Ich bin begabt!

Thorsten Stegemann 25.06.2008

Ab 2009 will die Studienstiftung des Deutschen Volkes einen bundesweiten Begabungstest einführen. Nachwuchs-Akademiker können sich dann selbst um ein Stipendium bewerben

Seit Jahrzehnten ist die Studienstiftung des deutschen Volkes das Zentralgestirn einer ganz eigenen Galaxis. Wer von seinen Lehrern, Professoren oder anderen pädagogischen Betreuern für besonders begabt gehalten wird, dem eröffnen sich hier gute Aussichten auf ein attraktives Stipendium. Die Bandbreite der finanziellen Unterstützung reicht vom monatlichen Büchergeld in Höhe von 80 Euro über ein Lebenshaltungsstipendium von 525 Euro bis zum Promotionsstipendium, das dem Empfänger 1050 Euro plus Forschungskostenpauschale beschert.

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Das Angebot, das kaum ein Studierender ablehnen würde, galt bis vor kurzem allerdings nur für 6.600 der rund zwei Millionen deutschen Nachwuchsakademiker, und selbst die Hinzunahme aller anderen Begabtenförderungswerke ergab eine ernüchternde Bilanz: Lediglich 0,65 Prozent aller Studierenden bekamen hierzulande ein Stipendium und damit die Möglichkeit, überhaupt ein Studium aufzunehmen oder ihren finanziellen Spielraum zu erweitern.

Dem Bundesministerium für Bildung und Forschung wurde schnell klar, dass sich diese Zahlen Image schädigend auswirken könnten. Mittlerweile fließen gut 30 Millionen Euro mehr in die Begabtenförderungswerke als vor drei Jahren und die Zahl der Stipendiaten ist auf knapp 20.000 gestiegen. Nach dem Willen von Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) soll der Anteil der Stipendiaten an der Gesamtzahl der Studierenden dauerhaft auf ein Prozent angehoben werden.

Von der virtuellen Elite-Universität zum Testanbieter

Auch für die Studienstiftung des deutschen Volkes hat sich einiges geändert. Innerhalb der letzten drei Jahre stieg die Zahl ihrer Stipendiaten von 6.600 auf etwa 9.000, und das Selbstverständnis einer "virtuellen Elite-Universität", das im Herbst 2006 noch als "neues Modell" vorgestellt wurde, muss schon wieder korrigiert werden. Dabei hatte Stiftungspräsident Gerhard Roth seine Institution zu den Protagonisten einer exklusiven Bildungsreform gezählt und die Begriffe "Elite" und "Exzellenz" gar nicht oft genug wiederholen können.

Mit diesem Konzept der "virtuellen Elite-Universität" will die Studienstiftung ihren Beitrag zu den gegenwärtig laufenden Exzellenz- und Elitefördermaßnahmen liefern, indem sie zum einen ihre Stipendiaten auf denjenigen Wissenschafts- und Forschungsgebieten fördert, die in Deutschland bereits exzellent sind, zum anderen will sie aber komplementär zum sich vollziehenden Konzentrationsprozess auf wenige Elite-Universitäten wirken, in dem sie allen Stipendiaten unabhängig von ihrem Studienort den Kontakt zur Spitzenforschung ermöglicht.

Gerhard Roth

Die zusätzlichen Gelder aus Berlin geben der Studienstiftung die Möglichkeit, die Anzahl ihrer Stipendiaten annähernd zu verdoppeln, stellen sie allerdings auch vor die ungewöhnliche Herausforderung, schnell geeignete Kandidatinnen und Kandidaten zu finden. Auf den herkömmlichen Wegen ist das kaum noch möglich, meint Stiftungs-Generalsekretär Gerhard Teufel, der zuerst via Pressemeldung und dann in einem Zeitungsinterview einen Blick in die bisherige Vergabepraxis erlaubte.

Vorschläge allein schöpfen aber das Bewerberpotenzial nicht aus. Nur drei Viertel aller Schulen schlagen Abiturienten vor; in Hessen ist die Chance, vorgeschlagen zu werden, doppelt so groß wie in Ostdeutschland. Da gibt es eine Gerechtigkeitslücke. Einige Schulen wählen zudem schematisch die Abiturienten mit den besten Noten aus.

Gerhard Teufel

Warum diese Gerechtigkeitslücke lange Jahre kein Problem darstellte, nun aber plötzlich geschlossen werden soll, ließ Teufel offen und lancierte dafür das anschließend viel zitierte Schlagwort von der "kleinen Revolution". Ab 2009 will sich die Studienstiftung für Eigen- und Initiativbewerbungen öffnen, die bislang nur in bestimmten Förderprogrammen zugelassen waren. Selbstbewusste Nachwuchs-Akademiker sind künftig nicht mehr auf Fürsprecher angewiesen und können sich höchstpersönlich um ein Stipendium bewerben.

Das ist eine kleine Revolution: Bislang musste jeder entdeckt werden; heute kann man von sich aus sagen: Ich bin begabt!

Gerhard Teufel

Begabung und Studierfähigkeit

Mit lautem "Hier!" rufen ist es allerdings nicht getan. Teufel schwebt vielmehr ein "Begabungs- und Studierfähigkeitstest" vor, der europaweit ausgeschrieben werden und fächerübergreifend funktionieren soll. In den USA sind solche Leistungschecks, in denen "verbal reasoning", "quantitative reasoning", aber auch " critical thinking and analytical writing skills" überprüft werden, längst Standard und vielerorts Voraussetzung für den Besuch einer weiterführenden Hochschule.

In Deutschland setzen Fachhochschulen und Universitäten mittlerweile ebenfalls auf Eignungstests, um die sportlichen, technischen oder sprachlichen Qualifikationen ihrer zukünftigen Studierenden vor Beginn der Hochschullaufbahn festzustellen. So beschlossen die Universitäten Karlsruhe und Stuttgart beispielsweise schon vor sechs Jahren, 40 Prozent der Studienplätze "nach den Ergebnissen eines Eignungsfeststellungsverfahrens" zu vergeben. Dabei fielen die Schulnoten in Fächern wie Deutsch, Mathematik, Physik und Englisch ins Gewicht, daneben die Bewerbungsunterlagen unter Berücksichtigung einer eventuellen Teilnahme an Wettbewerben, der Mitwirkung an Informatikaktivitäten u.ä. sowie ein spezieller Eignungstest.

Die meisten Angebote dieser Art sollten Studierenden allerdings als Orientierungshilfe dienen und waren ausdrücklich als Selbsttest definiert und ausgeschrieben oder lieferten - wie in Stuttgart und Karlsruhe - Bonuspunkte für die reguläre Bewerbung.

In Berlin gingen die Bildungsreformer noch einen Schritt weiter. Nach der Novelle des Hochschulrahmengesetzes im Jahr 2004 wollte man hier die Hochschule schnellstmöglich in die Lage versetzen, sich ihre Studenten selbst auszusuchen. Oliver Wilhelm und Olaf Köller von der Humboldt-Universität entwickelten im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Psychologie deshalb im vergangenen Jahr einen Studierfähigkeitstest zur Auswahl von Studierenden im Fach Psychologie, der bundesweit Modellcharakter bekommen sollte. Mehrheitsfähig scheint das Procedere allerdings noch nicht zu sein: Die benachbarte Freie Universität will auf den Test für den "B.Sc. in Psychologie" im kommenden Wintersemester verzichten.

Die Studienstiftung plant nun ein ähnliches Verfahren, das ausdrücklich nicht aus einem reinen IQ-Test bestehen soll. Schließlich geht es darum, die "intellektuellen Fähigkeiten eines möglichen Stipendiaten" zu ermitteln, und dazu zählt derzeit offenbar nicht nur die fachliche Qualifikation.

Für die Studienstiftung sind neben der Leistung aber auch Initiative und Verantwortung entscheidend. Wir möchten lieber jemanden mit etwas schlechterem Abitur fördern, der sich sozial engagiert.

Gerhard Teufel

In Anbetracht der sozialen Schieflage des gesamten Bildungssystems wäre es freilich zielführender, wenn sich die Studienstiftung weniger um die sozial engagierten als um die Studierwilligen kümmern würde, die aufgrund ihrer familiären Herkunft kaum Möglichkeiten haben, den Herausforderungen der Wissensgesellschaft erfolgreich zu begegnen.

Schließlich kann es in der aktuellen Situation nicht darum gehen, Begabung und Studierfähigkeit einfach nur festzustellen. Die wichtigere Aufgabe besteht darin, die Startvoraussetzungen in Deutschland so zu verändern, dass Kinder und Jugendliche prinzipiell die gleichen Chancen haben, ihre Fähigkeiten auszuprobieren und daraus gegebenenfalls praktische Konsequenzen zu ziehen.

Der Fairness halber sollte allerdings noch einmal betont werden, dass die Studienstiftung von einer "kleinen" Revolution spricht, und eine solche mag denn wohl schon losgebrochen sein, wenn man die exklusiven Netzwerke etwas lockert und die festgezurrten Strukturen ein wenig demokratisiert.

Soziale Aspekte spielen keine Rolle

Das Interesse an den de facto größer gewordenen Möglichkeiten, für die Dauer des Studiums ein Stipendium zu bekommen, wird den Konkurrenzdruck so lange erhöhen, wie deren Vergabe nicht vollständig oder wenigstens teilweise an bestimmte soziale Bedingungen geknüpft ist. Schließlich können auch reiche Menschen zusätzliches Geld gebrauchen, und tatsächlich kommt die Mehrheit der Stipendien Empfängern zugute, die nicht zwingend auf diese Unterstützung angewiesen sind (Stipendienvergabe nach zweifelhaften Kriterien). Von der Studienstiftung des deutschen Volkes wird jede soziale Komponente sogar ausdrücklich negiert.

Von den Bewerbern wird erwartet, dass sie sich durch Leistung, Initiative und Verantwortungsbewusstsein auszeichnen. Studenten müssen ausgezeichnete Kenntnisse in ihrem Studienfach nachweisen. Darüber hinaus erwartet die Studienstiftung, dass die Bewerber Interessen und Aktivitäten außerhalb ihres Studienfaches entwickelt haben und weiterführen werden. Keine Rolle bei der Auswahl spielen politische Überzeugungen, Weltanschauung, Geschlecht, Religion sowie wirtschaftliche und soziale Aspekte. Studienstiftung des deutschen Volkes

Doch selbst wenn dieser Passus gestrichen werden und ein hochbegabter Diplomat die elf großen Förderwerke veranlassen könnte, mit aller Macht an einem Strang zu ziehen, wäre das Problem nur partiell zu lösen. Noch immer fehlen die mit viel Aplomb angekündigten Stipendien, welche die deutsche Wirtschaft zur tatkräftigen Unterstützung des angeschlagenen Bildungssystems beisteuern wollte. Nordrhein-Westfalens Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) brachte deshalb bereits ein "nationales Stipendiensystem" ins Gespräch, das den erfolgreichsten zehn Prozent eines Jahrgangs ein monatliches Zubrot in Höhe von 300 Euro bescheren soll. "Soziale Aspekte" würden aber auch in diesem Fall "keine Rolle" spielen. Eben deshalb fordern (http://www.gruene-bundestag.de/cms/presse/dok/220/220695.html) Oppositionsvertreter eine grundlegendere Korrektur des Stipendiensystems:

Mehr Stipendien sind notwendig, aber vor allem für diejenigen, die Unterstützung am dringendsten benötigen: Gerade junge Menschen aus einkommensarmen Familien können sich ein Studium nicht mehr leisten. Ihnen muss der Weg zum Hörsaal frei geräumt werden. Begabtenstipendien gibt es bereits – wir brauchen jetzt dringend Stipendien für Benachteiligte.

Kai Gehring, hochschulpolitischer Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen

Macht studieren krank?

Das Beispiel der Stipendien zeigt anschaulich, wie Nachwuchs-Akademiker unter einen immer stärkeren Auslesedruck geraten, der durch Studiengebühren, enge Zeitkontingente und wenig flexible Studienordnungen ohnehin schon erheblich ist. Kein Wunder also, dass die virulente Frage, ob und inwieweit das deutsche Bildungssystem bereits reale Krankheitssymptome verursacht, immer häufiger und ernsthafter diskutiert wird (Macht Auslesedruck in Schulen krank?).

In der vergangenen Woche trafen sich Mitarbeiter von Hochschulen, Studentenwerken und Seelsorgeeinrichtungen, um auf der Tagung "Macht studieren krank?" eine vorläufige Bilanz zu ziehen. Der Koordinator der katholischen Hochschulseelsorge in München, Robert Lappy, erläuterte hier, dass die Zahl von Studenten mit Depressionen und Burn-Out-Syndromen stark zugenommen habe. In den vergangenen drei bis vier Semestern sei allein bei den katholischen Beratungsstellen in München eine Steigerung von rund 20 Prozent zu beobachten gewesen. Vor allem Studierende, die kein BAföG und keine finanzielle Unterstützung von den Eltern bekämen, hätten immer häufiger Probleme, den Anforderungen des sogenannten Reformprozesses gerecht zu werden. Viele Studenten bekämen sogar Schwierigkeiten, wenn sie nur selbstständig lernen oder ihre Zeit einteilen sollten, meinte Lappy.

Die schöne neue Welt der Begabtenförderungswerke können diese Studierenden übrigens nicht stören. Sie sind in aller Regel viel zu verunsichert, um sich selbst für ein Stipendium zu bewerben, und die strengen Aufnahmekriterien Leistung, Initiative, Verantwortung erfüllen sie derzeit wohl auch nicht in der von den Vergabeinstitutionen vorgesehenen Weise.

http://www.heise.de/tp/artikel/28/28188/1.html
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