Die Zukunft ist postamerikanisch

09.06.2008

Der Aufstieg neuer Mächte wird das amerikanische Zeitalter beenden. Darüber sind sich die Experten einig. Doch wird diese Welt auch sicherer sein?

So schnell ändern sich Zeichen, Zeiten und Stimmungen. Was gestern noch gültig war, gilt heute nicht mehr – sogar in der Geopolitik. Erinnern wir uns: Anfang der 1990er Jahre – der Eiserne Vorhang war gerade gefallen, der Kältetod des Sowjetimperiums stand noch bevor – sorgte der Begriff "Unipolarer Moment" für große Aufregung innerhalb der politischen Beraterzunft (The Unipolar Moment). Geprägt und in Umlauf gebracht hatte ihn Charles Krauthammer. Mit dem Ende des Kalten Krieges, so der Starkolumnist der Washington Post, sei "etwas Einmaliges und vollkommen Neues entstanden – eine unipolare Welt, die fortan von einer einzigen Supermacht beherrscht wird." Seit dem Römischen Weltreich hätte kein Land die Welt mehr so dominiert wie die USA – kulturell und technisch, ökonomisch und militärisch. Der "amerikanische Moment", davon war Krauthammer überzeugt, werde Dekaden, wenn nicht Generationen dauern und Glücksfall für eine neue internationale Ordnung sein (America Rules: God thanks).

American predominance does not stand in the way of progress toward a better world, therefore. It stands in the way of regression toward a more dangerous world.

Robert Kagan, The Return of History, and The End of Dreams

Nicht mal zwanzig Jahre später scheint das "Project For The New American Age" Geschichte, der Traum vom "neuen Unilateralismus" ausgeträumt (The New Unilateralismus – revisited) und Das Neue Rom zerstört. Außer markigen Papieren (Defence Planning Guidance), martialischer Lehren (Bush-Doktrin) und politischer Semantik (Unipolar moment or unipolar era?) ist von der "Grand Strategy", mit der die USA die Welt demokratisieren, marktgängig machen und politisch kontrollieren wollten, nichts mehr übrig.

Daran können auch alle gut gemeinten Versuche wenig ändern, die unipolare Doktrin zu überarbeiten und sie trotzig oder dosiert den neuen politischen Realitäten anzupassen.

Schon seit geraumer Zeit zerbricht man sich darum auf Konferenzen, in der politischen Blogosphäre oder in einschlägigen Zeitschriften den Kopf über die Zukunft der US-amerikanischen Macht, darüber, was der Bush-Doktrin und dem Unipolarismus wohl folgen wird.

So auch in Foreign Affairs, in der Krauthammer seinerzeit mit seinem Essay für Furore gesorgt hatte. Besorgt fragt man sich dort, ob das neue amerikanische Zeitalter, das dem einundzwanzigsten Jahrhundert seinen Stempel aufprägen sollte, bloße Momentaufnahme geblieben ist; und:ob die Supermacht sich möglicherweise wirtschaftlich und machtpolitisch übernommen hat und sich auf dem absteigenden Ast befindet.

Unipolarismus adé

Unbekannt oder gänzlich neu ist das Thema nicht. Ende der 1980er, noch ehe sich das Ende der bipolaren Welt abzeichnete, hatte Paul Kennedy in seinem Megaseller "The Rise and the Fall of Great Powers" bereits einen Vergleich zwischen dem Britischen Empire und der Pax Americana angestellt, der für die Weltmacht mit einem wenig schmeichelhaftem Ergebnis endete. Die Vereinigten Staaten, so der prominente Yale-Professor, stünden am Ende des 20. Jahrhunderts vor ihrem machtpolitischen Abstieg.

Entwickelt hatte der britische Historiker seine Behauptung ausgerechnet am Beispiel der so genannten "Reaganomics", die ein paar Jahre später zu jenem "Unipolarismus" geführt haben, den Krauthammer ausgerufen hatte, und die von ihm und anderen Neocons (wohl nicht ganz zu unrecht) als später Triumph im Kampf gegen Diktatur, Unfreiheit und Krieg gefeiert worden sind. Kennedy war überzeugt, dass sich das Land durch das immense Staatsdefizit, das es durch die massive militärische Aufrüstung und dem antikommunistischen Kampf gegen das Sowjetreich angehäuft hatte, restlos "übernommen" hatte und Amerikas Niedergang daher unvermeidlich sei.

Und kurz vor der Jahrtausendwende hatte auch Samuel Huntington allem unipolaren Gerede (The Lonely Superpower), wie auch jedweden imperialen Ambitionen eine Absage erteilt. Angesichts vieler alt gedienter Partner und Verbündeter, die sich immer häufiger US-amerikanischen Forderungen widersetzten, sowie anderer Nationen, die der Politik, den Werten und Idealen des Landes zunehmend feindlich gegenüberstünden (The Politics of Rage: Why Do They Hate Us?), müsste Washington erst wieder die Regeln und Gepflogenheiten der internationalen Politik neu lernen, die Form der gegenseitigen Konsultation, der geheimen Diplomatie und der politischen Kompromissbildung etwa, bevor sie weiter "arrogante Forderungen" aufstellte.

Mittlerweile scheint diese Botschaft angekommen und mehrheitsfähig zu werden. Nicht nur in Asien) und Europa, wo sich die Stimmen derer mehren, die Abschied von einer Weltordnung nehmen, in der eine Supermacht über allen anderen Nationen thront und sich selbstherrlich zum Herren über Recht und Gesetz, Frieden und Krieg erklärt (A Grand Strategy of Sustainment). Sondern auch in den USA, wo sogar neokonservative Politiker, wie der ehemalige Planungsdirektor im State Departement Richard N. Haass, vom Unipolarismus abrücken und ihm ein donnerndes Lebewohl hinterher rufen. (The Age of Nonpolarity).

Primus inter pares

Insofern überrascht weniger die Debatte an sich als der alarmistische Ton mit der die Thematik in den USA vorgetragen und auf die politische Agenda gestoßen wird. Verantwortlich für das Getöse, seine Dramatisierung und Zuspitzung ist Fareed Zakaria mit seinem frisch gedruckten Buch "The Postamerican World", das derzeit mit Essays, Interviews und Videoblogs in Newsweek und in Foreign Affairs heftig beworben wird. Darin nimmt der Herausgeber von Newsweek International und mögliche Anwärter auf einen herausgehobenen Posten in einer Regierung Barack Obamas, rhetorisch polternd Abschied von einem Jahrhundert, das einst von den USA geprägt und dominiert worden ist. Der Amerikaner indischer Herkunft ist überzeugt, dass das Land seine goldenen Jahre hinter sich und seine herausgehobene Stellung ("Exzeptionalität") in der Welt verloren hat. Amerika ist zwar weiter und auf absehbare Zeit hin der gewichtigste Akteur auf der Weltbühne, aber nur noch einer unter vielen anderen Global Playern.

Bewusst sei ihm das auf seinen ausgedehnten Reisen nach Europa, Asien und in den Mittleren Osten geworden. Alles, was einst Amerikas Glanz und Ruhm, Macht und Ansehen ausgemacht und das Land über alle anderen gehoben hat: Wirtschaftskraft, Innovationsgeist oder kulturelle Strahlkraft, habe sich an andere Orte oder in andere Weltgegenden verlagert.

So befänden sich die höchsten Gebäude der Welt, die größten Spielcasinos und das mächtigste Finanzzentrum nicht mehr in New York oder Las Vegas, sondern in Taipeh oder Dubai, auf Macao oder in London. In Europa, und nicht in etwa Seattle, werde das weltgrößte Passagierflugzeug gebaut, während der größte Investmentfond von Abu Dhabi aus gesteuert wird und die größte Raffinerie ihren Sitz in Indien hat. Und Bollywood habe, was den Ausstoß, die Rezeption und die Verbreitung von Filmen angehe, Hollywood längst hinter sich gelassen.

Politisch gleichgültig gegenüber dem Aufschluss anderer

In der öffentlichen Wahrnehmung, insbesondere in den Präsidentschaftskampagnen der beiden großen Parteien, spielte das alles keine Rolle. Statt sich mit den strukturellen Macht- und Wohlstandsverschiebungen in der Welt auseinandersetzen, beispielsweise, dass mehr als hundert Länder dieser Welt eine größere Wachstumsrate aufwiesen als die USA, beschäftige man sich mit Wahlkampfstrategien und wechselnden Taktiken, mit Entlassungen von Wahlkampfmanagern oder den Macken und persönlichen Verfehlungen der Kandidaten. Damit, ob Hillary Clinton einem Heckenschützen vor sechzehn Jahren in Bosnien nur knapp entgangen sei oder sie die Geschichte frei erfunden habe; damit, ob Barack Obama auch wirklich eine US-Flagge am Revers seines Anzugs trage oder immer noch unter dem Einfluss eines radikalen Predigers stünde; oder damit, ob John McCain vor etlichen Jahren eine Geliebte gehabt, seine Frau betrogen oder möglicherweise ein Flugzeug mehrmals unrechtmäßig benutzt habe.

Fast zwei Drittel aller Wahlkampfberichte der US-Medien widmeten sich derlei Trivialitäten – aber nicht von jenen politischen Inhalten, die Land und Bevölkerung wirklich bedrohen, aufschrecken und in Bewegung bringen sollten. Von der unrühmlichen Rolle, die die öffentliche Medien dabei spielten, ganz zu schweigen.

Interessant an Zakarias düsterem Blick ist, dass er für Amerikas Hegemonieverlust nicht, wie allgemein üblich, den Aufstieg Chinas, Indiens oder Russlands verantwortlich macht, sondern ihn auf wesentlich breitere Schultern verteilt, auf Schwellenländer wie Brasilien, Mexiko oder Südkorea, auf riesige Handelsunternehmen oder Finanzfonds, die ihren Sitz in Dubai, Argentinien oder Südafrika haben, oder auf globale Organisation wie den IWF oder die Weltbank, die WTO oder die eine oder andere NGO. Anders als bestimmte Auguren in Europa (Weltkrieg um Wohlstand) warnt Zakaria nicht vor der Rohstoffmacht des russischen Bären, der Arbeits- und Konsumwut des chinesischen Drachen oder einem drohenden weltpolitischen "Konflikt zwischen Demokratien gegen Autokratien", sondern spricht davon, dass die restliche Welt zur Supermacht aufgeschlossen habe (The Rise of the Rest). Eine "Dritte Welt", wie wir sie noch aus den bipolaren Zeiten des Kalten Kriegs kennen, existiert für Zakaria demnach nicht mehr.

Gut aufgestellt

Der Aufstieg der anderen muss aber nicht unbedingt den Abstieg der Supermacht zur Folge haben. Obgleich sie hoch verschuldet sind, die Sparquote seiner Bürger äußerst gering ist und Schlüsselindustrien wie die Autoindustrie, das Stromnetz oder die Mobilkommunikation total veraltet sind, nehmen die USA nach wie vor eine herausragende Position im weltweiten Ranking der Nationen ein. Sie sind nicht nur die wettbewerbfähigste Nation der Welt und jederzeit in der Lage, Fehler zu korrigieren und sich an neue Gegebenheiten (siehe Klimawandel und Solartechnik) schneller anzupassen als die bürokratielastigen Nationen Europas. Auch auf militärischem Gebiet könne kein Land der Erde den USA das Wasser reichen. Daran ändere auch der Irakkrieg oder das Afghanistan-Abenteuer nichts, die trotz der hohen Kosten das Bruttosozialprodukt der USA kaum tangierten.

Gleiches gelte für den Bereich der Zukunftstechnologien. Sowohl im Nanobereich als auch auf dem Gebiet der Agrartechnik und Biotechnologie sei das Land führend. Acht von zehn Universitäten befänden sich unter den Top Ten, die klügsten Köpfe, Begabungen und Talente stünden Schlange, um dorthin berufen zu werden oder dort unterrichten zu dürfen. Hinzu kommt, dass Amerika die offenste, dynamischste und flexibelste Gesellschaft der Welt habe. Sie sei demografisch vital und mobil und habe auch kein Alterungsproblem. Trotz manch ethnischer Probleme, schafften die USA es immer wieder, die unterschiedlichsten Kulturen, Rassen und Religionen aufzunehmen und zu integrieren. Allein die Bewerbung um das Präsidentenamt zeige, dass der Amerikanische Traum nach wie vor wie funktioniere. Nirgendwo sonst wäre es möglich, dass ein Schwarzer und Muslim, eine weiße Frau und ein Mormone um das höchste Amt im Staate kandidierten.

Echte Probleme

Wirtschaftlich, sozial und kulturell hätten die USA allerdings ihre Strahlkraft und Ausnahmestellung längst eingebüßt. Die mächtigsten Unternehmen, die reichsten Menschen oder die bekanntesten Persönlichkeiten operierten oder lebten in Malaysia, Brasilien, Indien oder China. In diesen wirtschaftlich aufstrebenden Staaten sei weit über eine Milliarde von Menschen in Bewegung und dabei, ihre vormalige Armut abzustreifen. Wichtige Nachrichten, Informationen und Daten entnähmen sie nicht mehr CNN, BBC oder der NYT, sondern AL Jazeera, NDTV oder Telesur. Dadurch würden die Menschen mit alternativen Weltsichten, Lebensentwürfen und Erzählungen konfrontiert, die den westlichen häufig widersprächen oder ihnen diametral entgegenstünden. Schließlich wanderten auch wichtige Unternehmen ab. Während sie ihre Stützpunkte in dynamischere Gegenden verlegten, übernähmen arabische, asiatische oder russische Konzerne Aktienpakete, Anteile oder ganze Firmensparten von US-Unternehmen.

Noch rangiere das Land politisch zwar weiter unangefochten an der Spitze. Es ist in allen wichtigen Gremien vertreten und kann durch sein Veto jederzeit Verträge und Beschlüsse der anderen torpedieren. Das muss aber nicht immer so bleiben. Entscheidend für die Vorherrschaft Amerikas wird sein, ob es dem Land gelingt, auf das Emporkommen der restlichen Welt, das Zakaria nach der Entdeckung Amerikas um 1500 und die Entwicklung des Landes zur alles beherrschenden Macht im 20. Jahrhundert zum dritten einschneidenden Ereignis der Neuzeit erklärt, politisch und wirtschaftlich überzeugende Antworten zu finden.

Politisch engstirnig

Zakaria scheint hinsichtlich dessen nicht allzu optimistisch. Damit die USA siegreich aus diesem verschärften globalen Wettbewerb hervorgehen, fehlt es ihnen an politischer Klugheit und Führung im Land. Vor allem bei den politischen Eliten des Landes vermisst er ein solches Bewusstsein. Sie wollten nicht wirklich verstehen, was da auf das Land zurollt. Statt sich diesen Herausforderungen zu stellen, ihnen offensiv zu begegnen und politische Weitsicht zu zeigen, vergeude sie ihre Kräfte in ideologische Kleinkriege und parteipolitischem Hickhack; statt Siegermentalität und Leidensfähigkeit der Bürger zu wecken, auf die das Land einst so stolz gewesen ist, und den Amerikanern klarzumachen, dass Verzicht auch heißen kann, später dafür belohnt und entlohnt werden, übe man sich in Washington verstärkt in Rollenprosa und medialem Theater.

Meinungsumfragen bestätigten das. Vier Fünftel der Amerikaner glauben ihr Land auf dem falschen Kurs. Noch nie hätten die Amerikaner, seit es Aufzeichnungen dazu gibt, so düster in die Zukunft geblickt. Und das nicht bloß wegen der Finanz- und Immobilienkrise, dem Irakkrieg, der Angst vor Terror oder einer möglichen Rezession. Die Depression gehe viel tiefer. Ein Viertel aller Amerikaner habe keine Krankenversicherung, während die soziale Ungleichheit wachse. Gleichzeitig sinke das Vertrauen, dass die Politik bereit sei, die notwendigen Sozialreformen einzuleiten. Die brauche das Land aber dringend, will es weiter vorneweg marschieren.

Als besonders engstirnig präsentiere sich derzeit die Außenpolitik. Zwar möchte Washington weiter und überall über die Regeln befinden, nach denen die Welt zu verlaufen habe. An sie halten will die Weltmacht sich aber nicht. Durchzuhalten sei eine solche Politik auf Dauer aber nicht. Erst recht nicht in einer Welt, die mehrere Pole und Machtzentren besitzt. Sie wird nicht nur ständig Widerstände und Widersprüche hervorrufen und den Antiamerikanismus verstärken, in einer solchen multipolaren Ordnung nehme der machtpolitische Einfluss einer "einsamen Supermacht" naturgemäß ab.

Problem der Demokratie

Was soll man nun von Zakarias Abgesang auf das US-politische System und seine Akteure halten? Wirklich überzeugen vermag er damit nicht. Einerseits kann man derlei "Neutralisierungen und Entpolitisierungen" in allen westlichen Demokratien beobachten. Seitdem dort die Politik am Haken der Massenmedien hängt, haben Personalien, Schaufensterpolitik und parteipolitisches Gezänk das Politische ersetzt. Im Umkehrschluss heißt das aber nicht, dass keine Entscheidungen von großer Tragweite mehr gefällt werden. Sie haben sich, nachdem die öffentlichen Arenen und Bühnen von Kameras ausgeleuchtet und von Mikrofonen überfüllt sind, eher in die politischen Vorräume und Hinterzimmer, in Beraterzirkel und Behördenbüros verzogen.

Dass die "Epoche der Staatlichkeit" zuende geht, der Staat als "Glanzstück europäischer Form und okzidentalem Rationalismus" entthront und im Zeitalter der "massenmedialen Öffentlichkeit" alles "den nächsten Zwecken des tagespolitischen Kampfes oder Konsums angepasst" wird, ist ja keine taufrische Entdeckung, die Zakaria am Beginn des neuen Jahrtausends in Washington macht. Sie hatte Carl Schmitt seinerzeit schon in der Zwischenkriegszeit in der Weimarer Republik gemacht und darob den Verlust des Politischen beklagt. Verzerrte und verzerrende Kommunikationen besser im Griff zu haben und politische Entscheidungen nicht dem Lärm und Gezänk der anderen auszusetzen, sind gewiss eine der großen politischen Vorteile, die autokratische Systeme gegenüber liberalen Demokratien haben.

Reichlich verfrüht

Andererseits muss man sich um die Zukunft Amerikas vorerst keine allzu großen Sorgen machen. Amerika wird auch weiterhin eine Schlüsselstellung im internationalen System innehaben. Die Macht Amerikas mag vielleicht weniger Raum einnehmen; und die Welt wird mit Sicherheit ein Stück weit postamerikanischer werden, nicht-amerikanisch oder gar antiamerikanisch wird sie jedenfalls nicht. Das Land hat, wenn man so will, seine historische Mission erfüllt. Es hat den Globus globalisiert und ihr seine Ideen und Ideale, Gesetze und Spielregeln aufgezwängt. "Ein Nachruf", wie ihn der Franzose Emanuell Todd vor Jahren schon einmal formuliert hat, scheint, auch oder erst recht nach der Lektüre von Zakarias Buch, jedenfalls reichlich verfrüht.

Nimmt man Aussagen der vermeintlichen US-Rivalen China und Russland ernst, dann hat sich an der "Großmachtpolitik und dem Unilateralismus" der Supermacht sogar wenig geändert. Nach Meinung der beiden nun in der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit vereinten asiatischen Mächte besteht die Welt nach wie vor aus einer Supermacht und mehreren Großmächten. "Die künftige politische Ordnung wird von jenen gestaltet, die die Macht haben, sie zu gestalten", meint lapidar Zakarias Kritiker und neokonservativer Antipode Robert Kagan. "Die politischen Führer der postamerikanischen Welt werden sich", dabei einen Seitenhieb auf die moralische Übergesinnung Europas austeilend, "nicht in Brüssel, sondern in Peking, Moskau und Washington treffen".

Multipolar? Nichtpolar!

Und diese weltpolitische Konstellation gilt nicht nur für eine "multipolare Welt" à la Zakaria. Erinnern wir uns nochmals kurz: Als Krauthammer den Unipolarismus formulierte, hatte er, was in der hitzig geführten Diskussion meist unterging, bereits die Multipolarität vor Augen. Für ihn war das "unipolare Moment" nur eine Zeit des Übergangs. Die USA sollten für eine gewisse Zeit, deren Dauer ungewiss war, "diese unipolare Welt führen und ohne Scham die Regeln der Weltordnung festlegen und auch durchsetzen." Er war sich aber sicher, dass danach andere große Mächte die Bühne betreten und den USA die Macht streitig machen würden. Dieser Aufstieg großer Mächte und Rivalen könnte, und darüber war Krauthammer aufrichtig besorgt, zu einer politischen Lage führen, die jener vor WK I gefährlich nahe käme, als die europäischen Mächte sich um Pfründe und Anteile am Weltkuchen schlugen.

Während dies laut Robert Kagan schon passiert ist, er darum für eine "Liga der Demokratien" wirbt, um den sich machtvoll formierenden Autokratien in Asien eine mächtige Allianz entgegenzusetzen, betrachtet Richard N. Haass genau dieses Moment für gescheitert. China und Russland seien zu sehr ins internationale Netz eingebunden und abhängig vom amerikanischen Markt und/oder Investitionen aus dem Ausland. Auch sei die Dominanz der USA letztlich zu groß, als dass diese oder andere Mächte mit ihnen auf absehbare Zeit konkurrieren könnten.

Gleichwohl dürfe die relative Stärke Amerikas nicht den Blick verstellen, dass seine Stellung, sein Einfluss und seine Unabhängigkeit in der Welt schwinden. Da ist er sich mit Zakaria einig. Alternativ zur "multipolaren" oder "unipolaren" zeichne sich vielmehr ein "nichtpolares Zeitalter" ab, das von mehreren dutzend Mächten getragen wird. Zu diesen Akteuren zählt der jetzige Direktor des Council on Foreign Relations (http://www.cfr.org/) regionale Mächte und Staatenbünde in Asien, Südamerika oder Afrika ebenso wie mächtige Organisationen und Korporationen und nicht-staatliche Akteure, die unterschiedlichste Macht in Händen halten und an vielen Orten der Welt verteilt sind.

Klare Frontlinien schwinden

Eine solche "nichtpolare Weltordnung", Ergebnis der Globalisierung, wird, da sind sich Haass, Kagan und Krauthammer einig, viel unsicherer, schwieriger und gefährlicher sein als jede uni- oder multipolare. Nicht bloß, weil die Beziehungen zwischen Nationen, Völkern und Akteuren vielfältiger, situationsabhängiger und durchlässiger sind und dadurch Diplomatie, Kooperation und Konsensbildung erschwert werden. Sondern auch, weil die klare Freund-Feind-Bildung, die das Politische ausmacht, dadurch schwinden. Ein "You’re either with us, or against us" zu fordern, eine "Koalition der Willigen" zu formen oder eine Liga der Demokratien zu gründen, wie sie John McCain und seinem engen Berater Robert Kagan vorschwebt, ist in einer nichtpolaren Welt eher unmöglich.

Pakistan ist dafür ein klassisches Beispiel. Einerseits ist es ein großer Verbündeter der NATO, das ernsthaft am War on Terror teilnimmt; andererseits liebäugelt es aber mal offen, mal heimlich mit den Taliban und unterstützt sie unverhohlen. Ähnliches ließe sich über Ägypten, Saudi-Arabien oder Indien sagen. Auf der einen Seite unterstützt etwa Delhi die Militärjunta in Myanmar und macht Lieferverträge mit dem Iran; auf der anderen Seite nennt sich das Land stolz "größte Demokratie der Welt".

Diese "geopolitische Unübersichtlichkeit" macht es für die Supermacht nicht leichter sich zu behaupten. Für sie, wie für alle übrigen Staaten und ihre politischen Führer, bedeutet dies, dass es auf manchen Gebieten mit unterschiedlichsten Partnern und Rivalen Zusammenarbeit geben wird, auf anderen und mit anderen wiederum nicht. Gleichzeitig wird die Supermacht sich mit anderen Werten, Ideen und Standpunkten, Weltsichten, Lebensentwürfen und Interessen auseinandersetzen müssen. Sie muss lernen, sich in dieser Welt politisch zu bewegen und entsprechend zu positionieren.

Asiatische, arabische oder muslimische Werte unterscheiden sich diametral von westlichen. Hier wird die Gemeinschaft und die Tradition, hedonistische Abstinenz oder die religiöse Übung honoriert, dort der individuelle Entwurf, der liberale Gesinnung und die Politische Theologie des Universalismus und der Menschenrechte. Chinesen, Inder und Russen sprechen zwar Englisch, aber die Amerikaner kein tamilisch, serbokroatisch oder taiwanesisch. Auch sieht die Welt, und nicht nur die Landkarte, von Moskau, Peking oder Buenos Aires ganz anders aus als von Washington, Berlin, London oder Paris.

Was westliche Staaten beispielsweise als moralischen Akt und humanitäre Intervention feiern, deuten Berater und Politiker in Peking und Moskau als gesetzlose Handlung und unverhüllte Aggression, als Missachtung der Souveränität und Einmischung in die inneren Angelegenheiten einer Nation. Und was Washington als Akt der Vernunft und Teil realistischer Politik verstehen, die bilateralen Beziehungen zu Riad oder Kairo etwa, brandmarken Peking und andere als Doppelmoral einer Politik der Menschenrechte.

Diffuse Macht

Dies macht deutlich, dass in einer "nichtpolaren Welt" Macht und Einfluss, Status und Ansehen einer Macht viel diffuser verteilt sind als in jeder anderen. In ihr wird es für "God’s own country" jedenfalls schwieriger, Bündnisse nach Gutsherrenart zu schmieden, Antworten auf regionale oder globale Herausforderungen zu finden oder anderen ihren politischen Willen aufzuzwingen. Das postamerikanische Zeitalter mag Antiamerikaner zum Jubilieren bringen. Über den Preis, der für Amerikas relativen Abstieg weltweit zu entrichten ist, wird man bestimmt nicht erfreut sein. Vor allem nicht in Europa. Spätestens nach der Präsidentenwahl wird man das merken, wenn der neue Amtsinhaber Berlin, Brüssel oder Rom zu mehr Eigenverantwortung, Vorsorge und Partizipation bitten wird und die vermeintlich höhere Moral und Gesinnung, die die Europäer wie ein Banner oder Schutzschild vor sich hertragen, sich militärisch und machtpolitisch beweisen muss.

Haass ist darum auch überzeugt, dass die Zahl der Bedrohungen und Verletzbarkeiten wachsen wird. Nicht nur für die USA, sondern für alle Staaten. Terror, Klimawandel, Rohstoff- und Energiemangel betreffen alle Staaten, Völker und Nationen. "Die nichtpolare Welt wird ein riesiger Kessel der Instabilität sein", so Haass. "Aus Sicht einer idealen Kantischen Weltordnung mag eine unipolare Ordnung gefährlich und ungerecht sein. Verglichen mit jeder anderen ist sie aber relativ stabil und vermindert die Wahrscheinlichkeit einer militärischen Konfrontation zwischen großen Mächten", pflichtet Kagan bei. Dass sich die Staaten dafür militärisch wie technisch rüsten und preemptive strikes in den USA, gleich unter welcher Präsidentschaft, auch weiter für legitime Akte der Selbstverteidigung gehalten werden, sollte daher niemanden verwundern. "Amerikas Vorherrschaft", so Kagan weiter, "steht nicht für die Zukunft zu einer besseren Welt; sie steht vielmehr gegen einen Rückfall in eine gefährlichere Welt."

"Globalisiert Euch"

Viel wird deshalb darauf ankommen, ob es der Supermacht gelingt, diesen Trend zu mehr Instabilität, Unordnung und Unsicherheit zu stoppen. Ist sie in der Lage, die auf- und widerstrebenden Kräfte und Mächte ins globale System zu integrieren und die strukturellen Verschiebungen von Wohlstand, Reichtum und Macht in eine Win-Win-Situation für alle zu verwandeln? Die Kapazitäten dazu hat sie zweifellos, meinen Haass und Zakaria. Und das nötige Sendungsbewusstsein, um die sich verändernde globale Landkarte in ihrem Sinne zu gestalten und zu beeinflussen, auch. Nach wie vor ist sie die "unverzichtbare Nation".

Die Frage ist nur, ob die politischen Eliten und die neue politische Führung den Willen und die Bereitschaft dazu zeigen und die nötige Kraft, Geschicklichkeit und Beharrlichkeit dafür aufbringen und die "postamerikanische Welt als neue Realität erkennen". Das Fenster dafür steht offen. Allerdings muss das Land die Gelegenheit auch beim Schopfe packen. Damit das passiert, wäre laut Zakaria eine Frischzellenkur dringend nötig. Sie müsste dafür sorgen, dass Land, Politiker und Bevölkerung Mentalitäten, Haltungen und Grenzen öffnen und sich endlich selbst globalisieren.

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