SETI

Lieber funken als den Planeten Erde besuchen

22.06.2008

Der renommierte SETI-Forscher Seth Shostak fragt sich, warum uns hochentwickelte außerirdische Zivilisationen besuchen sollten

Für seine hervorragende Wissensvermittlung auf dem Gebiet der Astronomie bzw. Astrobiologie wurde der Astronom Dr. Seth Shostak vor vier Jahren mit dem Preis der Astronomical Society of the Pacific ausgezeichnet. Der engagierte Radioastronom und Chefwissenschaftler vom SETI-Institut in Mountain View Pasadena (Kalifornien) schreibt im Schnitt einmal im Monat einen SETI-relevanten Beitrag für Space.com und meldet sich alle sieben Tage in der Radiosendung "Are we alone?" ebenfalls zu Wort. Kürzlich setzte sich Shostak in einem Space.com-Artikel mit der Frage auseinander, welchen Grund extraterrestrische Intelligenzen haben könnten, unseren Planeten zu besuchen und bezog dabei einen klaren Standpunkt, den er als SETI-Forscher beziehen musste.

Das aus astrobiologischer Perspektive Undenkbare zu denken, zumindest in Gedanken zu durchleben, ist vor allem für SETI-Forscher, die naturgemäß, aber auch aus professionellen Gründen auf alle im All vagabundierenden außerirdischen Intelligenzen nicht gut zu sprechen sind, eine intellektuelle Herausforderung, ja eigentlich mehr noch: Denn grundsätzlich meidet das Gros der Wissenschaftler, das nach Botschaften außerirdischer Herkunft in Form von Radio- oder Lasersignalen Ausschau hält, von Berufs wegen und aus Gründen der Seriosität, jegliche Diskussion über und um Ufos, Alien & Co. oder auf Mutter Erde herumstreuende ETs. Wer sich dennoch auf vermeintliche Besucher aus dem All einlässt und sich zugleich von diesen nicht deutlich distanziert, läuft Gefahr, von den eigenen Kollegen als durchgedrehter Phantast abgestempelt zu werden.

Das SETI-Institut in Kalifornien. Bild: SETI

Mit Ufos auf Kriegsfuß

Seth Shostak vom kalifornischen SETI-Institut (SETI = Search for ExtraTerrestrial Intelligence) in Mountain View hingegen ist in der SETI-Szene derart etabliert und angesehen, dass er über solche Themen ohne Reputationsverlust diskutieren und spekulieren kann. "Ufos sind immer ein Thema, und ich bekomme diesbezüglich viele Anfragen", so Shostak gegenüber Telepolis. "Jeder ist an Ufos interessiert, und konsequenterweise ist es daher wichtig, gelegentlich über sie zu reden, sogar in einem reinen SETI-Forum." Dass der Radioastronom und SETI-Chefwissenschaftler allerdings mit Ufos auf Kriegsfuß steht, hat er in einigen Artikel in Space.com mehrfach deutlich zum Ausdruck gebracht – insbesondere in einem Interview vom 20. Juni 2000.

Eine ähnliche Skepsis in Bezug auf potenzielle außerirdische Besucher legte Shostak unlängst in einem weiteren Beitrag an den Tag. In dem mit der Überschrift "Alien Sociology" versehenen Artikel behandelt Shostak die Frage, welchen Anreiz hochmobile Außerirdische haben könnten, unseren Planeten zu besuchen, und warum sie ein solches Wagnis überhaupt in Kauf nehmen sollten. So oder so sei nicht auszuschließen, dass wir eines Tages Besuch aus dem All bekämen, da der Homo sapiens sapiens in den letzten 100 Jahren auffallend viele Hinweise auf seine Existenz gegeben habe, die technisch hochentwickelte Außerirdische hellhörig gemacht haben könnten. "Radar und Fernsehsignale, seltsame chemische Verbindungen in der Atmosphäre, ein Raumfahrzeug, das bereits jenseits der Heliopause driftet - sie alle entsprechen einer Flaschenpost, die tatsächlich an den Küsten bewohnter Planeten stranden könnte", erklärt Shostak.

Einige Sonden befinden sich schon jenseits der Heliopause, womit Astronomen jene Region am Rande unseres Sonnensystems bezeichnen, in der der Sonnenwind vom interstellaren Gas gestoppt wird. Hier befindet sich der Grenzbereich zwischen Heliosphäre und interstellarem Raum. Bild: NASA

Spärliche Datenlage für Alien-Soziologen

Dass er bei Vorträgen oft gefragt wird, ob sie [die Außerirdischen] nicht eines Tages kommen und uns töten werden, ist eine Frage, die er als Beweis für den allgemeinen Optimismus der Menschheit im 21. Jahrhundert wertet. Dennoch verdient es selbst eine solch negative Sichtweise, näher betrachtet zu werden. Es könnte doch sein, dass uns extraterrestrische Lebewesen mit der Absicht besuchen, unsere Ressourcen zu plündern oder uns schlichtweg zu erniedrigen, ohne uns gleichwohl zu töten.

Die Antwort hierauf fällt in das Feld der Alien-Soziologie – ein Feld, in dem die Datenlage sehr spärlich ist. Da wir keine Ahnung haben, wie die Sitten und Absichten sowie Motivationen der Außerirdischen sind, können wir nichts Genaues darüber sagen, ob sie kommen werden oder nicht.

Seth Shostak

Alles, was man in Astronomie und Physik gelernt habe, erlaube keine Rückschlüsse auf das Verhalten von Aliens. In Hollywood-Filmen nähern sich die Außerirdischen der Erde, wenigstens um sich mit dem Homo sapiens sapiens zu paaren und so den Fortbestand ihrer Art zu sichern. Oder sie übernehmen den Planeten in einer Nacht-und-Nebel-Aktion. Ersteres mache aber, wie Shostak betont, überhaupt keinen Sinn.

Ungeachtet der Tatsache, dass die in der DNA eingeschlossenen Basenpaare von Tieren mit den Unsrigen meist identisch sind, können wir uns nicht mit irgendwelchen Kreaturen aus dem Zoo fortpflanzen. Die Außerirdischen – dies ist fast schon überflüssig zu erwähnen – werden zudem eine völlig andersgeartete Biochemie und vielleicht noch nicht einmal DNA als solche haben. Am besten vergessen Sie alle Theorien über Züchtungsexperimente!

Seth Shostak
25 Millionen Lichtjahre von uns entfernt - die Sonnenblumengalaxie (M 63). Diese bildschöne, in der Schwärze des Alls eingebettete Welteninsel, weist mit 100.000 Lichtjahren Durchmesser eine ähnliche Größe wie unsere Milchstraße auf. Natürlich hat es dort Leben gegeben, wird dort Leben entstehen. Natürlich verbietet sich gleichzeitig die Aussage, dass dort im Augenblick Leben existiert, da es in der Physik – am "stärksten" natürlich in der Astronomie – keine Gleichzeitigkeit gibt. Bild: NASA/Tony Hallas

Alle aus demselben Stoff

Für Shostak würde eine Übernahme der Erde durch außerirdische Kulturen ohnehin nur dann Sinn machen, wenn unser Planet diesen irgendetwas Besonderes bieten könnte. Aber angesichts der Tatsache, dass Planetenjäger die Anzahl erdähnlicher Exoplaneten allein in unserer Galaxis auf mehrere 10 Milliarden schätzen, sei unser Planet letzen Endes doch nur einer unten vielen. Das klingt nicht danach, als sei er in irgendeiner Weise privilegiert. Aliens würden wohl kaum Interesse an unseren Mineralien haben und diese abbauen wollen, da schließlich das ganze Universum aus demselben Stoff gemacht ist.

Auch wenn unser Sonnensystem, so Shostak, einen höheren Prozentanteil an schweren Elementen habe, als viele andere bislang durchforsteten Sternregionen, herrschten doch in Systemen mit bewohnten Welten exakt die gleichen Bedingungen; ansonsten hätte sich dort kein Planet ausbilden können. Mit anderen Worten: Das Sonnensystem von ET würde in ähnlicher Weise mit denselben nützlichen Materialien gesegnet sein. "Weshalb sollten diese daher zu uns kommen und über Lichtjahre hinweg Transporte organisieren und dabei unnötige Kosten in Kauf nehmen?"

Träumen wird doch wohl noch erlaubt sein. Hier ein Künstlerporträt eines irdischen Raumschiffes, das die NASA als "Antimatter Spaceship for Mars Missions" bezeichnet. Ob spätere Nachfolgemodelle des fernen Zukunftsprojekts interstellare Raumfahrt betreiben können, steht in den Sternen, die sie wahrscheinlich noch nicht einmal erreichen werden. Bild: NASA

Fragt sich also, ob uns ET & Co. aus kolonisatorischen Gründen besuchen. Brauchen diese zusätzlichen Lebensraum? Sollten Aliens diesem Motiv folgen – und da ist sich Shostak sicher –, würden sie wohl kaum so lange warten, bis ein Funksignal von einer anderen Welt bei ihnen einträfe. "Auch die britischen Kolonisten starteten ihren Eroberungszug in Australien nicht, weil sie von den Aborigines gesandte Botschaften aufgefangen hatten." Was die Erschließung von Lebensraum angehe, böten ferne Planeten nun einmal keine großartigen Standortvorteile, weil diese letzten Endes allesamt räumlich begrenzt sind und – bezogen auf ihre Gesamtmasse – nur eine verhältnismäßig kleine Landoberfläche haben.

Der Weg führt langfristig gesehen zu fernen Sternen und deren Planeten. Bild: NASA/SETI

In religiöser Mission?

Den Ausführungen des Radioastronomen zufolge ist die Erde mehr als eine bequeme Quelle aus Gold oder Molybdän, mehr als ein bloßes Territorium, in das man eindringen und das man besetzen kann. Sie ist vielmehr ein außergewöhnlicher Ort, auf dem Leben gedeiht.

Wasser, Ozeane … es ist so verdammt nochmal ein guter Ort, eine positive Rarität. Aliens werden unsere Welt lieben, da sie bewohnbar ist.

Seth Shostak

Andere hingegen glauben, dass Aliens uns deshalb besuchen könnten, weil in der Milchstraße so eine Art ökonomischer Wettbewerb vorherrsche, oder weil sie uns schlichtweg bekehren oder nur etwas über uns lernen wollen. Es sei nicht eindeutig zu klären, ob derlei Ziele die Vernichtung der Menschheit erfordern. Logisch wäre dies nicht, betont Shostak:

Jedwede außerirdische Zivilisation, die uns besuchen würde, wäre uns in puncto Technik weit voraus. Stellen Sie sich einmal vor, Sie könnten die Neandertaler besuchen! Müssten Sie sich dann um irgendwelche technisch überlegenen Konkurrenten Sorgen machen? Würden Sie diesen Bibeln aushändigen?

Seth Shostak

Es stelle sich doch die entscheidende Frage, ob Aliens wirklich mehr über uns lernen wollen. Nun, vielleicht wollen sie es tatsächlich, vermutet Shostak. Vielleicht ist das genau der Punkt, der uns für Außerirdische so attraktiv macht. Womöglich trachten sie gar nicht nach unserem Wohnraum, sind mitnichten daran interessiert, unsere Seelen sowie unsere Umwelt zu retten oder unsere Industrie zu übernehmen. Wahrscheinlich wollen sie einfach nur unsere Kultur prüfen und studieren. Und genau dies können außerirdische Zivilisationen natürlich viel einfacher in die Tat umsetzen: Sie brauchen nur ihren Himmel nach exoplanetaren Funksignalen abzutasten.

Ich gehe davon aus, dass wir in den Augen hochentwickelter Lebewesen schon ein lohnenswertes Studienobjekt sind. Sollten sie unsere TV Signale aufschnappen, dann können sie unsere Gesellschaft von zu Hause aus studieren. Dies ist weitaus billiger und schneller, als die Lichtjahre mit einem Raumschiff zu überbrücken.

Seth Shostak
Diese Skizze, die SETI-Forscher vom Cosmic-Call-Project im Sommer 1999 zu erdnahen Exoplaneten sandten, bildete die erste Seite einer längeren Botschaft, auf die (natürlich) noch kein Antwortschreiben vorliegt. Bildnachweis: NASA/ Yuvan Dutil & Stephane Dumas

Berufsprägende Meinung

Zugegebenermaßen wirken Shostaks Ausführungen beim ersten Lesen etwas oberflächlich und dürften dem vorgebildeten, astrobiologisch Interessierten nur wenig Neues vermitteln. Shostak, fraglos ein brillanter SETI-Forscher, listet altbekannte Fakten auf, ohne diese detailliert zu erläutern und präsentiert dabei Argumente, auf die der kritische Leser schnell mit Gegenargumenten kontern könnte. Andererseits ist zu bedenken, dass Shostaks Beiträge in Space.com gezielt auf das amerikanische Publikum abgestimmt sind, das mehrheitlich keine langen Diskussionen oder tiefgreifenden Erklärungen, sondern konkrete, besser gesagt kurze, möglichst originelle Antworten erwartet. Shostak hat dies beherzigt, dabei aber seinen Standpunkt mehr als deutlich präzisiert.

"Sonnenuntergänge" auf einer fremden Welt. Auch wenn in binären Systemen Exoplaneten einen schweren Stand haben (unregelmäßige Umlaufbahn, stärkere Strahlenbelastung usw.), könnte sich dort intelligentes Leben entwickelt haben. Warum nicht? Bild: NASA

Dass ein SETI-Forscher wie Shostak schon allein aus "professionellen" Motiven außerirdischen Zivilisationen das Interesse an Reisen gen Erde absprechen muss, liegt in der Natur der Sache. Würden die Besucher aus dem All nämlich schon auf Mutter Erde sein und unseren Planeten nach Lust und Laune frequentieren, und würde diese Tatsache publik, dann wäre dieses Wissen für den Fortbestand der SETI-Projekte nicht gerade förderlich.

Ohnehin stellt sich die Frage, was wohl wäre, wenn all die anderen Zivilisationen allesamt nur reisen, sich aber nicht daran erfreuen, Botschaften ins All zu senden oder den Äther nach solchen zu belauschen? Nur gut für SETI, dass hierauf keiner eine Antwort haben kann – auch die mit Intelligenz und Bewusstsein gesegneten Außerirdischen nicht, von denen wir nur annehmen können, dass es sie gibt, weil es sie geben muss.

Kurzvideo mit Seth Shostak

Podcasts SETI-Radio Are we alone?

Shostaks Artikel Alien Sociology

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