Wie schädlich ist die Babyplastikflasche?

16.04.2008

US-Bericht eröffnet neue Runde im Streit um die Wirkung von Bisphenol A

In München gibt es einen Mann, auf den die in Frage kommende Chemikalie nachweisbar signifikante Auswirkungen hat. Man braucht nur das Kürzel des kristallinen Grundstoffes zu nennen und der Mann wird zum Nervenbündel, der seine Umwelt vergiftet. "BPA", bzw. Bisphenol A, ist der Name des "Reizstoffes", der den überbesorgten Vater zum tobenden Feind aller Plastikbabyflaschen macht - und schon eine Menge Wissenschaftler in einen "Guerillakrieg" um die Gefahren und Risiken des Grundbausteins für Polykarbonate gezogen hat. Möglich, dass der Bericht (PDF-Datei) einer amerikanischen Gesundheitsbehörde über BPA, der gestern veröffentlicht wurde, den Konflikt neu aufmischt.

"Möglich" ist ein Wort, das in dem Bericht des National Toxicology Program über Bisphenol A an zwei entscheidenden Stellen vorkommt. Einmal bei der Anwort zur Frage, ob Bisphenol A Auswirkungen auf die menschliche Entwicklung oder Fortpflanzung hat (seite 10 der PDF-Datei). Zum anderen bei der Beantwortung der Frage, ob die Dosis an BPA, der man gegenwärtig ausgesetzt ist, hoch genug sei, um besorgniserregend zu sein (Seite 33 der PDF-Datei).

"Möglich" sagt in dieser Kampfzone für manche schon zuviel, ebenso wie das Resüme des Berichts, der die möglichen Auswirkungen von BPA angesichts der Dosis, denen Menschen gegenwärtig ausgesetzt sind, mit "einigen Bedenken"/"some concerns" klassifiziert. Als mögliche Wirkungen des Polykarbonatgrundstoffes werden genannt: Effekte auf die neuronale Entwicklung von Föten, Kleinkindern und Kindern und deren Verhalten sowie potientielle Effekte auf die Prostata-bzw. Brustdrüsen, möglicherweise auch vorgerückte Pupertät für Mädchen – BPA wirkt im Organismus ähnlich wie das weibliche Geschlechthormon Östrogen, wenn auch nicht so stark, aber es bindet immerhin an dieselben Rezeptoren der Zelloberflächen.

Für die kampferprobten Vertreter jener Industrie, die auf der Grundlage von BPA etwa Lebensmittelverpackungen machen, ist "möglich" wahrscheinlich schon zuviel und die Einschätzung "some concern", das als Mittelwert der 5stufigen Skala von "negligible" bis "serious concern" rangiert, nicht wirklich beruhigend. Denn die Einschätzung des National Toxicology Programs wird an andere Behörden der USA, die mit Gesundheit befasst sind, weitergegeben. Unter anderem an die wichtige Food and Drug Administration, die laut Washington Post noch im vergangenen Monat Studien über eventuelle Krebsrisiken durch BPA ignoriert und stattdessen Studien, welche die Unbedenklichkeit der Chemikalie statuierten, benutzt hat. Die Studien wurden von der chemischen Industrie finanziert.

Wer die Studien finanziert, der beeinflusst deren Ergebnis nachhaltig und die Ergebnisse beeinflussen "das Leben der Verbraucher direkt" – diese beiden elementaren Grundausssagen finden sich in einem Bericht der Süddeutschen Zeitung, der im November letzten Jahres die Auseinandersetzung um die Wirkung des allgegenwärtigen Kunststoff-Moleküls beschrieb, demnach haben sich zwei Lager gebildet, die sich einen "Guerillakrieg" um die Wirkung und das Risiko von BPA liefern. Studien über mögliche Wirkungen der Substanz gebe es zuhauf- allerdings mit "widersprüchlichen Resultaten". Wie abhängig dabei das Ergebnis der Studie vom Geldgeber ist, beweisen Recherchen des amerikanischen Entwicklungsbiologen Frederick vom Saal, spezialisiert auf Wirkungen von künstlichen und natürlichen Hormonen in Kleinstdosierungen und selbst Partei in der Sache - als ausgewiesener BPA-Kritiker. Laut Sz hat er 163 Niedrigdosis-Studien, die bis November 2006 veröffentlicht waren, geprüft:

138 der 152 öffentlich finanzierten Studien wiesen auf Schäden hin, sämtliche elf industriell gesponserten Studien zeigten keine Hinweise darauf.

Seit den 50er Jahren wird Bisphenol A in der Plastikproduktion verwendet. Heute ist es überall, nicht nur in Babyfläschchen, anderen Lebensmittelverpackungen, CDs, Zahnfüllungen, Handys Autoteilen und Baustoffen, sondern auch im Wasser und im Feinstaub, sagen Experten. Messungen fanden BPA im Urin von 93 Prozent der amerikanischen Bevölkerung (über sechs Jahre).

Mögliche Auswirkungen auf den menschlichen Organismus sind nicht leicht nachweisbar, worauf auch der aktuelle Bericht des National Toxicology Program deutlich hinweist. Zwar legen Studien seit längerer Zeit nahe, dass Bisphenol A auch in kleineren Dosen den Organismus schädigen kann – es gibt Hinweise darauf, dass die Entwicklung des Gehirns beeinflusst werden kann, auf Krebsrisiken, Verhaltensstörungen, Unfruchtbarkeit, manche sehen auch Zusammenhänge mit der Dickleibigkeit. Ein grundlegendes Problem ist jedoch, dass die meisten BPA-Studien an Ratten durchgeführt werden, was den Unbedenklichkeitsbescheinigern im Auftrag der chemischen Industrie Gelegenheit zu Gegenstudien verschafft hat:

Allein die Wahl des Rattenart reicht aus, um ein bestimmtes Resultat zu garantieren. So reagieren Ratten vom Stamm Charles River-Sprague Dawley (CD-SD) besonders unempfindlich auf weibliche Geschlechtshormone. Selbst auf den extrem potenten Wirkstoff der Antibaby-Pille, Ethinyl-Estradiol (EE), reagieren CD-SD-Ratten erst bei einer täglichen Gabe von 50 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht.

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