Nicht nur Biosprit macht Hunger

22.04.2008

Die Energie- und Klimawochenschau: Hungerrevolten in den ärmsten Ländern beherrschen die Schlagzeilen und heizen hierzulande die Debatten über die Ursachen steigender Lebensmittelpreise an

Wie kann es sein, dass sich große Bevölkerungsteile nicht einmal mehr das spärliche, zum Überleben nötige Minimum an Lebensmitteln wie Reis und Weizen leisten können? Die vermeintliche Ursache war schnell betitelt: der zunehmende Anbau von Energiepflanzen. Nach Ansicht des Weltlandwirtschaftsrats (IAASTD) ist die zunehmende Produktion von Biotreibstoffen ein Hauptgrund für die prekäre Situation auf den Nahrungsmittelmärkten. Statt einer weiteren Intensivierung des Anbaus von Energiepflanzen und einer damit einhergehenden Verdrängung des Anbaus von Nahrungspflanzen, müssten die Anbaumethoden weltweit geändert werden. Vor allem um die Anfälligkeit gegenüber den sich im Rahmen des Klimawandels schnell ändernden ökologischen Randbedingungen zu verringern.

IAASTD-Direktor Robert Watson sieht die industrielle Landwirtschaft bereits an ihre Grenzen gestoßen. Die ärmsten Entwicklungsländer wären die Verlierer weiterer Handelsliberalisierungen, deshalb dürfe das Hauptaugenmerk der globalen Agrarwirtschaft nicht mehr allein auf der Massenproduktion liegen. Sie führe letztlich zur weiteren Zerstörung des Planeten.

Was man in den Tank packt kann man nicht mehr auf den Teller legen

Greenpeace hat vorgerechnet, dass für eine Tankfüllung Bio-Ethanol so viel Getreide benötigt wird, dass ein Mensch ein ganzes Jahr davon leben könnte. Von der Energiemenge, die ein Mensch pro Tag zum Leben braucht, fährt ein durchschnittlicher PKW (6,6l/100km) nur 4,5 km weit. Handelt es sich bei diesem Treibstoff um Agrodiesel wird deutlich, wie absurd hoch der Energiehunger unserer mechanisierten Industriegesellschaft ist. Allein der vom Weltklimarat empfohlene Plan, die Beimischung von Biosprit bis 2020 zu verdoppeln, wird nach Berechnungen des International Food Policy Research Institute IFPRI zu einem Anstieg der Maispreise um weitere 72 Prozent führen.

Wir sind für steigende Nahrungsmittelpreise weltweit verantwortlich. Wer 50 Liter Diesel tankt, verfährt damit 10 Brote, da Biodiesel 5 Prozent des Treibstoffes ausmacht.

Hauke Benner vom Aktionsnetzwerk Globale Landwirtschaft

Der plakative Vergleich regt dazu an, dem komplexen Ursachengeflecht für die derzeitigen Hungerproteste nachzugehen:

  1. Langjährige Wirtschaftsinterventionen in den armen Ländern
  2. Die Zerstörung dezentralen Landbaus zugunsten einer Orientierung auf die Exportwirtschaft (u.a. zur Bedienung des Schuldendienstes)
  3. Eine zunehmende arbeitsteilige Globalisierung, eine damit einhergehende Abhängigkeit von Lebensmittelimporten
  4. Die zunehmende Spekulation um Rohstoffe und ihren wesentlichsten Teil, die Nahrungsmittel
  5. Zunehmender Bioenergiehunger
Weizen auf Rekord-Hoch. Die Experten rechnen damit, dass die Weizen-Vorräte Ende Mai auf 272 Millionen Bushel sinken werden, 40 Prozent weniger als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Weizenpreise in US-Cent/bushel (1 bushel = ~ 35 Liter)

Die Preise für Sojabohnen, Mais und Weizen stiegen von März 2007 bis März 2008 um jeweils 87 Prozent, 31 Prozent und 130 Prozent.

In der Folge sind auch bei uns die Lebensmittelpreise angezogen, eine Entwicklung, die schon vor einiger Zeit festgemacht wurde an Milchprodukten, die teurer würden, weil Chinesen zunehmend Gefallen an westlichen Lebensmittelprodukten fänden. Während solche Meldungen bei uns nur Neuigkeitswert haben, sind steigende Lebensmittelpreise für die ärmste Milliarde Menschen auf der Erde, die nicht über eigenes Land verfügt und deren Einkommen unter einem Dollar pro Tag liegt, eine Existenzbedrohung.

Die Fleischproduktion ist in den letzten 50 Jahren um 600% getiegen. Grafik: Brake

Tatsächlicher Mangel an Nahrungsmitteln besteht indes nicht. Beleg dafür ist der Überfluss in allen Industriestaaten, in denen eher Fettleibigkeit denn Hunger eine Bedrohung darstellt. Auch die Ernährungsumstellung in den asiatischen Schwellenländern, hin zu einer mehr fleischbetonten Kost, zeigt, dass es nicht an Getreide mangelt, sondern eher daran, dass für die Fleisch- und Treibstoffproduktion da,it verschwenderischer umgegangen wird. Um ein Kilogramm Fleisch zu produzieren, werden durchschnittlich 7 Kilogramm Getreide verfüttert.

Bedingt durch wachsende Bevölkerung und steigendes Einkommen erhöht sich in den Schwellenländern die Nachfrage nach Fleisch.

Obwohl der Fleischkonsum in den Industrienationen seit Jahren abnimmt, steigt der globale Konsum weiter an. 2004 wurden weltweit 258 Millionen Tonnen Fleisch produziert. Seit 1970 hat sich die Fleischproduktion mehr als verdoppelt. Auf der Fläche, die benötigt wird, um ein Kilogramm Fleisch zu erzeugen, könnte man im selben Zeitraum 200 kg Tomaten oder 160 kg Kartoffeln ernten. In den USA werden 230.000 km2 Land zur Produktion von Heu für Nutztiere beansprucht, aber nur 16.000 km2 (7 Prozent) zur Produktion pflanzlicher Nahrungsmittel. Der enorme Landverbrauch für die Fleischproduktion ist besonders in Lateinamerika der Grund für großflächige Regenwaldrodungen. In Zentralamerika wurden so innerhalb der vergangenen 40 Jahre 40% des gesamten Regenwaldes vernichtet, hauptsächlich um Weideland zu schaffen oder Futtermittel anzubauen.

Zunehmende Fleischproduktion verbraucht überproportional viel landwirtschaftliche Nutzfläche. Grafik: Brake

Angebotsschwankungen werden durch Spekulation überhöht

Die Preisanstiege für Lebensmittel haben auch spekulative Ursachen. Wenn an den Handelsbörsen jetzt höhere Preise gefordert werden, als es tatsächlichen Ernterückgängen entspricht, dann, weil die Börse Angebotsschwankungen und psychologische Momente zum eigenen Nutzen überhöht. Ähnlich wie bei der Preisfindung für Öl, wo trotz gleichbleibenden Fördervolumens Ängste vor Peak-Oil und kommenden Förderrückgängen genutzt werden, um den Preis auf neue Höhen zu treiben. Die gleichen Mechanismen greifen auch an den Nahrungsmittelbörsen, Gerüchte um eine Verknappung aufgrund zunehmender Biomasseproduktion reichen - und die Preise steigen. Angetrieben wird die Preisspirale gerade aktuell von den Gewinnerwartungen immer neuer Anleger. Nach dem Kollaps der Immobilienmärkte weichen die Spekulanten auf die Rohstoffmärkte aus. Der Spekulationsblase fließt so immer neues Kapital mit der Erwartung noch höherer Gewinne zu.

Auch die langjährige Intervention der Weltbank und die Förderung von exportorientierten Großbetrieben statt lokaler kleinbäuerlicher Erzeugerstrukturen führten zu einer Verteuerung der lokalen Produktion. Denn Monokulturen brauchen teuren Dünger und Pestizideinsatz. Seit der zunehmenden Ausbreitung von patentierten genmanipulierten Pflanzen kommen dazu auch noch gestiegene Kosten für Saatgut und bei Hybridsorten die Unmöglichkeit, einen Teil der Ernte zur Neuaussaat zu verwenden. Der weltweite Agrarboom lässt so auch die Preise für Düngemittel und Spritzmittel nach oben schießen. Eine wahre Goldgrube für Produzenten und Spekulanten die letztendlich ebenfalls zur Verteuerung von Lebensmitteln beiträgt.

Auswirkungen des Klimawandels auf die Ernten

Die zunehmende Abhängigkeit von Nahrungsmittelimporten führt besonders in den armen Ländern zu einem Ausgeliefertsein an die Ertragskraft der großen Produzenten. Mehrere Dürrejahre in Folge haben schon Australien als Getreidelieferanten ausfallen lassen, bei einem zunehmend trockenem Klima wird die "Kornkammer Asiens" in Zukunft nicht mehr in dem Maße zur Verfügung stehen wie bisher. Selbst in Osteuropa macht sich der Klimawandel bemerkbar. So häuften sich in den Getreide-Exportländern Rumänien und Bulgarien Ernteschwankungen aufgrund zunehmender Wetterkapriolen. Hier findet eine Rückkopplung des menschengemachten Klimawandels auf die lebenswichtige Produktion von Nahrungsmitteln statt.

Klimatisch begünstigte Länder wie Deutschland können einen Teil ihrer Fläche für den Anbau von Agroenergiepflanzen verwenden, ohne dass es zu Nahrungsmittelknappheit kommt. In Deutschland sind es zur Zeit 17% der Anbaufläche. Klimatisch prekäre Länder können sich diesen Luxus nicht leisten, schon gar nicht in Form intensiver agroindustrieller Anbaumethoden. Auch die vielgepriesene Gentechnik wird hier nichts bringen.

Woran es in den Anbauländern zuallererst fehlt, ist Wasser. Und dessen Angebot dürfte bei fortschreitendem Klimawandel zunehmend unberechenbarer werden. Statt dessen wäre insbesondere für arme Länder eine Förderung dezentraler Anbaumethoden angezeigt. So liegen die Erträge des extensiven Landbaus auf hochertragreichen Böden zwar nur beim 0,8-Fachen des Ertrags in Monokulturen, auf armen Böden liegen sie aber beim 1,8-Fachen – ohne Pestizide, ohne Gentechnik, ohne Mineraldünger – also nachhaltig.

Beispiel Bio-Ethanol und Palmöl: Die weltweite Produktion von Agroenergiepflanzen nimmt stetig zu. Grafik: Brake

Während Schwellenländer den zunehmenden Zustrom von Landbevölkerung in die großen städtischen Agglomerationen als willkommene billige Arbeitskräfte für die boomende Exportwirtschaft willkommen heißen, führen Landflucht und Verstädterung in den ärmsten Ländern zu weiterer Verelendung. Die nun landlosen neuen Stadtbewohner wären auch dort auf Erwerbsmöglichkeiten angewiesen, um Nahrungsmittel zu kaufen. Fehlen diese, kommt der Hunger.

Viele Entwicklungsländer, die in den letzten Jahrzehnten, beraten von Weltbank und Co., ihre eigene Landwirtschaftsentwicklung zentralisiert oder schlicht vernachlässigt haben, können jetzt nicht mehr zu günstigen Preisen einkaufen und ihren Bedarf durch Importe decken. In den aktuellen Hungerprotesten kulminieren so vor allem die Fehlentwicklungen und Versäumnisse der Vergangenheit.

Aktivismus mit alten Rezepten

Die Weltbank sieht in 33 Ländern die Gefahr von gewaltsamen Unruhen infolge der steigenden Nahrungsmittelpreise. Weltbank und IWF fordern deshalb von Geberländern 500 Millionen Dollar, um die Lage zu entspannen. Doch den Verantwortlichen ist auch klar, dass ihre alten Rezepte sowohl für die Situation mitverantwortlich sind, als auch nur eine kurzfristige Hilfe sein können. IWF-Chef Dominique Strauß-Kahn formulierte den Erkenntnisgewinn so:

In der Situation, in der die Menschen leben, brauchen sie kein Geld, sie brauchen etwas zu essen. Geld sammeln alleine, löst das Problem nicht.

Ganz falsch sei es, die Nahrungsmittelpreise künstlich zu verbilligen, um die unmittelbare Not der betroffenen Menschen zu lindern. Die Welthungerhilfe schlägt statt dessen längerfristige Beschäftigungs- und Sozialprogramme vor, mit denen die ländliche Infrastruktur verbessert wird. Der Lohn für die Arbeit, ob in Naturalien oder bar ausgezahlt, soll die Bedürftigen in die Lage versetzen sich selbst zu ernähren. Die jetzt propagierte Gentechnik als Lösung lehnt die Welthungerhilfe ab.

Da wird über die Hintertür versucht, die Gentechnik den Entwicklungsländern aufs Auge zu drücken. Aber das ist nicht die Lösung des Problems.

Die zunehmende Produktion von Pflanzen als Energielieferanten, insbesondere für Biosprit, ist also nicht die Ursache für die aktuellen Hungerproteste. Sie ist nur ein, wenn auch zunehmend wichtigerer Teil der Agroindustrie. Ein Teil eines globalisierten Systems aus zentralisierter ressourcenintensiver Erzeugung, globalisiertem Handel mit Rohstoffen und einer zunehmend landlosen Weltbevölkerung, welcher auf der anderen Seite der globalisierte Handel nicht genug Einkommen verschaffen kann, um sich auch nur die Grundnahrungsmittel zu leisten. Ein System also, das Ökonomen in seiner Simplizität beglückt, aber in der Realität zur Zeit ein Fünftel der Weltbevölkerung außen vor lässt. Ein System, dass insbesondere auch anfällig ist für die zunehmenden Kapriolen im Zeichen des Klimawandels.

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