Die Deutschen arbeiten weiter, aber sie tun es offenbar unter Schmerzen

23.04.2008

Enthüllungen zur psychologischen Lage der Nation am Arbeitsplatz

"Bis zum Jahr 2000 soll sich in allen Mitgliedstaaten durch Schaffung gesünderer Arbeitsbedingungen, Einschränkung der arbeitsbedingten Krankheiten und Verletzungen sowie durch die Förderung des Wohlbefindens der arbeitenden Bevölkerung der Gesundheitszustand der Arbeitnehmer verbessert haben." 1991 formulierte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Kopenhagen dieses ambitionierte Ziel für die Gesundheit der arbeitenden Bevölkerung. Gestern wies der Berufsverband der Deutschen Psychologinnen und Psychologen (BDP) in Berlin darauf hin, dass Deutschland davon heute weiter entfernt ist denn je.

Dabei scheinen manche aktuelle Statistiken auf das gerade Gegenteil hinzuweisen. Das Bundesgesundheitsministerium bestätigte jetzt einen Bericht der "Welt", nach dem Arbeitnehmer im ersten Quartal des Jahres seltener wegen Krankheit gefehlt haben als im gleichen Zeitraum im Jahr 2007. Schon damals war der Krankenstand mit 3,21 Prozent der Sollarbeitszeit auf dem niedrigsten Stand in der BRD-Geschichte. Nach Ansicht von Arbeitsmarktforschern verweist das auf eine neue Entwicklung. Früher meldeten sich die Arbeiter und Angestellten bei guter Konjunktur und sinkender Arbeitslosigkeit wieder häufiger krank, nun aber ist das Gegenteil der Fall. Nach Ansicht von Arbeitsmarktforschern eine Auswirkung einer "überzyklisch" anhaltenden Angst vor Jobverlust.

Die Deutschen arbeiten also weiter, aber sie tun es offenbar unter Schmerzen. Eberhard Ulich, ein einflussreicher Arbeitspsychologe, stellt in dem Bericht "Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz in Deutschland" (PDF-Datei) einen drastischen Anstieg von psychischen und Verhaltensstörungen fest, die wenigstens zum Teil durch den Arbeitsalltag bedingt seien. Binnen fünf Jahren hätten sie um 59 Prozent zugenommen. Diese Entwicklung gehe zum Teil auf eine größere Bereitschaft der Ärzte zurück, seelische Beschwerden als solche zu erkennen und anzuerkennen, aber eben nur zum Teil.

Immer größere Anforderungen nicht angemessen anerkannt und entlohnt

Die deutschen Krankenkassen berichten seit langem über den Trend zum seelischen Leiden: Unter den "arbeitsbedingten Erkrankungen" machen psychische und Verhaltenstörungen, beispielsweise Depressionen, einen immer größeren Anteil aus. Mittlerweile sind sie auch die häufigste Ursache von Berufsunfähigkeit. Anders als körperliche Beschwerden, die oft erst nach Jahren ausbrechen, machen sie sich schnell in Ausfalltagen und weniger Leistung bemerkbar.

Nach einem Bericht der Bundesanstalt für Arbeitsmedizin und Arbeitsschutz waren sie im Jahr 2006 für 42,6 Millionen Fehltage verantwortlich (10,6 Prozent). Außerdem dürfte auch ein erheblicher Teil der Ausfalltage wegen Erkrankungen des Atmungssystems (12,6 Prozent) beziehungsweise des Verdauungssystems (6,5 Prozent) von seelischen Belastungen wenigstens mitverursacht sein. Interessanterweise sind die psychischen Krankheiten noch häufiger der Grund für das vorzeitige Ausscheiden aus dem Berufsleben, nämlich in 32,5 Prozent aller Fälle von Frühverrentungen.

Die Ursachen für diese Entwicklung sehen die Psychologen im gestiegenen Zeitdruck und größeren Anforderungen bei der Arbeit, ungesicherten Arbeitsverhältnissen wie Leih- und Zeitarbeit, fehlender Wertschätzung durch Vorgesetzte und mangelnde Gestaltungsmöglichkeiten des Arbeitsprozesses. Kurz, die Verunsicherung der arbeitenden Bevölkerung gehe auf eine einseitige Flexibilisierung zurück, bei der immer größere Anforderungen nicht angemessen anerkannt und entlohnt würden.

Dabei entscheidet nicht nur die finanzielle Vergütung, sondern auch das Erleben von Wertschätzung durch Unternehmer und Vorgesetzte. Dazu kommt nach Ansicht von Thordis Bethlehem, der Vizepräsidentin des BDP, dass die Familien ihre traditionelle Aufgabe, die Arbeitsfähigkeit zu erhalten und wiederherzustellen, oft nicht mehr erfüllen können. Außerdem werde der Umgang innerhalb der Belegschaften brutaler, was die Zunahme von Mobbing belege.

"Emotionsarbeit"

Während durch Automatisierung und Verwissenschaftlichung der Arbeit – was üblicherweise als Entwicklung hin zu einer "Dienstleistungsgesellschaft" beschrieben wird – die Gefahr von Berufsunfällen zurück geht, wachsen andere Anforderungen. Der Arbeitspsychologe Thomas Rigotti berichtet, dass immer mehr Menschen von der "Emotionsarbeit" überlastet seien, die heute in Dienstleistungsberufen verlangt werde. Dieser Begriff der amerikanische Soziologin Arlie Hochschild beschreibt zum Beispiel die entlohnte Freundlichkeit von Verkäufern oder Flugbegleitern.

Emotionsarbeit ist die bezahlte Arbeit, bei der ein Management der eigenen Gefühle notwendig ist, um nach außen hin in Mimik, Stimme und Gestik ein bestimmtes Gefühl zum Ausdruck zu bringen, unabhängig davon, ob dies mit den inneren Empfindungen übereinstimmt oder nicht.

Angst vor Verlust des Arbeitsplatzes

Etwa ein Viertel der Berufstätigen leidet zudem unter der Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren. Dieses Gefühl sei subjektiv stark belastend, wenn auch nicht immer realistisch. In den Bereichen "chronischer Stress" und "Mangel an sozialer Anerkennung" weist die Gruppe der Berufstätigen mit Sorgen um den Arbeitsplatz sogar höhere Werte als tatsächlich Arbeitslose auf: Die "Politik der Angst" belastet auch die, die selbst gar nicht von Kündigungswellen betroffen sind, aber das befürchten.

Aber auch die Arbeitsverweigerung bietet kein Ausweg. Die Arbeitspsychologen zitieren die Ergebnisse der Sächsischen Längsschnittstudie, die unter anderem nachweist, dass bei Arbeitslosen fast alle Erkrankungen häufiger auftreten. Das Sterblichkeitsrisiko von Arbeitslosen sei fast vierfach höher. (Dabei ist allerdings die Wirkungskette umstritten, insofern anfällige Menschen eher arbeitslos werden als gesündere.)

Was also tun, wie dem Elend begegnen? Ein grundsätzliches Umsteuern und die Humanisierung der Arbeit hält der BDP für unrealistisch.

Auf eine Rückkehr der alten Zeiten zu hoffen, damit sich die Arbeitsbedingungen wieder verbessern und sich die Belastungen verringern, ist sicherlich illusorisch. Sowohl die Unternehmen als auch die Beschäftigten müssen sich auf weiter andauernden Wandel in der Arbeitswelt einstellen.

Resilienz!?

In diesem Sinne gelte es, die Widerstandsfähigkeit der Arbeitenden gegen Stress zu fördern. Der BDP will deshalb eine umfassende Förderung der Resilienz, laut der Autorin Julia Scharnhorst "ein hoffnungsvoller neuer Trend". Resilienz bezeichnet ein Bündel von protektiven Fähigkeiten, die bei Mitarbeitern trainiert werden könnten und so angeblich auch die Chance der Unternehmen im weltweiten Wettbewerb erhöhen. Scharnhorst definiert die entsprechenden Fertigkeiten so:

Die Fähigkeit, widerstandsfähig gegenüber äußeren Belastungen und Krisensituationen zu sein und sie ohne anhaltende Beeinträchtigung durchzustehen, wird in der Psychologie als "Resilienz" bezeichnet. Der Begriff stammt ursprünglich aus der Physik (ähnlich wie auch der Begriff "Stress") und bezeichnet in der Werkstoffkunde die Fähigkeit eines Werkstoffes, sich verformen zu lassen und dennoch in die ursprüngliche Form zurückzufinden. Der resiliente Mensch gleicht also einem Stehaufmännchen, das sich immer wieder aufrichtet, auch wenn es umgestoßen wird.

Der Begriff kommt ursprünglich aus der Entwicklungspsychologie, wo er jene Potentiale bezeichnet, die Kinder trotz negativer Einflüsse gesund bleiben lässt. Mittlerweile wird er, vor allem in den USA, auch auf Organisationen übertragen; zum Beispiel propagiert (PDF-Datei) die American Psychological Association Resilienz als Ziel der Schulbildung.

Nach den Vorstellungen der BDP sollen Unternehmer die Förderung von Resilienz bei der Organisation der Arbeit bedenken. Schließlich sei das in ihrem eigenen Interesse, weil so die Fluktuation der Mitarbeiter gesenkt und Qualität und Produktivität erhöht werden könnten. Diese Empfehlung dürfe nicht als Plädoyer für mehr Antistresskurse und Rückenschulen verstanden werden: "Man muss die Arbeit an die Menschen anpassen, nicht nur umgekehrt."

In der Praxis könne das beispielsweise bedeuten, die Beschäftigten in Unternehmensentscheidungen einzubeziehen, auf mögliches Scheitern vorzubereiten und ihnen das Gefühl zu geben, sie könnten den Arbeitsprozess mitgestalten.

So kommt eine alte, ewig junge Psychologenweisheit wieder zu Ehren: Auf die Wahrnehmung kommt es an! Thordis Bethlehem brachte es auf den Punkt, indem sie die Unternehmer aufforderte, ihre Beschäftigten "auch mal zu loben". Eine Studie aus Finnland hat kürzlich ermittelt, dass Industriearbeiter, die ihr Arbeitsverhältnis als "fair" empfinden, ein um 45 Prozent vermindertes Risiko tragen, wegen eines Herzkreislaufkrankleidens zu sterben. Wer die Verhältnisse als ungerecht erlebt, so die Schlussfolgerung der Psychologen, wird eher krank und stirbt früher.

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