Taliban oder Täuschungsmanöver?

Thomas Pany 30.06.2008

Verwirrung um die Lage in der pakistanischen Drei-Millionen-Metropole Peshawar

Peshawar, Pakistans Außenposten in der Nähe des legendären Khaiber-Passes, war schon immer ein guter Platz für nebulöse Geschichten (siehe auch Merkwürdige VIP-Aktivitäten). In den neunziger Jahren arbeitete jeder zweite Passant auf den staubigen Straßen der staubigen Stadt für den amerikanischen oder für den pakistanischen Geheimdienst, alle anderen handelten mit Drogen und Waffen und jeder wusste atemberaubende Geschichten über die heimliche Politik der CIA oder der Inter-Services- Intelligence (ISI). Daran scheint sich nicht viel Entscheidendes geändert zu haben, auch wenn seit längerer Zeit schon neue sehr wichtige Akteure die turbulente Bühne mit Hang zu undurchsichtigem Verschwörungstheater betreten haben: die Taliban.

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Von den radikal-religiösen Eiferern wurde am Freitag vergangener Woche berichtet, dass sie mehr denn je in Peshawar einsickern und dort Angst und Schrecken verbreiten. Dass die Taliban die Stadt erobern würden, bzw. sie überhaupt angreifen würden, nahmen Kenner der Szene, zwar nicht an, aber der Alarm über die Stadt außerhalb der staatlichen Kontrolle Pakistans war international und schrillte vor allem in amerikanischen Medien hörbar laut.

Tatsächlich hat nun die pakistanische Führung reagiert und gezeigt, dass sie sehr wohl durchgreifen kann, wenn es um die Kontrolle über wichtige strategische Orte in der Grenzregion zwischen Afghanistan und Pakistan geht - der Khyberpass ist auch heute eine wichtige Transportverbindung zwischen Afghanistan und Pakistan, der Nachschub für die Natotruppen in Afghanistan geschieht zu einem wesentlichen Teil über diese Verbindung.

Am Wochenende konnte man dann in wichtigen amerikanischen Veröffentlichungen die große Botschaft im Titel lesen: Pakistan geht gegen Taliban in der Nähe von Peshawar vor.

Eine gute Nachricht vor allem für die pakistanische Regierung, die es sich mit ihrer Aktion mit keinem verscherzen wollte – weder mit den Taliban, mit denen sie sehr zum Missfallen der Amerikaner in Verhandlungen steht, noch mit den Amerikanern, noch mit der öffentlichen Meinung. Wie nicht nur die für solche (und oft etwas übertriebenen) Insider-Informationen bekannte Asia Times aufzuhellen vermochte, führte die so ausgelobte Militäraktion nicht die pakistanische Armee durch, sondern eine paramilitärische Einheit namens die Frontier Corps unter der Leitung von General Mohammed Alam Khattak.

Und das Ziel waren nicht die allseits berüchtigten und gefürchteten Taliban, die auf der anderen Seite der Grenze ihre Reconquista durchsetzen wollen, sondern "Gruppierungen mit mutmaßlichen Verbindungen zu den Taliban", die auf jeden Fall aber den Islamismus mit ihnen teilen: insbesondere Mangal Bagh, der Führer von Lashkar-e-Islam (Armee des Islam), einer tausendköpfigen Truppe von islamischen Kämpfern, und dessen Verbündeter Hadschi Namdar, der über arabische und usbekische Kämpfer verfügt. Beiden wird immerhin eine gewisse Kontrolle über das Khaiber-Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghnanistan nachgesagt, ebenso wie Entführungen in Peshawar und Angriffe auf Nachschublinien der Nato. Insofern also schon ein strategisch wichtiges Ziel.

Allerdings ist die Aktion, so die Argumentation von Asia Times, ein größeres Täuschungsmanöver, das allen Seiten dient. Denn die beiden genannten Warlords, Mangal Bagh und Hdschi Namdar, hätten nur wenig mit den Taliban zu tun:

The groups targeted, though, are mainly sectarian with no affiliation to the Taliban - they are sympathetic at most. This has led to speculation that the military is simply trying to buy time from Washington while avoiding direct confrontation with the "real Taliban"

Für die Taliban sei die Aktion vom Wochenende strategisch auch gut verwertbar, denn der in allen Publikationen immer wieder als Führer der Taliban genannte Baittullah Mehsud könne als Reaktion auf diese paramilitärische Aktion nun andere Nicht-Taliban-Grupiierungen leichter als Verbündete gewinnen und zudem alle Frieden/bzw. Waffenstillstandsvereinbarungen mit der neuen Regierung aufkündigen.

http://www.heise.de/tp/artikel/28/28224/1.html
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