Prothesen oder die Leistung verbessernde technische Mittel?

17.05.2008

Der Internationale Sportsgerichtshof hat eine wichtige Entscheidung für die Zukunft des Sports und der technischen Aufrüstung der Menschen gefällt

Aufgrund des Gutachtens eines Expertenteams unter der Leitung von Hugh Herr vom MIT Media Lab hat der Internationale Sportgerichtshof CAS entschieden, dass der südafrikanische Sprinter Oscar Pistorius bei den Olympische Spielen starten darf. Bei Pistorius wurden beide Unterschenkel amputiert. Stattdessen trägt er zwei spezielle Prothesen. Mit diesen Karbonfaser-Schleifen ("Cheetahs") hat er schon einige Weltrekorde für behinderte Läufer eingestellt und wurde als "fastest thing on no legs" bezeichnet. Weil Pistorius der schnellste Athlet auf der Erde sein will, versuchte er nun auch, bei den Olympischen Spielen anzutreten (Wann ist ein Mann ein Mann?).

Der Leichtathletik-Weltverband IAAF hatte erst zu Beginn des Jahres nach längerem Zögern aufgrund eines wissenschaftlichen Gutachtens von Peter Brüggemann (Deutsche Sporthochschule in Köln) entschieden, dass Pistorius nicht in Peking an den Olympischen Spielen teilnehmen darf. Prothesen könnten nach den Regeln technisch unerlaubte Hilfsmittel sein, die den behinderten Sportlern einen Vorteil vor den "normalen" geben. Nach den Tests des deutschen Wissenschaftlers kann Pistorius so schnell rennen wie ein Sportler, der noch beide Beine besitzt, aber verbraucht 25 Prozent weniger Energie. Den Grund sah Brüggemann in der Prothese, die drei Mal mehr Energie zurück gibt. Mit ihnen sei eine geringere vertikale Bewegung und eine geringere Leistung für das Anheben des Körpers erforderlich.

Daher entsprachen nach Sicht des Gutachtens und der IAAF nach der Regel 144.2 die Prothesen einem unerlaubten technischen Hilfsmittel, das deren Träger einen Vorteil vor den biologisch unveränderten Sportlern verschafft. Dort wird eine Unterscheidung zwischen einer Prothese und einem technischen Hilfsmittel gemacht, das den Benutzer mit einem Vorteil ausstattet. Eine schwierige Unterscheidung, die wohl kaum wirkliich begründet kann, wenn man Behinderte mit Prothesen nicht ausschließen will, zumal die Prothesen immer raffinierter und besser werden.

IAAF Rule 144.2

Relates to the use of "technical aids" during competition.

This rule prohibits:

(e) Use of any technical device that incorporates springs, wheels or any other element that provides the user with an advantage over another athlete not using such a device.

(f) Use of any appliance that has the effect of increasing the dimension of a piece of equipment beyond the permitted maximum in the Rules or that provides the user with an advantage which he would not have obtained using the equipment specified in the Rules.

It is important to underline that the IAAF does not have, nor contemplate, a ban on prosthetic limbs, but rather technical aids.

The aim of the rule change is not an attempt to prevent disabled athletes from using any artificial limbs or competing against able-bodied athletes if they are good enough to do so. For this reason, the IAAF is now compiling research on the technical qualities of prosthetics.

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Dass nun der Internationale Sportgerichtshof diese Entscheidung für ungültig erklärte und Pistorius zu den Olympischen Spielen zulässt, wenn er sich dafür klassifiziert, ist eine wichtige Entscheidung, die das Tor für weitere Techniken öffnen wird und den Sportler mit einem unveränderten biologischen Leib langfristig zum Auslaufmodell machen könnte.

Das Gericht führte an, dass von der IAAF nicht bewiesen worden sei, dass die Prothesen Pistorius tatsächlich einen Vorteil vor anderen Läufern verschaffen. Zudem habe es keine ausreichenden Beweise dafür gegeben, dass er mit diesen weniger Energie verbraucht. Die Experten des Gegengutachtens behaupten, Pistorius ermüde auf dieselbe Weise wie Sprinter mit zwei Beinen und verbrauche so viel Sauerstoff wie Spitzenläufer.

Das Sportgericht, das um die Bedeutung des Urteils weiß, versichert, dass die Entscheidung nur für diesen Fall und für diese Person zutreffe und keine Auswirkungen auf andere Sportler oder andere Prothesen haben soll. Auch will das Gericht nicht ausschließen, dass die IAAF mit neuen Tests und Beweisen doch wieder den Ausschluss von Pistorius erwirken könne. Trotz dieser Vorsichtsmaßnahmen handelt es sich um ein Präzedenzfall, auf den sich andere berufen können.

Problematisch könnte allerdings sein, dass Hugh Herr eben mit dem Unternehmen Össur, das die Prothesen von Pistorius herstellt und die Entscheidung feiert, eng zusammen arbeitet. So ist von ihm eine Knieprothese entwickelt worden, die Össur vor kurzem auf den Markt gebracht hat.

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