Ordnung muss sein

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Das übliche Verfahren bei ATV war so, dass zunächst 13 Episoden einer Serie hergestellt wurden. Wenn das Ergebnis zufriedenstellend war, wurden weitere 13 Episoden produziert usf. Bei The Prisoner begann alles sehr harmonisch. Die Akteure trugen seltsame Kostüme, es gab eigenartige Requisiten wie den großen weißen Ballon, doch McGoohan, Tomblin und einige Vertraute schienen genau zu wissen, was das alles sollte. Sie sagten es nur keinem.

George Markstein, der auch glaubte, es zu wissen, fühlte sich bald unbehaglich. Immerhin konnte er McGoohan davon überzeugen, die noch relativ konventionelle Episode "The Chimes of Big Ben" als zweite auszustrahlen und nicht, wie ursprünglich vorgesehen, "Dance of the Dead". Diese sehr kryptische Folge rund um Karneval, Hexenjagd und öffentliche Stigmatisierung (The Prisoner lässt den Medien-Pranger für Postchef Zumwinkel noch widerlicher erscheinen), fürchtete Markstein, hätte das Publikum total verwirrt und womöglich gegen die Serie aufgebracht: Elisabeth I. wurde auf schockierende Weise in eine Reihe mit Kaiser Nero und Napoleon gestellt.

Für Markstein war das allerdings nicht wirklich ein Erfolg. Für ihn gab es eine logische, dramaturgisch stimmige Abfolge der Episoden. Für McGoohan gab es sie nicht. Das ZDF hat deshalb ausnahmsweise keinen Tadel dafür verdient, dass es die Episoden (im Vergleich zur in Großbritannien gewählten Reihenfolge) neu anordnete, weil das den Mainzer Redakteuren sinnvoll erschien (bei einer Serie, in der sich alles im Kreis dreht und die genau da endet, wo sie anfängt). Bis heute wird darüber gestritten, welches nun die "richtige" Reihenfolge sei. Patrick McGoohan wird sich über dieses ungebrochene Bedürfnis nach Teleologie, durch das wir uns ein eigenes kleines Gefängnis schaffen, vermutlich genauso amüsieren wie über die absonderliche Tatsache, dass sich inzwischen viele Prisoner-Fans in miteinander rivalisierenden Vereinen organisiert haben. Bei ihren Treffen üben sie wahrscheinlich diesen Satz des Gefangenen ein, der längst zum Zitatenschatz unserer Kultur gehört: "I will not be pushed, filed, stamped, indexed, briefed, debriefed or numbered!" Diabolischerweise gibt McGoohan bei einem der Vereine den Ehrenpräsidenten; er ist aber noch nie hingegangen. (Hier die Adressen der beiden aktivsten Gruppierungen, falls jemand Mitglied werden will; bei den Unmutuals kann man u.a. erfahren, warum die Handlungen der Konkurrenz von Six of One "verachtenswert, unmoralisch und illegal" sind.)

Kreativität statt Rendite

Nach einem Jahr waren 13 Folgen mehr oder weniger sendefertig (laut ATV-Standard hätten es 30 sein müssen wie bei der parallel entstandenen Serie Man in a Suitcase). McGoohan verbrachte sehr viel Zeit im Schneideraum, wo er den mit der Anfertigung von Konfektionsware beschäftigten Herren das Leben zur Hölle machte. Er setzte durch, dass die Montage beschleunigt wurde, auch wenn das länger dauerte. Der rasche Schnittrhythmus von The Prisoner ist einer der Gründe, warum die Serie bis heute nicht gealtert ist. 1967/68 sah man darin noch eher einen Beleg für schlechtes Handwerk. Denn McGoohan verstieß andauernd gegen die unantastbaren Gesetze der Continuity und des Invisible Editing - also gegen jene auf Abgeschlossenheit bedachte Regelästhetik, die dafür sorgen soll, dass der Zuschauer vergisst, dass ihm nicht etwa (im Hollywood-Jargon) ein "Fenster zur Welt" geöffnet, sondern dass ihm ein nach ideologischen Gesichtspunkten zusammengestückeltes Kunstprodukt präsentiert wird. Wie die Fernsehsender es lieber gehabt hätten (nämlich ohne McGoohans Ellipsen), kann man erahnen, wenn man den vom ZDF präferierten Vorspann sieht (enthalten auf der Bonusdisk der bei Koch Media erschienenen Prisoner-Box). Dieser Vorspann ist um ein paar Einstellungen verlängert, was wohl dem Zuschauer die Orientierung erleichtern sollte (und dabei den Rhythmus zerstörte). Nach wie vor darf man Zweifel daran haben, ob man beim ZDF begriffen hat, dass die Form den Inhalt bestimmt.

Seit nunmehr 40 Jahren wird versucht, The Prisoner mit eher banalen Erklärungen beizukommen. Die Episode "A Change of Mind" nimmt das schon vorweg. Dort wird durchgespielt, was passiert, wenn Normabweichungen auf angebliche psychische und/oder charakterliche Defekte der Abweichler zurückgeführt werden. Patrick McGoohan wird mit schöner Regelmäßigkeit zum größenwahnsinnigen Egomanen erklärt, zum Kontrollfanatiker, der alles allein machen wollte und der Serie damit ein vorzeitiges Ende bereitete. Weil er sich überall einmischte, heißt es, dauerte alles zu lange. Und weil er trotzdem nicht auf eine Rolle in einem Hollywoodfilm verzichten wollte (Ice Station Zebra), heißt es weiter, waren die anderen gezwungen, eine Folge ohne ihn zu drehen.

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Ordnung muss sein

Der Mensch im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit

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