Eltern am Rand des Nervenzusammenbruchs

23.04.2008

Der Druck ist gewachsen: Gespräch mit Christine Henry-Huthmacher

Elternschaft wird subjektiv als "zunehmend schwieriger zu bewältigende Gestaltungsaufgabe mit hohen Erwartungen" erlebt . In vielen Milieus führe dies zu "massiver Verunsicherung der Eltern". Die Elternschaft werde als so komplex und anspruchsvoll wahrgenommen, dass man dem eigenen Empfinden nach diesen hohen Ansprüchen kaum genügen könne. Die Erziehungsqualität betrachten viele der modernen Eltern "voller Selbstzweifel, verunsichert und empfinden sie als mit großen Defiziten". Dazu kommt das Gefühl vieler Eltern, dass Kinder in vielen Bereichen unseres täglichen Lebens nicht wirklich willkommen sind. Davon berichtet die Studie "Eltern unter Druck" der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS). Telepolis sprach mit Christine Henry-Huthmacher, Sozialwissenschaftlerin, Familienpolitikerin und KAS-Koordinatorin für Frauen- und Familienpolitik, die maßgeblich an der Studie mitgewirkt hat.

Viele Ältere behaupten, dass Eltern schon immer unter Druck waren, und dass man sich früher aber trotzdem leichter getan habe. Was ist denn jetzt anders?

Christine Henry-Huthmacher: Das hängt davon ab, was man unter "früher" versteht. Nehmem wir die Zeit nach dem Krieg, die 50er- und 60er-Jahre, in diesen Jahren war Elternsein der gesellschaftliche Mainstream: Alle waren Eltern und insofern war man in einer vergleichbaren Situation. Es gab kollektive Erziehungsstile und es gab Verhaltensregeln, die nicht angezweifelt wurden. Man wusste, wie man sich zu verhalten hatte.

Im Vergleich dazu ist heute vieles individueller geworden. Die Eltern nehmen einen ganz eigenen, individuellen Erziehungstil in Anspruch. Die Regeln werden familienspezifisch und situationsbezogen ausgehandelt. Wir haben heute völlig andere Erziehungsmaßstäbe. Wo früher die Diskussion zu Ende war, fängt sie heute erst an, nämlich im Aushandlungsprozessen von Konflikten. Das kostet viel Zeit.

Einerseits kann man also sagen, dass alles individueller geworden ist und es heute sehr viele Freiräume für die Eltern gibt, die Erziehung zu gestalten. Auf der anderen Seite ist der Druck auf viele Eltern, nach eigenen Angaben, doch sehr gestiegen, die Rede ist von einem normativen Druck, also dass Eltern sehr nervös darauf reagieren, wenn sie das Gefühl bekommen, dass mit ihrem Kind etwas nicht stimmt – ob das jetzt mit dem Schulerfolg zu tun hat oder schon bei Vergleichen mit anderen Kindern im Kindergarten anfängt. Hat sich da etwas verändert?

Christine Henry-Huthmacher: Der normative Druck ist in dem Maße gewachsen, wie Eltern klar wird, dass von ihrem Kind etwas erwartet wird. Seit Pisa hat sich da etwas verändert bei den Eltern. Sie stellen sich mehr Fragen danach, wie sie ihr Kind besser fördern können, um ihm eine bessere Startposition zu ermöglichen?

Der Wettbewerb, den wir gesamtgesellschaftlich haben, ist bei den Eltern angekommen. Das sieht man besonders bei Mittelschichtseltern. Sie gehen davon aus, dass ihr Kind Abitur machen muss, wenn ihm gute Möglichkeiten offenstehen sollen.

Eine der Beobachtungen, die auch von Ihrer Studie bestätigt wird, lautet, dass heutige Eltern engere Bindungen zu ihren Kindern haben...

Christine Henry-Huthmacher: Sie haben auch ein anderes Verhältnis zu ihren Kindern.

...kann es da nicht sein, dass man jetzt viel mehr auf Kinder überträgt, was eigentlich zum Erwachsenenleben gehört. So zum Beispiel einen Wettbewerbsgedanken, der stark von Erwachsenen gefärbt ist – auf der Grundlagen eigener Erfahrungen. Dem Kind selbst nimmt "Sieg und Niederlagen" im Vergleich zu anderen nicht so ernst, wie es vielleicht die Eltern tun?

Christine Henry-Huthmacher: Das kann gut sein. Das Verhältnis Eltern-Kind ist ja auch nicht mehr das klassische vom Erzieher zu einem zu Erziehenden, sondern es findet eher auf gleicher Augenhöhe statt. Man fragt nach den Bedürfnissen und den Interessen. Manchmal werden Kinder auch überfordert mit Entscheidungen, die sie gar nicht treffen können.

Wie reagieren denn die unterschiedlichen Milieus und Schichten auf den gestiegenen Druck?

Christine Henry-Huthmacher: In der obersten Schicht wird das eher offensiv angegangen mit ganz konkreten Maßnahmen zur Förderung der Kinder. In der Mittelschicht will man auf der einen Seite, die Kinder fördern, weiß aber noch nicht, wie man mit der neuen Mutterrolle umgehen soll. Viele brauchen mindestens eineinhalb Einkommen. Damit ist schon eine Belastungsgrenze erreicht. Wenn dann noch Probleme in der Schule auftauchen und Nachhilfe benötigt wird, dann wird es sehr schwierig. Wenn man zwei Kinder hat, die man fördern will und gut ausstatten und dabei den Ansprüchen genügen will, ist man schnell überfordert.

Am unteren Rand der Gesellschaft versuchen die meisten Eltern den Druck zu umgehen.

Ist dies nicht auch eine Art Freiheit oder hat ist das vor allem resignativ?

Christine Henry-Huthmacher: Beides. Es gibt die Konsummaterialisten, die haben noch den Anschluss zu den Werten der Mittelschicht. Sie versuchen, den Anforderungen etwa in der Schule irgendwie gerecht zu werden, aber sie schaffen es nicht immer. Und dann gibt es die anderen, die hedonistischer sind, sie versuchen dem Stress, der mit einer bestimmten Leistungserwartung verknüpft wird, auszuweichen. Und das gilt auch für ihre Kinder: Sie lassen sie laufen.

Was kommt da Ihrer Einschätzung nach an künftigen Konflikten auf uns zu?

Christine Henry-Huthmacher: Die Schulabbrecherquote steigt und auch der Anteil der leistungs- und schulmüden Kinder. Man vergegenwärtige sich in diesem Zusammenhang nur den finanziellem Druck, der in den unteren Schichten existenziell ist, und den großen Anteil Alleinerziehender. Und wenn der Vater oder die Mutter arbeitslos sind, ist es für die Kinder natürlich auch schwieriger, eine richtige Perspektive für sich zu entwickeln. Motivation wird in manchen Familien nur wenig vermittelt. Wo soll sie auch herkommen? Solche Teufelskreise kommen nicht selten vor.

Sollte in solchen Fällen der Staat besser aufpassen und schneller eingreifen?

Christine Henry-Huthmacher: Dafür gibt es keine Rezepte. Wichtig wäre, dass diese Kinder relativ früh in den Kindergarten kommen und sie dort auf eine ganz andere Qualität von Erziehung und Wissensvermittlung treffen. Optimal wäre ein Schulsystem, das Kinder individuell fördert.

Kann man sagen, dass die Ergebnisse der Studie besonders typisch für Deutschland sind?

Christine Henry-Huthmacher: Die Entwicklung findet sich auch in anderen europäischen Ländern. Für die Mittelschicht in Großbritannien ist ebenso ein großes wichtiges Thema, wie man die Kinder gut positioniert. Zum Beispiel mit z.B. Französischunterricht mittags oder nachmittags, obwohl sie Ganztagsunterricht haben. Man versucht, die Kinder zu fördern – oft mit einem festen Organisationsplan. Das ist in anderen europäischen Ländern ähnlich, in Italien, möglicherweise auch in Spanien.

Wie reagiert denn die Arbeitswelt auf die gestressten Eltern? Werden sie dort noch mehr unter Druck gesetzt oder ändert sich da gerade etwas?

Christine Henry-Huthmacher: Es gibt viele gute Ansätze. Manche haben es verstanden, viele bemühen sich. Wo es gut funktioniert, meistens in den kleineren Unternehmen, haben oft die Inhaber oder Unternehmer selber Kinder. Sie haben dann auf Grund ihrer persönlichen Situation ein Umfeld geschaffen, dass es auch den anderen Eltern, Frauen und Vätern zugute kommt.

Allerdings berichten viele Frauen häufig von Problemen, in ihren Beruf zurückzukehren, weil sich die Arbeitswelt inzwischen dramatisch verändert hat. Wenn sie nach drei Jahren zurückkommen, dann ist die Abteilung in der Regel aufgelöst oder umstrukturiert. Sie müssen heute schon sehr präsent und sehr flexibel sein, und das ist für Mütter in der Regel der schwierigere Part. Sie wird vom Arbeitgeber in der Regel noch als die Hauptverantwortliche für das Kind gesehen. Wenn das Kind krank ist, wird erwartet, dass die Mutter zu Hause bleibt. Für Väter ist das nicht leicht, klarzumachen, dass auch ein Vater mal zu Hause bleibt. Alte Rollenmuster greifen häufig noch immer.

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