Rosinen picken

Ein Buchhändler auf der Suche nach Literatur-Podcasts, die sich wirklich lohnen

Das Netz ist groß, verdammt groß sogar, könnte man in Anlehnung an Douglas Adams’ Flapsigkeiten zum Universum sagen, und so erstaunt es nicht, dass manche interessanten Dinge in diesem gigantischen Ozean an Information einfach übersehen werden. Podcasts zur Literatur gibt es mittlerweile in großer Zahl, und man findet auch schon genug Orte, wo sie versammelt werden - aber weil ihm keines dieser Portale auf Anhieb gefiel, machte sich der Braunschweiger Buchhändler Burkhard Wölfel selbst eins: litcast.de. Telepolis sprach mit ihm über Gegenwart und Zukunft eines Projekts zwischen gelebter Selbsthilfe, Netz-Marketing und moderner Literaturvermittlung.

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Wie bist auf die Idee zu litcast.de gekommen?

Burkhard Wölfel: Es gibt da ein Problem, das alle Buchhändler gemeinsam haben: Egal wieviel du liest, es könnte immer noch mehr sein. Radiosendungen über Literatur helfen uns bei unserer Arbeit sehr weiter. Seitdem es Podcasting gibt, macht es nichts mehr aus, dass man die alle durch die immer längeren Ladenöffnungszeiten verpasst. Die Podcatching-Programme für das Betriebssystem meiner Wahl fand ich alle nicht so doll und habe irgendwann angefangen, mir kleine Skripte zu schreiben, die meine liebsten Literaturpodcasts runterladen, damit ich sie auf dem Weg zur Arbeit und in der Mittagspause hören kann. Das verschafft mir etwa zwei Stunden pro Tag - da kann man sich einen guten Überblick verschaffen.

Dann kam der Gedanke, diese Lösung nicht nur zuhause auf meinem eigenen Rechner zur Verfügung zu haben. Einen Player im Internet, der mir täglich frische Sendungen über Literatur spielt, und der Spaß macht. Und zwar nicht nur mir, sondern auch meinen Kollegen und anderen Bücherwürmern. Ich denke, das ist mir gelungen. So etwas wie litcast.de wollte ich einfach selber unbedingt haben!

Ich kann ja gar nicht alle Podcasts finden, die ich hören will. Nicht alle hören, die ich finde. Nicht alle Podcasts, man mag's kaum glauben, werden auch als RSS-Feed publiziert. Es sind zwar wenige, aber es gibt sie. Die Kommunikation mit anderen Büchermenschen über Literatursendungen zu ermöglichen, das war dann schließlich der Punkt, wo mir klar wurde: das kriegst du nur im Internet hin. Podcastverzeichnisse gibt es viele. Aber eines nach deinen Vorstellungen, das stellt dir keiner hin, das musst du schon selber bauen.

Hochwertige Inhalte der Radiostationen

Man hört immer wieder, die Wortsendungen im Rundfunk seien zum Aussterben verurteilt. Überhaupt: Radio. Wer hört noch Radio? Und nach der Logik der Modewellen im Netz sind Podcasts auch schon wieder Schnee von gestern. Provokant gefragt: Soll die Kombination dreier obsoleter Dinge etwas Neues ergeben?

Burkhard Wölfel: Bücher sind ja eh Schnee von gestern, wenn man so will. Die Gutenberg-Galaxis ist ja längst implodiert, seit wir das papierlose Büro haben.

Aber Spaß beiseite: Dass es früher mehr Wortfunk gab, ist offensichtlich. Menschen, die sich intensiv mit Büchern beschäftigen, schätzen das gesprochene Wort aber immer noch, und ich denke nicht, dass sich das grundsätzlich ändern wird.

Mir ist im Laufe der Arbeit an litcast.de erneut bewusst geworden, wie hochwertig die Inhalte unserer Radiostationen sind. Wir können diese Inhalte heute zu einer Vielfalt zusammenführen, die vorher nicht erkennbar war. Die zeitliche und räumliche Trennung der regionalen Sender fällt weg und die Vielfalt von Berichterstattung und Meinung bleibt. Das ist wirklich sehr spannend.

Noch etwas: Ich glaube, wir Online-Menschen nehmen unsere Moden oft zu wichtig. Die Entwicklungen sind zwar unglaublich dynamisch, aber wir sind doch nicht die Mehrheit, für die wir uns halten. Die größte Herausforderung der digitalen Medien sehe ich darin, sie so zu gestalten, dass möglichst alle sie benutzen und einschätzen können. Nur dann können wir ihr Potential wirklich nutzen. Was hilft es, wenn die Mehrheit mit den Möglichkeiten nicht mitkommt?

Ein anderer Aspekt: In den Pionierjahren des WWW war viel von Netzliteratur die Rede, vage stellte man sich darunter eine Literatur vor, die nicht nur im Netz stattfindet, sondern seine ästhetischen Möglichkeiten wirklich nutzt. Davon ist nicht viel übrig geblieben. Sind aber Dinge wie litcast.de die Realität der Netzliteratur heute? Und: Ergibt sich zwischen den Casts, die du sammelst, manchmal ein "Gespräch", vielleicht sogar völlig unabsichtlich?

Burkhard Wölfel: Ja, die Inhalte rücken näher zusammen und ihre Unterschiede werden deutlich. Das ist spannend anzusehen. Bis jetzt sind die extra für die Verbreitung im Netz hergestellten Inhalte aber eher in der Minderheit, unter anderem, weil sie nicht so häufig erscheinen, wie die Literatursendungen der großen Anbieter. Ich könnte mir vorstellen, dass sich dieses Verhältnis noch ändert. Ich höre ja beim Einpflegen den Großteil der Podcasts vollständig an. Dabei bin ich häufig auf die Sichtweise anderer Rezensenten gespannt. Ganz besonders interessant ist das bei Büchern, die ich selbst gelesen habe. Wir haben ja von den unserer Meinung nach interessanten Titeln in der Buchhandlung oft ein Leseexemplar.

Bei unseren Vorkontakten hast du erwähnt, dass du das Projekt für eine bestimmte Zielgruppe machst. "Buch- aber nicht unbedingt technikaffin" hast du diese Zielgruppe genannt. Kannst du dazu was sagen?

Burkhard Wölfel: Durch die Arbeit in der Buchhandlung weiß ich, wie viel Probleme unsere Kunden mit den verschiedenen Internetseiten haben, die für unsere Arbeit wichtig sind. Und zwar nicht nur die älteren. Wir versuchen, litcast.de einfach, verständlich und schlüssig zu gestalten. Anfängern wird weniger Frust zugemutet und für alle ist mehr Gelegenheit, sich auf die Inhalte zu konzentrieren. Nicht Klicken für Experten, Hören für Leser. Darum geht's.

"Castspider"?

Praktisch gesehen: Wie läuft das ab? Stöberst du Podcasts einzeln auf, oder geschieht das gar automatisiert, durch eine Art "Castspider"?

Burkhard Wölfel: Oh, das wäre wunderbar! Die Daten sind aber so unterschiedlich wie ihre Anbieter. Ohne redaktionelle Arbeit ist es kaum möglich, die Qualität des Verzeichnisses zu sichern.

Die meisten Podcasts erfasse ich mit einem Feed-Aggregator, aus dem ich die Links zur Audiodatei und zur begleitenden Webseite übernehme. Jeder Eintrag bekommt eine Überschrift und eine kurze Beschreibung. Bei manchen Sendern lässt sich das einfach übernehmen, das ist aber sehr unterschiedlich. Die einen machen das mit Überschrift, Anreißer, Manuskripttext, Autor und Angaben zum Buch. Andere schreiben nur den Buchtitel in den Feed, und bieten gar keine Seite zur Sendung an. Podcasts, die nicht von Radiosendern kommen, sind da häufig sehr konsistent. Das verwundert nicht, die Anbieter benutzen auch häufig alle die selbe Software. Den redaktionellen Teil der Arbeit zu vereinfachen und so weit wie möglich zu automatisieren, das ist wohl die größte Herausforderung am ganzen Projekt.

Gibt es schon Reaktionen der Sender / Urheber? Wenn ja, wie fallen die aus?

Burkhard Wölfel: Von allen verzeichneten Radiostationen gab es zunächst die Erlaubnis, die Podcasts überhaupt zu verzeichnen. Reaktionen auf die Idee und ihre Umsetzung gab es von dort auch ein paar, und die waren alle positiv. Die reinen Podcast-Anbieter haben mich allesamt ermutigt. Allen Beteiligten ist sehr wichtig, dass die Hörer auf litcast.de nicht aus den Download-Statistiken herausfallen, und dass es leicht fällt, die Quelle der Sendung aufzusuchen. Es soll ein Vorteil für alle Beteiligten sein, wenn ein Podcast in litcast.de verzeichnet ist.

Leider kam von ein paar Rundfunkanstalten auch bisher gar keine Reaktion. Das ist zwar schade, ich kann das aber auch gut verstehen: Die Redakteure machen täglich Programm und sind meist nicht alleine für die Online-Politik ihres Senders verantwortlich. Ich kenne das selbst: Neben der Arbeit in der Buchhandlung ist es schwierig, viele Emails zu schreiben und zu telefonieren. Im Moment freue ich mich über zwei Wochen Urlaub, da ist für diese "Büroarbeit" endlich wieder mehr Zeit.

Dein Engagement ist ja nicht unbemerkt geblieben. Du warst für den AKEP-Award nominiert - was ist das für ein Preis?

Burkhard Wölfel: Das ist ein Innovationspreis des Arbeitskreises Elektronisches Publizieren. Dieser AKEP wiederum geht vom Verlegerausschuss des Börsenvereins aus: Menschen aus den am Onlinevertrieb interessierten Verlagen tauschen sich aus. Einmal im Jahr wird getagt und intensiv miteinander gearbeitet und diskutiert - und zwei Preise für innovative Geschäftsmodelle im Internetvertrieb vergeben. Einer für Produkte der Verlage, und einer für die ihrer Auszubildenden. Für letzteren war litcast.de nominiert, das war eine wunderbare Erfahrung. Ich bin den Leuten aus der Branche für das Feedback und die sachliche Beurteilung sehr dankbar. Man hat nicht oft die Gelegenheit, so intensiv zu lernen.

Tagging durch den Hörer

litcast.de ist deiner Auskunft nach noch längst nicht fertig. Was ist für die Zukunft geplant?

Burkhard Wölfel: Am wichtigsten ist natürlich: Wir brauchen mehr Podcasts über literarische Themen. Je interessanter die Inhalte, desto weniger wichtig wird der klangliche Hochglanz. Das kann man zum Beispiel an "Just One More Book", einem Podcast über Kinder- und Jugendliteratur aus Amerika sehen. Der wird in einem Kaffeehaus aufgenommen, an den Nachbartischen wird geklappert und geklönt - keine Rundfunkanstalt würde so etwas regelmäßig senden. Daher mein Appell an Buchhändler, Bibliotheken und Verlage: Nehmen Sie ihre Veranstaltungen auf! Nutzen Sie die niedrige Schwelle der neuen Medien, um auf ihr Engagement aufmerksam zu machen.

litcast.de soll sich bald in gesprochenem Wort selbst erklären. Am Computer wird mehr gescannt als gelesen. Das gilt besonders für Anleitungen und Fehlerdialoge. Daher arbeite ich an einer Hilfefunktion, die Hinweise nicht nur anzeigt, sondern auch vorliest.

Bis jetzt steht ja eine eher übersichtliche Zahl von Funktionen zur Verfügung: finden, blättern, anhören, zur Quellseite gehen, Download und Diskussion. Benutzern, die viel mit Podcasting und Blogs zu tun haben, wird das kaum reichen. Neben dem nötigen Feinschliff möchte ich mich also noch um RSS-Feeds kümmern, die möglichst stark konfigurierbar sind. Die Playlist des Players sollte man herunterladen können. Die Einträge könnten nach Rezeption sortierbar sein: Welche Podcasts wurden am häufigsten zu Ende gehört? Tagging durch den Hörer wäre auch möglich.

Dass litcast.de bis jetzt auf Sekundärtexte zu literarischen Themen beschränkt ist, muss nicht immer so bleiben. Es gibt ja viele erzählende Inhalte im Netz. Wie aber Ausschnitte von Hörbüchern und Hörspielproben neben ganzen Hörspielen und Lyriklesungen in das Verzeichnis zu integrieren sind, das habe ich noch nicht zu Ende gedacht. Der Hörer soll möglichst klar erkennen, was er sich anhört, bevor er auf das Knöpsken klickt. Ganz wichtig ist für die nächsten Monate, dass die Schwelle für den Benutzer, zum Inhalt des Verzeichnisses beizutragen, sinken muss. Ich muss nicht unbedingt der einzige bleiben, der Inhalte einträgt. Wie das zu gestalten ist, dass es Spaß macht, ist eine interessante Herausforderung.

http://www.heise.de/tp/artikel/28/28251/1.html
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