Forscher als Fälscher
Wenn Wissenschaftler Kollegen beim Schummeln erwischen, behalten sie dies oft für sich
"Ein Postdoc veränderte die Zahlen in einer Untersuchung, um so die Daten zu ‚verbessern’". "Ein Kollege verwendete dieselben Ergebnisse in drei verschiedenen Arbeiten, benannte sie aber immer anders." "Ein Co-Forscher bei einer großen, interdisziplinären Drittmittelbewerbung erzählte mir, dass ein Postdoc aus seinem Labor darin als vorläufig erwähnte Daten gefälscht hatte. Als zuständiger Wissenschaftler korrigierte ich die Bewerbung mit zusätzlichen Daten." "Ein Kollege benutzte Photoshop, um Hintergrundbänder auf einem Western Blot zu entfernen, so dass die Daten spezifischer aussahen als in Wirklichkeit."
Diese vier Beispiele stammen aus einer Befragung, die das amerikanische Office of Research Integrity unter 4298 Wissenschaftlern durchführen ließ. Fälschen, erfinden, klauen: Wissenschaftler sind erfinderisch, wenn es um ihre Karriere geht. Das zeigen die Ergebnisse der Studie eindeutig. Von den 2212 Forschern, die die Fragebögen ausfüllten, berichteten immerhin 192, dass sie in ihren eigenen Abteilungen in den vergangenen drei Jahren selbst wissenschaftliches Fehlverhalten erlebt oder definitive Beweise dafür vorliegen hätten. 201 der derart beschriebenen Fälle genügten der US-Definition für wissenschaftliches Fehlverhalten.
Zu 60 Prozent handelte es sich dabei um Fälschungen, zu 36 Prozent um bloße Plagiate. Die akademische Erfahrung bewahrte Forscher allerdings nicht davor, zum Fälscher oder zum Dieb zu werden: Professoren oder Senior-Wissenschaftler trugen ebenso knapp ein Viertel bei wie Postdocs und alle anderen akademischen Ebenen. Selbst, wenn man diese Zahlen konservativ interpretiert (und zwar derart, dass diejenigen, die den Fragebogen nicht beantwortet hatten, auch nicht Zeugen von Fehlverhalten geworden waren), selbst dann ergeben sich auf alle vom US-Gesundheitsministerium bezahlten Forscher extrapoliert pro Jahr 2325 Fälle wissenschaftlichen Fehlverhaltens.
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Nur 58 Prozent der Vorkommnisse aber wurden tatsächlich zumindest an die Leitung der Forschungseinrichtung gemeldet. Nur 24 Fälle pro Jahr werden an das des Office of Research Integrity (ORI) weitergegeben. Das ist den Wissenschaftlern des ORI eindeutig zu wenig. In einem Kommentar im Wissenschaftsmagazin Nature fordern sie deshalb eine Kultur der Null-Toleranz. Dabei verstehen sie die Motive, fein still zu schweigen, durchaus: Niemand will anderen durch falsche Anschuldigungen schaden. Wer sich mit den Angelegenheiten der Kollegen befasst, verliert Zeit für die eigene Forschung - und er muss gar Rache befürchten.
Außerdem könnte ja auch jemand anders den Vorfall weitergeben. Womöglich ist der betreffende Forscher auch noch ein sympathischer Kollege, sein Verhalten ist vielleicht gar nicht so schlimm, niemand erleidet Schaden, wenn ein eh schon ziemlich klares Ergebnis noch ein bisschen gesäubert und aufgebessert wird… Und dann auch die negative Außenwirkung, die öffentliche Aufregung, das schlechte Image und all das nur einiger Zahlen wegen?
Diese Ausreden, fassen die Studienautoren zusammen, haben eines gemeinsam: Dass es ihnen an einer Kultur der Integrität fehlt. Eine ORI-Studie aus dem Jahr 2000 ergab zum Beispiel, dass nur 29 Prozent aller Institutionen ihre Mitglieder explizit auffordern, wissenschaftliches Fehlverhalten zu melden. Das müsse sich unbedingt ändern - und gleichzeitig gelte es, die Whistleblower zu schützen, so dass diese keine Angst um ihre eigene Karriere haben müssten. Es müsse klar sein, wer an wen in welcher Form zu berichten habe - und schließlich müssten die Institute auch alternative Wege suchen, die Integrität ihrer Forschung zu schützen, indem sie wirksame Untersuchungsprozesse installieren.
http://www.heise.de/tp/artikel/28/28138/1.html- 2008 # 2003 kT (20.6.2008 18:31)
- blu_frisbee lügt (20.6.2008 17:22)
- da kann man nur sagen... (20.6.2008 16:21)
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