NGOs und sexueller Missbrauch von Schutzbedürftigen
"Save the Children" berichtet von einem "bedeutenden Ausmaß" an sexueller Ausbeutung und des Missbrauchs von Kindern durch Mitarbeiter internationaler Hilfsorganisationen
Der sexuelle Missbrauch von Kindern durch Mitarbeiter der Internationalen Gemeinschaft - gemeint sind damit insbesondere Aid-Worker von UN-Hilfsorganisationen, Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und anderen Vereinigungen, die sich der humanitären Hilfe verschrieben haben, sowie bewaffnete Mitglieder der friedenserhaltenden Organisationen - erreicht ein "bedeutendes Ausmaß", wie die britische NGO Save the Children UK heute berichtet (PDF-Datei).
Eine detaillierte empirische Studie sei der Bericht von Save the Children allerdings nicht, sondern eher ein "Schnappschuss der Situation", die viel zu wenig als Problem bekannt würde. Und genau dagegen richtet sich der Bericht ausdrücklich: gegen das Verschweigen, gegen die mangelhaften Möglichkeiten der Opfer zur Anzeige der Tat, und die offenbar zu laxen Aufsichtspraktiken in den humanitären und friedenssichernden Organisationen, deren Mitarbeiter die Not der Minderjährigen für sexuelle Zwecke ausnützen.
Natürlich sei nicht jeder Mitarbeiter der Internationalen Gemeinschaft ein "Täter, der Kinder missbraucht", beeilt man sich im Kapitel "Who are the abusers" festzustellen, aber jede Organisation sei dem Risiko ausgesetzt, dass man mit diesem Problem zu tun habe. Auch Save the Children sei davon nicht ausgenommen. Die Organisation berichtet auch von Fällen im eigenen Lager.
Die zentrale Erkenntnis des Berichts lautet, dass es höchstwahrscheinlich viel mehr Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch durch Mitarbeiter internationaler Organisationen gibt, als dies offizielle Zahlen bislang erkennen lassen. Der Bericht stützt sich dabei allerdings nicht auf eine eigene größer angelegte statistische Erhebung, die einen zuverlässigen Zahlenbeweis führt. Die Grundlage des Berichts: Diskussionen mit 38 "Focus Groups" - insgesamt 314 Personen aus der hilfsbedürftigen und notleidenden Bevölkkerung im Süd-Sudan, der Elfenbeinküste und Haiti, 129 Mädchen und 121 Jungs im Alter zwischen 10 und 17 Jahren, 36 Männer und 54 Frauen. Dazu mehrere Treffen mit 30 Mitarbeitern von Hilfsorganisationen und verschiedene Feldbesuche: anekdotisches Beweismaterial nennt man dergleichen wörtlich aus dem englischen übersetzt - erzählte Berichte von gehörten, vielleicht auch gesehenen oder selbst erlebten Fällen.
"Although the peacekeepers are not based here, they have abused girls here.They come here a few days at a time where they stay in a local compound.This compound is near to the water pump where everyone collects water. In the evening hours the peacekeepers come out and stand near to the water pump. Some of the girls from the village will come and collect water. The men call to the girls and they go with them into the compound. One of them became pregnant and then went missing.We still do not know where she is.This happened in 2007." (Young boy, Southern Sudan)
Demnach zeigt sich, dass die Opfer meist unter denjenigen Kindern (die als alle Personen unter 18 Jahren definiert werden) zu finden sind, die Waisen sind oder von ihren Eltern getrennt sind und somit schutzloser sind; es sind vor allem Mädchen, im Südsudan und in der Elfenbeiküste soll keiner der Focus-Group-Teilnehmer von einem Fall mit Jungen berichtet haben, in Haiti dagegen schon. Das durchschnittliche Alter der Opfer liegt zwischen 14 und 15; aber auch hier wird von Ausnahmen berichtet: vom Missbrauch Sechsjähriger.
Am öftesten (60 %) wurde von den Diskussionsteilnehmern von sexuellem Missbrauch in Form des Verbal abuse, der obszöne Anrede, berichtet, dem folgen belästigende Berührungen, Touching, weit über 50 Prozent; etwa genau so oft wird von Fällen des coerced sex, erzwungenem Sex, gesprochen. Über 30 Prozent der berichteten Fälle wurden in die Kategorie forced sex eingeteilt.
"My friends and I were walking by the National Palace one evening when we encountered a couple of humanitarian men. The men called us over and showed us their penises. They offered us 100 Haitian gourdes (US$2.80) and some chocolate if we would suck them. I said no, but some of the girls did it and got the money." (15-year-old girl, Haiti)
Aufhorchen lässt die Verfasser des Berichts insbesondere, dass die Aussagen der Diskussionsteilnehmer auf ein Ausmaß von Missbrauchsfällen, in denen aid worker und peacekeaper involviert waren, schließen lassen, das weit über bislang publizierte offiziellen Zahlen liege, wie sie z.B. von UN-Behörden veröffentlicht wurden.
Clearly there is significant disparity between the low levels of abuse cited in these statistics and the high levels suggested in field investigations and other evidence.
Hervorgehoben werden insbesondere die bewaffneten Friedenserhalter des UN Department of Peacekeeping Operations (DPKO). Von den 38 Gruppen nannten 20 die Peacekeeper als wahrscheinliche Täter, vier nannten sie als einzige Täter innerhalb ihrer Gemeinschaften. Als mögliche Erklärung für den hohen Anteil der Peacekeeper wird angegeben, dass die DPKO-Kräfte besonderen Einfluss auf die Gemeinschaft ausüben, in der sie tätig seien, insbesondere auf Kinder und Ältere, weil diese in den fragilen Umständen besonders auf körperlichen Schutz angewiesen seien und die Männer bewaffnet. Zum anderen würden die friedenserhaltenden Einheiten einen deutlichen Anteil von Soldaten haben, die diskriminierende Einstellungen und Haltungen gegenüber Frauen hätten.
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