Atemstillstand dank RFID

25.06.2008

Niederländische Forscher haben zwei RFID-Systeme auf der Intensivstation getestet: mit teils dramatischen Folgen

Man muss sich die kleinen Funkchips gar nicht unter die Haut pflanzen lassen, um womöglich gesundheitliche Schäden davonzutragen (siehe Verursachen implantierte RFID-Chips Krebs?). Es könnte künftig genügen, dass eine Krankenschwester es gut meint und die Herkunft des neu eingehängten Infusionsbeutels kontrolliert, der mit einem RFID-Chip markiert ist. Diese Befürchtung lassen jedenfalls Tests als realistisch erscheinen, von denen niederländische Ärzte im medizinischen Fachmagazin Jama berichten.

Die Wissenschaftler der Freien Universität Amsterdam haben in einem für die Intensivabteilungen moderner Krankenhäuser typischen Raum überprüft, inwieweit aktive und passive RFID-Systeme medizinische Geräte beeinflussen. Glücklicherweise fehlten die Patienten in diesem Szenario - denn was die Forscher beobachteten, war zum Teil erschreckend. Bei den Messungen, die schon im Mai 2006 stattfanden, nahmen sie 41 Apparate aus 17 Kategorien unter die Lupe, die von 22 verschiedenen Herstellern geliefert worden waren.

Dabei näherten sie eine Kombination aus RFID-Chip und -Lesegerät aus zunächst zwei Metern Abstand schrittweise dem medizinischen Apparat. Diese Testmethode entspricht den Empfehlungen des amerikanischen Standards ANSI C63.18, der die Überprüfung der Verträglichkeit medizinischer Systeme auf Radiofrequenz-Sender festlegt.

Jedes der 41 Geräte wurde drei Tests unterzogen. Von den damit insgesamt 123 Versuchen endeten 34 mit einem Zwischenfall. 22 dieser Zwischenfälle mussten die Wissenschaftler gemäß gängiger Standards als "gefährlich" klassifizieren, zwei als signifikant, den Rest als leicht. Auch der gesunde Menschenverstand muss die Einschätzung der Forscher teilen, wenn er weiß, was so alles passiert ist. Beatmungsmaschinen schalteten sich plötzlich ab oder änderten die von den Ärzten eingestellte Atemrate. Infusionspumpen blieben einfach stehen, Dialysegeräte beendeten die Blutwäsche. Externe Herzschrittmacher kamen aus dem Tritt, in einem Fall beeinflusste das elektromagnetische Feld ein Herz-Elektrogramm derart, dass ein mit diesen Daten arbeitender Schrittmacher sich kontraproduktiv verhalten hätte.

Im Mittel beeinflussten die RFID-Systeme die Medizintechnik aus einer Entfernung von 30 Zentimetern. Wenn man die Anwendungen betrachtet, die die Branche derzeit für das Gesundheitswesen plant, dann ist man mit dieser Distanz keineswegs auf der sicheren Seite. RFID soll im Krankenhaus vor allem für mehr Sicherheit sorgen: einerseits dadurch, dass etwa Blutbeutel oder teure Medikamente besser verfolgbar und fälschungssicherer werden. Andererseits dadurch, dass auch die Patienten seltener verwechselt werden - bei der falschen Person wirkt manchmal das beste Arzneimittel tödlich.

Zumindest in der Intensivabteilung überwiegen aber momentan wohl die Risiken. Die niederländischen Wissenschaftler führen das vor allem auf mangelnde Standardisierung zurück - die RFID-Lösungen seien einfach aus der Logistik übernommen worden, ohne sie speziell für die Belange des Krankenhauses zu testen. Interessanterweise verursachte das aktive RFID-System, bei dem der Chip selbst auf ein Signal hin seinen eigenen kleinen Sender aktiviert, etwas weniger Störungen als die passive RFID-Lösung.

Ein nutzwertjournalistisches Computermagazin würde an dieser Stelle die Tipps & Tricks folgen lassen. Denn die gute Nachricht ist: die Forscher haben eine komplette Liste der Zwischenfälle auf ihrer Website veröffentlicht, und zwar zusammen mit der Bezeichnung des Geräts, das die Ausfälle verursacht hat. Allerdings dürften die meisten Leser, wenn sie denn auf der Intensivstation ankommen, nicht genug Zeit und Muße mitbringen, die Zusammenstellung des Geräteparks zu studieren, der gerade den eigenen Körper am Leben erhält. Davon abgesehen sieht es im Fall des Falles auch mit den Fluchtmöglichkeiten schlecht aus.

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