Wie Beispiele das Lernen behindern
Wer ein Konzept in seiner abstrakten Version erlernt hat, kann es besser auf neue, praktische Instanzen anwenden
Wenn der Professor im Mathematik-Grundkurs endlos lange auf Formeln und Symbolen herumreitet, dann müssen daran nicht seine mangelnden didaktischen Fähigkeiten schuld sein. Und Studenten, die ungeduldig nach praktischen Beispielen verlangen (der Autor gehörte zugegebenermaßen auch dazu), kennen sich offenbar in der Psychologie des Lernens nicht aus. Denn anscheinend ist es tatsächlich so, dass abstraktes Wissen in reiner Form besser zu vermitteln ist als in seiner beispielhaften Darstellung. Das ergeben jedenfalls Experimente, von denen ein Forscherteam der amerikanischen Ohio State University in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Science berichtet.
Natürlich kommt es dabei auf die genaue Definition für "besser" an – hier geht es um das Ziel, das erlernte Wissen nicht nur wiederholen, sondern auch auf passende konkrete Fälle übertragen zu können. Wie effektiv eine bestimmte Art der Wissensvermittlung ist, überprüften die Forscher mit insgesamt vier Experimenten an Studenten im Grundstudium. Sie widmeten sich dabei einzig der Mathematik – ob die Schlussfolgerungen auf andere Fächer übertragbar sind, blieb also offen.
Das mathematische Konzept, das den Studenten bis dato unbekannt war, ließ sich textlich so beschreiben: Es existiert ein Element l, so dass für jedes Element x die Vorschrift x+l=x gelte. Diese Regel wurde einem Viertel der Testteilnehmer nur in ihrer abstrakten Form beigebracht. Die restlichen drei Viertel der Kandidaten erlernten entweder ein, zwei oder gar drei konkrete Umsetzungen des Konzepts. Alle Teilnehmer wurden auf gleiche Weise unterrichtet und ihnen wurden dieselben Testfragen gestellt. Den ersten Abschnitt absolvierten alle Personen denn auch gleich erfolgreich.
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Anschließend galt es jedoch, das neu erworbene Wissen auf ein anderes, reich ausgeschmücktes praktisches Beispiel zu übertragen – und bei diesem Test waren die rein abstrakt belehrten Kandidaten um über 30 Prozentpunkte erfolgreicher. Drei statt nur zwei Beispiele (oder gar eines) erlernt zu haben, erwies sich hingegen als nur geringer Vorteil.
Die Forscher testeten in weiteren Experimenten, ob die Art und Weise der praktischen Wissensvermittlung von Belang ist. Sie erläuterten zum Beispiel einer Gruppe, die zwei konkrete Beispiele genannt bekommen hatte, zusätzlich ausdrücklich die Analogien zwischen den beiden Praxisfällen. Das allein verbesserte die Übertragungsergebnisse aber noch nicht signifikant.
Erst, als die Wissenschaftler in einem dritten Versuch die Teilnehmer selbst dazu anhielten, Analogien herauszufinden und aufzuschreiben, erhielten sie ein überraschendes Ergebnis. Zwar gelang es allen Testkandidaten, diese Querverbindungen zu erkennen – bei der Übertragung auf das neue Beispiel profitierte davon aber nur rund die Hälfte der Studenten. Die Forscher vermuten, dass diese Vorgehensweise vor allem den besonders leistungsstarken Lernern hilft.
Trotz alledem raten die Wissenschaftler aber nicht explizit von der Verwendung von Beispielen ab. Diese seien etwa dazu geeignet, die Motivation der Lernenden zu erhöhen und schnellere Ersterfolge zu erzielen. Allerdings sollte man sich offenbar davor hüten, von den Beispielen zu viel zu erwarten. Tatsächlich schnitten beim Wissenstransfer die Studenten am besten ab, die nur die abstrakte Version erlernt hatten – sie erzielten sogar bessere Ergebnisse als eine Vergleichsgruppe, der man nach der Praxis zusätzlich die Theorie beigebracht hatte. Die Forscher vermuten, dass vor allem die vom Kern ablenkende "Dekoration" der Beispiele die Lernenden bei der Übertragung behindert – das gelte umso mehr, je jünger diese sind.
http://www.heise.de/tp/artikel/27/27790/1.html- Gegenbeispiele (4.5.2008 0:51)
- Ist sogarnoch einfacher (29.4.2008 13:35)
- transitität (29.4.2008 9:34)
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