria sich nicht todernst nimmt und hier alles nur augenzwinkernd gemeint ist, merkt man schon beim Teleport. Besucher finden sich zwischen Souvenirständen mit Ludwig-Reliquien und Kuhweiden wieder, über denen sich im Hintergrund das nie realisierte Schloss Falkenstein erhebt – nach Case Schnabels Aussage übrigens das größte Schloss in Second Life.

Erreichen kann man es stilecht mit dem oben erwähnten Pfauenwagen – oder in dem man sich per Katapult hoch auf die Burg schießen lässt. Letzteres, das sei der Fairness halber erwähnt, kein Einfall des verträumten Monarchen. Natürlich fehlt auch das Kochsche Luftschiff nicht. Es parkt am Fuße von Burg Falkenstein unweit eines detaillierten Modells des Adlers, der ersten deutschen Lokomotive, an der der berühmte Salonwagon hängt.

Oben auf Falkenstein erwartet den Second Life Touristen auf Schlössertour eine Extraportion Bayernprunk. Thronsaal, Galerie und Regierungsbüro sind mit viel Liebe zum Detail von den Erbauern Schnabel und Johin ins Linden Metaversum importiert worden. Ein einsamer weiblicher Geist dreht an Ludwigs Schreibtisch seine Runden, hoch über seinem Thron rotiert ein mechanisches Planetarium. Im Ballsaal wartet ein mechanisches Orchester noch auf seine Vollendung. Auch kein Einfall Ludwigs, aber einer, der von ihm hätte sein können. Unwillkürlich stelle ich mir den tragischen Monarchen in die Jetztzeit versetzt vor. Auf seidene Kissen gebettet in seinen Privatgemächern, einem 3D-Visor auf der Nase und Wagner im Hintergrund – aus Dolby Surround Lautsprechern natürlich. Ja, einer wie er hätte Spaß gehabt an virtuellen Welten. Mit verträumtem Gesichtsausdruck hätte er die Treppen hoch in einen der Türme von Schloss Falkenstein erklommen um von dort auf sein Cybavaria herabzusehen. "Nerd" würden seine "Nervenärzte" heute vielleicht achselzuckend diagnostizieren.

Case Schnabel ist es ganz recht, wenn er Besucher mit seinem bayuvarischen Utopia zum Schmunzeln bringt. Einen Tummelplatz für erzkonservative "Neomonarchisten" hat er mit Cybavaria garantiert nicht erschaffen. Es ist auch nicht der olle Ludwig Mythos, der Besucher anlockt. Die Stars sind all die vielen skurrilen Maschinen. Dampfkutschen, Dampfgehhilfen, Dampffahrräder, Dampfboote, Dampfseilbahn und Dampfluftschiff.

Und mittendrin regiert der Kini plötzlich wieder: Als wiedergeborener Steampunkkönig in einem Cyberpunkuniversum, in dem er endlich nicht mehr der einzige Spinner ist. In Second Life wimmelt es davon und das ist auch gut so…

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