"Auf eine Charles-Dickens-artige Weise rührend"

09.07.2008

Teile der Musikindustrie bemustern nur noch Journalisten, von denen ausschließlich positive Rezensionen zu erwarten sind

Domino ist ein relativ großes Independentlabel, dass unter anderem Musik von Franz Ferdinand, Tricky und Will Oldham verkauft. Der Hamburger Journalist Sebastian Reier schrieb im Juni an Anne Le Rolland von Domino, dass er für die Online-Ausgabe der Wochenzeitung Die Zeit Tonträger von Tricky und Liquid Liquid besprechen solle und deshalb gerne die CDs hätte. Nachdem er weder die Musikalben noch eine abschlägige Antwort erhielt, meldete er sich am 1. Juli wieder bei der Domino-Mitarbeiterin, teilte ihr mit, dass diese noch nicht bei ihm angekommen seien und fragte nach, ob eventuell bei der Post etwas "schief gelaufen" sein könnte. Von Liquid Liquid hatte er sich für die Rezension nach eigenen Angaben die bereits regulär im Laden erhältliche LP gekauft, das Tricky-Album, das er bis zum 4. Juli abliefern sollte, war dort noch nicht erhältlich.

Auf diese Mail antwortete schließlich eine Madlen Wiese, an die Anne Le Rolland die Anfrage weitergeleitet hatte. Sie freute sich über Reiers Lob für Liquid Liquid, kritisierte aber, dass unter anderem das Portishead-Album beim Rezensenten "nicht so gut weggekommen" sei. Laut Wiese hätte Domino "nur sehr wenige Exemplare des [Tricky-]Albums für die Online Promo zur Verfügung". Da die Firma Domino für den Tonträger "nur ungern Verrisse kassieren" wolle, würde sie ihn nur ausgewählten "Onlinern", die sich "auch sicher über das Album freuen werden" schicken und hätte sich deshalb "gegen eine Bemusterung [Reiers] entschieden".

Reier fragte darauf hin in einem von ihm selbst als "Massenmail" betitelten Rundschreiben bei Kollegen nach, ob jemand unter ihnen mit der noch nicht erschienenen neuen Tricky bemustert worden war und sie ihm bis Freitag leihen könnte. Diese Massenmail wurde so fleißig weitergeleitet, dass sie gleich mehrfach im Telepolis-Posteingang landete – offenbar nicht nur allein deshalb, weil man dem Journalisten die pünktliche Abgabe einer seriösen Rezension ermöglichen wollte, sondern auch (wie den Kommentaren zu entnehmen war), weil das Verhalten des Labels als durchaus bemerkenswert empfunden wurde.

Am Verhalten der Plattenfirma zu kritisieren wäre dabei weniger die Verweigerung der Abgabe, als die Praxis, sie an Journalisten, von denen positive Besprechungen zu erwarten sind, auch weiterhin umsonst abzugeben. Dadurch dürfte bei vielen Musikschreibern ein mehr oder weniger starker Anreiz erzeugt werden, in Zukunft eher positive Rezensionen der jeweiligen Firma abzuliefern. Womit das bereits früher fragwürdige Verfahren der "Bemusterung" noch stärker in die Nähe der Bestechung rückt. Der durch Blogs, Foren, YouTube, MySpace und anhaltendem musikalischen Stillstand bereits stark angegriffenen Musikpresse dürfte die Praxis so indirekt einen weiteren Schlag versetzen: Verrisse lesen sich potentiell interessanter. Enthält ein Blatt fast ausschließlich laue Lobeshymnen, dann wird es für den Leser langweilig. Ein Effekt, über den man sich jüngst auch im Film-Feuilleton der Süddeutschen Zeitung klar wurde.

Andererseits könnte die Praxis auch ein fast ausgestorbenes Genre wiederbeleben, das in den frühen 1980ern vor allem in Fanzines recht lustige Ergebnisse hervorbrachte: Den Totalverriss, ohne die Platte gehört zu haben. Was z.B. für eine locker zu lesende Hasstirade gegen U2 auch nicht notwendig ist. Möglicherweise halten sich die Auswirkungen aber auch in Grenzen – denn Ende der 00er Jahre ist es häufig auch ohne Bemusterung möglich, ein Album vor seinem offiziellen Erscheinen zu beurteilen. Das dritte Portishead-Album etwa war bereits vor dem Erscheinen auf Last.fm für Jedermann zu hören und die Fälle, in denen die Musikindustrie womöglich auch Filesharing-Netzwerke nutzte, um vor dem Erscheinen eines Albums die verzweifelt gesuchte und dringend benötigte Aufmerksamkeit zu erzeugen, sind mittlerweile Legion.

Inwieweit sich Domino dieser Effekte bewusst ist, ist fraglich. Gut möglich ist auch, dass sich das ganze Gewerbe aufgrund schwindender Umsatzrelevanz auf dem Weg zum reinen Hobbyclub befindet, wo man Sachen nur noch dann hergibt, wenn der andere das auch sicher zu schätzen weiß - ähnlich wie unter Sammlern. Dann hätte die Änderung der Bemusterungspraxis gar nicht mal so viel mit Profitdruck zu tun, sondern wäre eher, wie Marc D. Knilletier es ausdrückte, "auf eine Charles-Dickens-artige Weise rührend".

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