Wie China den Hunger besiegte

22.04.2008

Weniger Kinder, mehr Bildung

In den 30 Jahren von 1950 bis 1980 verdoppelte sich die Bevölkerung Chinas nahezu - trotz der schweren Hungersnot zu Anfang der 1960er. Auch wenn die Überbevölkerung als "relativ" angesehen wurde, war sie doch ein reales Problem, mit dem praktisch umgegangen werden wollte. Während der 1970er Jahre hatte man versucht, das Bevölkerungswachstum allein durch Propaganda zu begrenzen – damit gelang ein gewisser Rückgang der Geburtenrate, allerdings nur von durchschnittlich fast 6 auf knapp drei Kinder pro Familie.[1]

1979 führte Deng Xiaoping schließlich die im Westen als "Ein-Kind-Politik" bekannt gewordene Linie ein, um den Teufelskreis aus Überbevölkerung und Unterentwicklung zu durchbrechen und Fortschritt durch bessere Bildung zu erreichen. Durchgesetzt wurde die Politik lokal unterschiedlich über ein Mischsystem aus hohen Kompensationszahlungen an den Staat ("shehui fuyang fei") und Versorgungsanreizen: Ein-Kind-Familien wurden bei der Gesundheitsversorgung, der Rente, beim Urlaub und bei der Wohnungsvergabe bevorzugt. Hinzu kamen flankierende Aufklärungsmaßnahmen: Bis 2003 wurde von jungen Paaren eine Art "Familienplanungsführerschein" gefordert, welcher Grundkenntnisse der Empfängnisverhütung zum Inhalt hatte.

In den Städten erwies sich die Politik gemäß einer an der University of California in Irvine durchgeführten Studie als "bemerkenswert effektiv" - die Landbevölkerung zeigte sich dagegen nur bedingt empfänglich für die finanziellen Anreize, so dass die Ein-Kind-Familie im Gegensatz zu den Städten dort eher die Ausnahme blieb. Allerdings gab es hier auch teilweise deutlich andere Regelungen als in den Städten.

In China spricht man aufgrund der sehr unterschiedlichen Ausgestaltung nicht von einer "Ein-Kind-Politik", sondern von "Maßnahmen zur Bevölkerungs- und Familienplanung", die allerdings von einem Grundrecht auf ein Kind pro Familie ausgehen. Mehr Kinder stehen beispielsweise Angehörigen der über 50 ethnischen Minderheiten zu - dabei wird differenziert, ob sie in Städten, auf dem Land oder in nicht entwickelten Gebieten lebten. Diese Regelungen hatten zur Folge, dass sich der Anteil der Nicht-Han an der Gesamtbevölkerung Chinas von Mitte der 1950er Jahre bis 2005 auf fast 10% nahezu verdoppelte.

Andere Ausnahmen vom Ein-Kind-Grundsatz gelten für Geschiedene und für solche Familien, in denen sowohl der Vater als auch die Mutter Einzelkinder sind. Zwillinge und Drillinge haben für die Eltern ebenfalls keine Nachteile zur Folge. Dies führte dazu, dass Hormonbehandlungen gegen Unfruchtbarkeit, welche die Wahrscheinlichkeit von Mehrlingsschwangerschaften deutlich erhöhen, auch von gesunden Frauen in Anspruch genommen wurden, weil diese so Kompensationszahlungen vermeiden wollten.

Weniger Kinder, mehr Bildung

Durch die Ein-Kind-Politik wandelte sich die Haltung gegenüber Kindern: Den Einzelkindern wurde nicht nur mehr Fürsorge, sondern auch mehr Bildung zuteil – im eigenen Interesse der Eltern, die durch ein höheres Einkommen des Einzelkindes ihre Chancen auf Zuwendungen im Alter erhöhten. So konnte auch in traditionell bildungsfernen Schichten der Sprung aus dem Elend geschafft werden. Als zweischneidiges Schwert erwiesen sich die zur Abschreckung eingeführten Nachteile für die Ausbildung, welche dafür sorgten, dass nicht nur die Eltern, sondern auch die Kinder benachteiligt wurden. Die großen sozialen Unterschiede im heutigen China wurden auch von Eltern verursacht: Arme Wanderarbeiter sind häufig Söhne von Bauern, die sich nicht an die Ein-Kind-Regelungen hielten; Programmierer, Ingenieure und Geschäftsfrauen in den Städten dagegen häufig Einzelkinder.

Bei der Einführung der neuen Bevölkerungspolitik hatte China mit ähnlichen Problemen zu kämpfen, wie sie heute viele Entwicklungsländer vor einer effektiven Bevölkerungspolitik zurückschrecken lassen: Vor 1951 lag die Altersvorsorge vollständig in den Händen der Nachkommen – was auch heute noch Auswirkungen auf die Familienplanung hat (davon abgesehen, dass große Teile der Bevölkerung durch die Lücken des chinesischen Drei-Säulen-Rentensystems fallen).

Traditionell wurden Töchter in die Familien ihrer Gatten gegeben, wo sie nicht für die Altersversorgung der eigenen Eltern, sondern für die der Schwiegereltern sorgen mussten. Hinzu kam, dass weibliche Nachkommen bei ihrer Verheiratung eine häufig beträchtliche Mitgift gegeben werden musste, weshalb sie eher als Belastung, denn als Beitrag zur Altersvorsorge gesehen wurden. Dies spielt wahrscheinlich immer noch eine Rolle dabei, dass in der Volksrepublik mehr Jungen als Mädchen geboren werden (1,11 : 1). Allerdings ist das Abtreibungsrisiko für ungeborene Mädchen auch in asiatischen Ländern ohne Ein-Kind-Politik höher: In Taiwan kommen 1,09 Jungen auf ein Mädchen, in Südkorea 1,08.

Die chinesischen Behörden versuchten gegenzusteuern, indem sie höhere Vergünstigungen für Mädchen gewährten und kulturelle Veränderungen propagierten: Darunter eine stärkere Gleichberechtigung von Frauen sowie ein Abstandnehmen von Ehe und Familie als Versorgungsgemeinschaft.

Unter anderem aufgrund dieser Geschlechterasymmetrie geriet die Ein-Kind-Politik während der Konsultativkonferenz im März unter Beschuss. Etwa 30 Delegierte forderten ihre Abschaffung - auch mit Verweis auf eine angeblich zu starke Verwöhnung der Einzelkinder. Trotzdem wurde beschlossen, dass sie noch für mindestens ein Jahrzehnt in Kraft bleiben soll – so lange die (auch in China) geburtenstarken Jahrgänge noch fruchtbar sind.

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