Kaizen und Karoshi

26.05.2008

Toyota will in Japan nun auch einige der "freiwillig geleisteten Überstunden" entlohnen

In der letzten Woche gab Toyota bekannt, Fließbandarbeiter in seinen japanischen Automobilfabriken besser für unbezahlte Mehrarbeit zu entschädigen. Dabei geht der Automobilkonzern allerdings nach dem Minimax-Prinzip vor: minimaler Entschädigungsaufwand für maximale PR-Wirkung. Entschädigt werden soll nämlich nur ein relativ kleiner Teil der "freiwillig geleisteten Überstunden" – die Kaizen-Sitzungen, die außerhalb der offiziellen Arbeitszeiten liegen.

In solchen "freiwilligen" Sitzungen, die regelmäßig stattfinden, wird nicht nur über Qualitätssteigerungen gesprochen, sondern auch über Verbesserungen im Produktionsablauf. Der Autokonzern verwies in der Vergangenheit immer wieder stolz darauf, wie viele der Innovationen zur Kosteneinsparung und Effizienzsteigerung nicht von Seiten des Managements, sondern aus den Reihen der Arbeiter und Angestellten kamen. Ab Juni sollen solche Treffen vollständig als Überstunden bezahlt werden, wenn sie außerhalb der Schicht des teilnehmenden Mitarbeiters liegen.

Die Firma reagiert damit auf ein Gerichtsurteil vom letzten Jahr, in dem der Witwe eines bei Toyota für die Qualitätssicherung zuständigen Mitarbeiters eine Rente zugesprochen worden war, nachdem er mit einem Pensum von deutlich über 100 Stunden in einem Monat an Überarbeitung gestorben war. In seiner Entscheidung hatte das Gericht auch festgestellt, dass die für solche Kaizen-Sitzungen aufgewendete Zeit vollständig als Arbeitszeit gewertet werden müsse.

Japanische Firmen erzwingen Überstunden häufig nicht auf dem Rechtsweg, sondern durch einfache Zuweisung von deutlich mehr Arbeit, als die Angestellten bewältigen können und gleichzeitigen Appellen an deren Verantwortungsgefühl. Indem von Vorgesetzten und Mitarbeitern Beispiele gegeben werden, geraten praktisch alle Angestellten unter einen Druck, dem sie sich nicht entziehen können. Auch die Praxis, dass Kollegen, die selbst an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit Überstunden einbringen, bei fehlender unbezahlter Mehrarbeit eines Angestellten diese ausgleichen müssen, spielt eine wichtige Rolle in dem System. Der Grund für die unbezahlte Mehrarbeit liegt also weniger in einem angeborenen Fleiß jenseits der Grenze zum Masochismus, sondern im Produktionsmanagement. Das zeigt sich unter anderem auch darin, dass fast 90 Prozent der japanischen Firmen fest mit einem solchen Verhalten ihrer Angestellten rechnen.

"Freiwillig" geleisteten Überstunden nennt man in Japan "Sabisu Zangyo" – sie gelten als wichtigste Ursache für die "Gourika–Byou", die Rationalisierungskrankheiten", und den Tod durch Übernächtigung und Überarbeitung, den "Karoshi". Obwohl das Thema bereits in den 1980er Jahren breitflächig von den japanischen Medien aufgegriffen wurde, bekamen es die Behörden nicht in den Griff. Im Gegenteil: Einer im letzten Jahr veröffentlichten Regierungsstatistik zufolge stieg die Zahl der Fälle, in denen Arbeiter aufgrund exzessiver Überstunden starben oder körperlich schwer erkrankten, um 7,6 Prozent auf ein Rekordhoch von mindestens 355 Fällen. 147 davon starben. Weitere 819 machten eine aus Überarbeitung resultierende schwere seelische Erkrankung geltend, 176 davon versuchten sich umzubringen. Die Dunkelziffer liegt möglicherweise wesentlich höher: Eine japanische Schutzvereinigung geht bereits geraume Zeit von 10.000 Karoshi-Toten jährlich aus.

Toyota fuhr mit dem System bisher relativ gut: Sowohl mit seiner hohen Produktivität pro Angestellten als auch mit den Innovationen setzte das Unternehmen Maßstäbe, mit denen es vor allem in Schwellen- und Entwicklungsländern mittlerweile eine führende Stellung einnimmt. Der Konzern wuchs so stetig und so stark, dass Analysten spekulieren, Toyota könne noch in diesem Jahr General Motors den Rang als größten Automobilkonzern der Welt streitig machen.

Die ständigen Rationalisierungen führten allerdings auch zu Qualitätsmängeln, die zu einem verstärkten Rückruf von Fahrzeugen führten. Der daraus resultierende Druck auf Mitarbeiter traf auch den für Qualitätssicherung zuständigen Ingenieur Kenichi Uchino, der im Februar 2002 gegen 4 Uhr morgens an seinen Arbeitsplatz zusammenbrach und zwei Stunden später starb.

Zur Sensation wurde der Fall aber erst, nachdem ein Gericht in Nagoya Ende November Hiroko Uchino, der Witwe des bei seinem Tod 30jährigen, eine Rente zuerkannte - und dabei nicht nur feststellte, dass die Überstunden zu Herzrhythmusstörungen und diese wiederum zum Tod führten, sondern auch, dass dieser Tod deshalb als Arbeitsunfall gewertet werden müsse.

Im Durchschnitt leisten japanische Arbeiter täglich zwei unbezahlte Überstunden. Als Karoshi-Opfer wird im Allgemeinen anerkannt , wer in der Woche vor seinem Tod mindestens 16 Stunden täglich gearbeitet hat – allerdings ohne Unterbrechung durch freie Tage. Nach Angaben der Witwe hatte Uchino allein im Todesmonat 150 Überstunden geleistet, die Arbeitsüberwachungsbehörde wollte davon allerdings nur 45 Überstunden anerkennen. Richter Toshiro Tamiya entschied schließlich, dass 106 Stunden und 45 Minuten Mehrarbeit gezählt werden müssten.

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