Paarbeziehung – ein hartes Stück Arbeit

04.05.2008

Gespräch mit der Soziologin Sarah Kossak über die Strukturen moderner Paarbeziehungen

Die Strukturen der globalisierten Welt wandeln sich immer schneller und mit ihr die Strukturen menschlichen Lebens. Auch Familie und Beziehungen bleiben davon nicht verschont. Während der Trend hin zum Individualismus geht, die Scheidungsraten steigen und die Geburtenraten sinken, plädieren konservative Politiker für eine Rückkehr zu traditionelleren Rollen- und Familienmodellen. Aber worin ist der Wandel begründet? Nach welchen Mechanismen funktionieren Paarbeziehungen und Familienbindungen im 21. Jahrhundert? Ein Gespräch mit der Oldenburger Soziologin Sarah Kossak.

Die Scheidungsrate steigt, Heirat und Familiengründung geht zurück. Das politische Gejammer darüber, dass die Menschen immer seltener Kinder bekommen, ist groß. Die Strukturen der Paarbeziehung scheinen sich rasant zu verändern. Ist das tatsächlich so, oder entsteht hier über die Medien ein falscher Eindruck?

Sarah Kossak: Natürlich heiraten wir heutzutage nicht mehr aus den gleichen Gründen, wie dies noch vor 40 Jahren der Fall war. Der einzige legitime Grund, heutzutage den Bund der Ehe einzugehen, basiert auf: Liebe. Der Grund warum Ehen scheitern ist: wenn die Liebe nicht mehr vorhanden ist. Keiner gibt sich bzw. muss sich mit einer Zweierbeziehung aufgrund ökonomischer Absicherung abfinden. Natürlich sinkt die Zahl von Paaren, die sich bewusst für ein Kind entscheiden, aber doch eher aus Gründen der mangelnden Kinderbetreuung, erschwerter Bedingungen bei der Muttererwerbstätigkeit und zu guter Letzt bedeutet Eltern zu sein extremer Druck. Ich denke, es ist besser, aus den richtigen Gründen kein Kind zu bekommen, als aus den falschen Gründen Kinder in die Welt setzen, um z. B. der Liebe eine zweite Chance zu geben, die Beziehung zu retten oder alten Mustern zu folgen. Wir leben nun mal in einem Zeitalter vieler Möglichkeiten und Alternativen, in der das Konzept der Ehe nicht zwanglos an Bedeutung verlieren, aber auf Dauer eher eine romantische Vorstellung der Liebe entsprechen wird.

Ist es aber nicht auch so, dass gerade in Zeiten wirtschaftlicher Probleme wieder Beziehungen auf in erster Linie ökonomischer Grundlage eingegangen werden, die Menschen aber aus – verständlicher – Scham diese Lebenslüge unausgesprochen lassen? Zwar ist der Aspekt der Liebe gegenüber den traditionsbedingten Bindungen in den Vordergrund getreten, aber weiter besteht doch die Frage, ob dieser Sachverhalt wirklich immer realistisch ist…

Sarah Kossak: Es gibt eben keine Alternative zu Ehe, wenn man z. B. Steuervorteile genießen, ein gemeinsames Haus kaufen, das gesetzliche Erbrecht oder Hinterbliebenenrente erhalten will. Ich dürfte meinen Partner noch nicht einmal auf der Intensivstation eines Krankenhauses besuchen, weil ich kein Verwandter bin. Der Staat macht es unverheirateten Paaren immer noch schwerer als verheirateten. In Frankreich z. B. gibt es seit 1999 den "Pacte civil de solidarité (PACS)", eine Art Schmalspur-Ehe für jedermann, die von heterosexuellen wie homosexuellen Männern und Frauen mit einem Partner des gleichen oder des anderen Geschlechts geschlossen werden kann, die nicht verheiratet sind. In dem Pakt verpflichten sich die Partner zu gegenseitiger Hilfe, deren Umfang im Vertrag definiert wird. Außerdem gibt es eine Regelung vergleichbar der Schlüsselgewalt im deutschen Recht. Da wären eine gemeinsame Besteuerung mit Steuerermäßigungen, Sozialversicherungsschutz für den bislang nicht versicherten Partner, ein Eintrittsrecht im Mietvertrag und eine bevorzugte ausländerrechtliche Stellung des Partners. Zwar gibt es auch hier kein gemeinsames Adoptionsrecht, gesetzliches Erbrecht des Partners oder Hinterbliebenenrente, aber es ist eine Alternative zur Ehe, die in den nächsten Jahren so oder so ähnlich vielleicht ja auch in Deutschland möglich ist.

Welche Mechanismen entscheiden denn darüber, wie Paare sich finden und ob sie lange zusammenbleiben?

Sarah Kossak: Die Hauptfunktion der Partnerwahl ist es, Nachwuchs zeugen. Auch wenn heute nicht unbedingt in den ersten Tagen der Paarbildung Nachwuchs gezeugt wird, so sind wir auf der Suche nach dem perfekten Partner ganz klar von diesem Urinstinkt geleitet.

Was ist also wichtig, bei der Suche? Ganz oben steht die Attraktivität. Frauen suchen nach Männern, die so aussehen, als könnten sie ihre Nachkommen gut ernähren und beschützen. Männer suchen eine Frau, die so aussieht, als könnte sie viele gesunde Kinder bekommen. Der Grund, warum Männer junge Frauen mit einer guten Figur, glatter Haut, vollen Lippen, kräftigem Haar und symmetrischen Gesichtszügen besonders anziehend finden ist, weil dies Anzeichen für Gesundheit und Fruchtbarkeit sind. Frauen hingegen setzen auf Männer mit muskulösem Körper und Humor- Zeichen, die auf Stärke und Intelligenz und damit auch auf einen gewissen Status schließen lassen. Das hört sich sehr oberflächlich an, aber unsere Vorfahren mussten sich auf diese Zeichen verlassen, denn eine falsche Entscheidung bedeutete eine geringere Überlebenschance des Nachwuchses. Was entscheidet, ob Paare lange zusammenbleiben? Ich bin mir sicher, wenn ich 20 Paare interviewen würde, dass sie mir alle ein anderes Rezept ihrer erfolgreichen Partnerschaft verraten. In Untersuchungen hat man festgestellt, dass gleiche Ähnlichkeit beziehungsweise Attraktivität, gleicher Bildungsstand, gleiche Interessen und gleiche Ziele eine gute Voraussetzungen sind um die Hürden des Beziehungs-Alltags zu meistern. Also ganz nach dem Motto: Gleich und Gleich gesellt sich gern.

"Gegensätze ziehen sich an" stimmt also nicht?

Sarah Kossak: Ausnahmen gibt es immer. Im ersten Augenblick mögen sich Gegensätze anziehen. Im Rausche der Leidenschaft sind Verliebte ja förmlich blind, da in diesem Zustand vor allem die körperliche Attraktivität im Vordergrund steht. Aber nach ca. 12 bis 17 Monaten, wenn der Rausch des Verliebtseins allmählich nachlässt, stellen die Partner häufig fest, dass die Unterschiede zu groß sind. Natürlich gleichen sich Menschen niemals in allem und wir müssen die einen oder anderen Andersartigkeiten am Partner akzeptieren. Aber die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Zweierbeziehung sind besonders dann groß, wenn sich die Paare sich in vielen Dingen ähneln. Der US-Forscher David Bussi hat es sehr treffend ausgedrückt: Paare können jede noch so kleine Differenz, die zwischen ihnen herrscht, auf Dauer nicht ertragen, abgesehen von einem einzigen Unterschied: dem Geschlecht.

Welchen spezifischen Problemen sehen sich Paare heute ausgesetzt, die es früher so nicht gab, und wie können sie damit umgehen?

Sarah Kossak: Eine Gefahr für dauerhafte Partnerschaften ist mit Sicherheit die zunehmende Entwicklung hinsichtlich des Arbeitsmarktes. Wo der Großvater bis zu seinem Rentenalter in ein und derselben Firma gearbeitet hat, so müssen wir heutzutage sehr mobil und flexibel unseren Arbeitsalltag hinnehmen. Fernbeziehungen sind hier nur ein Thema. Natürlich spielen das Medium Internet und Fernsehen eine große Rolle, wo viele prominente Beziehungen bis ins kleinste Detail nach Außen getragen werden. Jeden Tag trennen sich neue Paare, von denen man annahm, sie würden ein Leben lang zusammen bleiben. Sowohl früher als auch heute war und ist Liebe und Partnerschaft, so romantisch wir uns das auch vorstellen mögen, ein hartes Stück Arbeit. Wenn dann vorgelebt wird, dass dort draußen auf den Markt bessere Kandidaten auf uns warten, macht das die Beziehungsarbeit umso schwerer.

Schöne Menschen haben es also gar nicht so leicht

Ein Patentrezept für funktionierende Beziehungen gibt es nicht – dennoch steigen die Auflagen von Büchern, die Lösungen versprechen, immer weiter. Ist das eine Art Flucht?

Sarah Kossak: Vielleicht ist es auch eine Art Bestätigung, dass andere Paare die gleichen Probleme haben wie man selbst. Allerdings glaube ich, wenn ein Paar Beziehungsprobleme hat und diese aufgrund von Gesprächen nicht mehr aus der Welt zu schaffen sind, ein Buch nicht hilft. Hier ist es doch besser, den Fachmann direkt aufzusuchen oder sich einzugestehen, dass Topf und Deckel nun mal nicht zusammenpassen. So bewundernswert einige Paare auch sein mögen, weil sie es immer und immer wieder miteinander probieren- eine Trennung ist manchmal leider nicht zu vermeiden.

Die Verhältnisse im sozialen Status zwischen Männern und Frauen, vor allem was Einkommen und Bildung betrifft, sind heute anders als noch vor 40 Jahren – welche Auswirkungen hat das auf die Partnersuche und Beziehungsstrukturen im 21. Jahrhundert?

Sarah Kossak: Noch vor 40 Jahren, als Frauen aufgrund mangelnder Bildung dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung standen, war es normal, dass der Mann in der Beziehung besser ausgebildet war als die Frau. Je gebildeter die Frauen heutzutage sind, desto schwieriger wird es, den geeigneten Mann zu finden. Schaut man sich attraktive und kluge Frauen an, dann fehlt meistens der passende Partner an ihrer Seite. Natürlich liegt es auch an den Ansprüchen, welche Menschen an anderen Menschen haben, in diesem Fall Frauen an ihren potenziellen Partner - aber eine gewisse Angst von Männern gegenüber klugen Frauen ist nicht von der Hand zu weisen.

Ist es denn nicht auch so, dass die Menschen gerade heutzutage einem immer größeren Druck ausgesetzt sind, ein bestimmtes Selbstbild nach außen transportieren zu müssen und dieses dann auch als Hemmnis für mögliche Beziehungen wirkt? Immerhin sind es die kleinen Unsicherheiten und Makel, die einen Menschen für den Partner letztendlich richtig interessant machen…

Sarah Kossak: Das stimmt. Je schöner, schlanker, stylischer, klüger oder erfolgreicher ein Mensch ist, umso mehr Probleme hat er, den passenden Partner zu finden. Attraktivität kann in einigen Fällen ein hemmender Kontaktfaktor sein und dem Aufbau einer Beziehung durchaus im Wege stehen. Im Allgemeinen tendieren wir dazu, attraktive Menschen zu begünstigen und schreiben ihnen vorab einen Bonus zu. Das zeigt das so genannte "Gehwegexperiment" der beiden Forscher James M. Dabbs and Neil A. Stokes[1]. Männliche und weibliche Lockvögel postierten sich auf einem vielbegangenen Bürgersteig. Aus einem gegenüberliegenden Fenster filmten die Forscher das Verhalten der Passanten gegenüber den entgegenkommenden Lockvögeln, deren Aussehen mittels Make-up, Kleidung und Schmuck variiert wurde. Es stellte sich heraus, dass eine hohe physische Attraktivität, aber auch ein nach Außen hin gezeigter hoher Status der Lockvögel, bei den Passanten Unsicherheit auslöste. Sogar in dieser unverbindlichen Situation des Experiments, bei dem ein Kontakt gar nicht angestrebt wurde. Schöne Menschen haben es also gar nicht so leicht: sie werden gerne angesehen, aber ein Annähern erfordert aufgrund der Dominanz, die ihnen zugeschrieben wird, eine hohes Maß an Mut und Selbstbewusstsein. Besonders Männer lassen sich von weiblicher Attraktivität blenden, bei hübschen Frauen wittern sie unter anderem viele Konkurrenten.

Während nicht nur in Deutschland konservativ geprägte Politiker und Intellektuelle eine Rückbesinnung auf die Familie und auf klassische Beziehungsmuster fordern, leben Prominente Kollegen wie Nikolas Sarkozy ein ganz anderes Bild vor. Hat das Auswirkungen auf das Verhalten der Menschen? Stiftet es gar Verwirrung?

Sarah Kossak: Ich glaube nicht. Denn im Endeffekt hat sich hier ein älterer Mann in diesem Fall eine etwas jüngere Frau ausgesucht, sie relativ schnell geheiratet und damit für viele das Bild einer Midlife-Krise bestätigt. Vielleicht hat er sich aber auch nur schlicht und einfach verliebt. Die Beziehung zu seiner Ex-Frau war unglücklich und unbefriedigend und er fühlte sich zu jung um sich damit abzufinden. Es ist sowohl beunruhigend als auch hoffnungsstiftend.

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