Vom traditionellen Krieg ins Chaos

Florian Rötzer 08.04.2008

Das Pentagon entwickelt ein Konzept der "irregulären Kriegsführung" und scheint damit alte Bahnen, die unter Bush eingeschlagen wurden, zu verlassen

Das Pentagon will ein seit Jahren entwickeltes Konzept der "irregulären Kriegsführung" nun umsetzen, von dem man sich anscheinend viel verspricht. Dazu soll eine alle übergreifende Arbeitsgruppe eingerichtet werden, die sich auf "alle Machtinstrumente stützt, um in unserer Region einer irregulären Kriegsführung nachgehen", sagte vor kurzem Luftwaffengeneral Robert Holmes, der dem Oberkommando der Streitkräfte angehört. Das soll auch dazu dienen, das Konzept zu "demilitarisieren". Getestet werden kann die Doktrin dann im Irak und in Afghanistan. Hier habe sich auch gezeigt, dass die traditionelle Kriegsführung nicht ausreiche. Im Hintergrund scheint zu stehen, dass man nach neuen Strategien sucht, die mehr Erfolg versprechen als die bislang primär militärisch ausgerichteten Missionen, auf die die Bush-Regierung von Anfang an gesetzt hatte.

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Was genau eine "irreguläre Kriegsführung" ist, ließ auch noch eine Studie des Pentagon 2006 offen, die die Grundlagen des Konzepts zu eruieren suchte. Eine Definition sei zwar dringend notwendig, angeboten wurde aber nur eine vorläufige Definition, die aus dem Quadrennial Defense Review Report 2006 stammt:

Irreguläre Kriegsführung ist eine Form der Kriegsführung, deren Zweck die Glaubwürdigkeit und/oder Legitimität der relevanten politischen Autorität mit dem Ziel ist, diese Autorität zu schwächen oder zu unterstützen. Die irreguläre Kriegsführung bevorzugt indirekte Vorgehensweisen, auch wenn sie das ganze Spektrum der militärischen und anderweitigen Mittel nutzen kann, um asymmetrische Ansätze zur Untergrabung der Macht, des Einflusses und des Willens des Gegners zu entwickeln.

Der Pentagon-Bericht stellte allerdings fest, dass der Begriff der Irregulären Kriegsführung noch zu ungenau und breit sei, um daraus eine Doktrin abzuleiten. Nach der vorläufigen Definition geht es aber offenbar darum, mit allen möglichen Mitteln und möglichst verdeckt Machtstrukturen in einer Region oder einem Land zu unterminieren oder zu stärken. Holmes meinte dazu vor einem Kongressausschuss im Februar, dass über normale Militäroperationen und Kampfeinsätze hinaus zur Stabilisierung und irregulären Kriegsführung die "positiven Effekte" ausgenutzt werden müssen, die aus "Diplomatie, Verwaltung, Aufklärung, Information, wirtschaftlichen Entwicklung, Strafverfolgung, finanziellem Druck und gesellschaftlichen sowie kulturellen Entwicklungen" kommen. Dazu gibt es natürlich auch die entsprechende Abkürzung für den Militärjargon: DIMES für "diplomacy, information, military, economic and societal-cultural development activities".

Mit dem Ende der traditionellen Kriegsführung trete man ein in ein "Zeitalter des Chaos", sagte Holmes. Jetzt würde man Feinde bekämpfen müssen", die sich als global organisierte Netzwerke präsentieren". Das Joint Forces Command hat, wie die Washington Post berichtet, das Konzept der irregulären Kriegsführung bislang in Übungen wie "Unified Action 07" getestet. In "United Quest 07", woran auch europäische Soldaten teilgenommen haben, ging es etwa auch darum, welche internen Hindernisse es für die irreguläre Kriegsführung gegen "nichtstaatliche feindliche Organisationen in einem nicht im Krieg befindlichen Staat" oder in einem "befreundeten Staat" gibt, der durch einen "irregulären Feind (Aufständische)" bedroht wird..

In die nun geplante Arbeitsgruppe zur irregulären Kriegsführung sollen neben Mitarbeitern des Pentagon auch Vertreter des US-Außenministeriums, von befreundeten Nationen und internationalen Organisationen wie der UN oder der EU teilnehmen. Integriert werden sollen nach dem Konzept "Defense, Diplomacy and Development" (Verteidigung, Diplomatie und Entwicklung) auch Entwicklungshilfebehörden, Hilfsorganisationen und NGOs. Innerhalb des Pentagon ist die Beschäftigung mit der irregulären Kriegsführung nach den Erfahrungen in Afghanistan und im Irak und den zunächst entwickelten Strategien für asymmetrische Kriege offenbar sehr populär.

Das Pentagon nähert sich damit eigentlich dem Konzept an, das etwa die Bundesregierung in Afghanistan vertritt, also eine Art militärischer Entwicklungs- und Stabilitätshilfe oder ein als Entwicklungshilfe verkleideter militärischer Einsatz. Ob dieses Konzept, das Hilfe und militärische Einsätze verbindet und verschmilzt allerdings tatsächlich Erfolg versprechender ist, muss erst abgesehen werden. Man kann vermuten, worauf auch Hilfsorganisationen immer wieder hingewiesen haben, dass die enge Verbindung von Soldaten und Helfern die zumindest versuchte Neutralität der Entwicklungshilfe untergräbt und so auch deren Mitarbeiter noch stärker der Gefahr aussetzt, als Feind betrachtet zu werden.

http://www.heise.de/tp/artikel/27/27670/1.html
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