Weihrauch ist eine psychoaktive Droge

23.05.2008

Das im Harz enthaltene Incensol reduziert durch Beeinflussung von Ionenkanälen in Gehirnzellen Angst und Depression

Weihrauch verträgt nicht jeder. Dass der Duftstoff aus dem Harz von Boswellia-Bäumen psychoaktiv wirksam ist, wurde schon länger vermutet. In einer Studie haben nun amerikanische und israelische Wissenschaftler bestätigt, dass der Rauch das Gehirn stimuliert und beruhigend wirkt. Das mag ein Grund gewesen sein, warum in religiösen Zeremonien seit dem antiken Ägypten die anwesenden Gläubigen nicht nur durch Worte, Gesang, Rituale, Kunst und spektakuläre Architektur, sondern auch durch Drogen in die richtige, aufnahmebereite Stimmung versetzt wurden.

Obwohl pharmakologische Wirkungen von Weihrauch, beispielsweise Entzündungshemmung, ebenso bekannt sind wie dessen Wirkung über den Geruch auf das Gehirn, seien bislang die einzelnen Bestandteile aber in ihrer emotionalen und psychischen Wirkung noch nicht untersucht worden. Schon Pedanios Dioskurides, griechischer Arzt und Pharmakologe der Antike, hatte in seinem Werk Materia medica über den Weihrauchharz geschrieben, warnt aber davor, dass er bei Gesunden zu Wahnsinn führen kann:

Er hat die Kraft zu erwärmen, zu adstringiren, die Verdunkelungen auf den Pupillen zu vertreiben, die hohlen Stellen der Wunden auszufüllen und diese zu vernarben, blutige Wunden zu verkleben, jeden Blutfluss, auch den aus dem Gehirn, zurückzuhalten. Zerrieben und mit Milch auf Charpie gestrichen, besänftigt er die bösartigen Geschwüre um den After und die übrigen Teile; auch vertreibt er, mit Essig und Pech aufgestrichen im Anfange die Warzen und Flechten. Mit Schweine- oder Gänseschmalz heilt er ferner die ausgebrannten Geschwüre und die Frostschäden. Bösen Grind heilt er zusammen mit Nitrum (Soda), Paronychie (Nebennägel) mit Honig, Ohrenquetschungen mit Pech aufgestrichen, gegen die übrigen Ohrenleiden hilft er mit süßem Wein eingegossen. Entzündungen der Brüste von der Geburt her heilt er als Salbe mit kimolischer Erde und Rosenöl. Auch wird er mit Nutzen den Arzneien für die Luftröhre und die edlen Eingeweideteile zugesetzt. Genossen hilft er den an Blutspeien Leidenden; dagegen ist er Wahnsinn erregend, wenn er von Gesunden genommen wird, reichlich mit Wein getrunken, wirkt er gar tödlich.

Die Wissenschaftler haben die Wirkung der Boswelliasäure Incensol, die im Weihrauch enthalten ist, an Mäusemodellen getestet, die zur Bewertung von antidepressiven und angstreduzierenden Psychopharmaka erzeugt wurden, wie sie in ihrem Artikel schreiben, der in der Zeitschrift FASEB erschienen ist. Danach reduziert das Einatmen des Rauchs Angst und Depression. Überprüft wurde das mit Verhaltenstests, beispielsweise dem Porsol-Schwimmtest oder der Beobachtung des kataleptischen Effekts. Weiter wurden elektrophysiologische Analysen durchgeführt und die Gehirne untersucht, um die Auswirkung auf c-Fos nachzuweisen. Der Transkriptionsfaktor c-Fos wird üblicherweise verwendet, um die Wirkung von Psychopharmaka in Gehirnen zu überprüfen. Man nimmt an, dass c-Fos vor allem in der Amygdala erzeugt wird und mit der Auslösung von Angst und Depression zu tun hat.

Eine Rolle scheinen dabei TRPV3-Rezeptoren zu spielen. Sie dienen in Hautzellen als Wärmesensoren, aber finden sich auch im Gehirn, wo allerdings die Funktion unbekannt ist. Zumindest bei Mäusen aktiviert Weihrauch das Protein TRPV3, die Rezeptoren öffnen einen Ionen-Kanal in der Zellmembran, wodurch auch das c-Fos-Gen in der Amygdala und anderen mit Emotionen verbundenen Arealen aktiviert wird, was sich anhand der sezierten Gehirne nachweisen ließ. Bei genveränderten Mäusen, bei denen der Rezeptor ausgeschaltet ist, zeigte sich keine psychoaktive Wirkung von Incensol, ihr Verhalten blieb unverändert. Auf andere Rezeptoren und Ionenkanäle wie TRPV1, TRPV2 und TRPV4 scheint Incensol keinen oder nur einen geringfügigen Einfluss auszuüben.

Die Wissenschaftler ziehen daraus den Schluss, dass die TRPV3-Kanäle eine Rolle bei der emotionalen Steuerung spielen und dass sich auf der Grundlage von Incensol neue Psychopharmaka entwickeln lassen könnten. Verwiesen wird darauf, dass Angsterkrankungen und Depressionen in den USA die am weitesten verbreiten psychischen Störungen sind. Bislang habe man auf der Suche nach natürlichen Mittel für die TRP-Kanäle noch keine wirksame Substanz gefunden. Da Incensol zu den natürlich vorkommenden Cembranoid-Diterpene gehört, ließen sich in dieser Gruppe aber womöglich noch andere psychoaktive Wirkstoffe entdecken, die auch pharmakologisch bedeutsam sein können.

Die Wissenschaftler gehen jedenfalls davon aus, dass Incensol im Weihrauch das euphorische Gefühl verstärken könnte, das in religiösen Zeremonien auftrete, weil es milde Gefühle und leichte Wärme stimuliere. Gerald Weissman, Chefredakteur der Zeitschrift FASEB spitzt die religiöse Bedeutung von Weihrauch noch zu: "Vielleicht lag Marx gar nicht so weit daneben, als er die Religion das Opium für das Volk nannte: Morphium kommt vom Mohn, Cannabis von Marihuana und LSD von Pilzen. Alle Substanzen wurden in religiösen Zeremonien benutzt. Untersuchungen über die Wirkungsweisen dieser psychoaktiven Drogen haben uns dabei geholfen, die moderne Neurobiologie zu verstehen. Die Entdeckung, wie Incensol-Acetat, gewonnen aus dem Weihrauchbaum, bestimmte Bereiche im Gehirn beeinflusst, sollte uns auch helfen, Krankheiten des Nervensystems zu verstehen.

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