Auf der Suche nach einer neuen Lehrkultur
Der Wissenschaftsrat fordert Milliardeninvestitionen, um die Hochschullehre systematisch zu verbessern. Doch der ehrgeizige Maßnahmenkatalog stößt auch auf Widerspruch
Die Modernisierung der deutschen Hochschullandschaft nimmt immer deutlicher Gestalt an, doch die Auswahl der Förderschwerpunkte und die Zielrichtung des gesamten Unternehmens stehen nach wie vor in der Kritik. Denn die zuständige Bundesministerin Annette Schavan (CDU) und viele ihrer Länderkollegen scheinen den Prozess bereits für abgeschlossen zu halten, nachdem sie mit dafür gesorgt haben, dass Milliardensummen in ein knappes Dutzend Spitzenuniversitäten und eine Reihe "sichtbarer" Forschungsprojekte investiert wurden.
Nun ist es durchaus möglich, dass Deutschland in Folge dieser Maßnahmen seine internationale Wettbewerbsposition wieder verbessern und einen erkennbaren Zuwachs an renommierten Wissenschaftlern und potenziellen Nobelpreisträgern verzeichnen kann. Über die Qualität im einzelnen und den Gesamtzustand des Systems sagen solche Kennzahlen, wenn sie denn irgendwann vorgezeigt werden können, allerdings wenig aus. Um die Universitäten und Fachhochschulen insgesamt zu stärken und ihren Studierenden eine hochkarätige und effiziente Ausbildung zu ermöglichen, bedarf es weiterer Investitionen in Infrastruktur, Ausstattung und eine systematische Verbesserung der Hochschullehre.
Nachdem das Thema im April bereits die Jahresversammlung der Hochschulrektorenkonferenz beschäftigte, hat der Wissenschaftsrat nun Anfang dieser Woche umfangreiche Empfehlungen zur Qualitätsverbesserung von Lehre und Studium vorgelegt. Wenn es nach dem Vorsitzenden des Wissenschaftsrats, Peter Strohschneider, geht, sollen mit ihnen nicht nur kosmetische Korrekturen angeregt werden:
Die Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Hochschulsystems hängt nicht zuletzt daran, dass an den Hochschulen eine neuartige Lehrkultur entsteht, bei der Qualität in der Lehre auch anerkannt und ausgezeichnet wird. Das bedeutet einen Mentalitätswechsel: Leistungen in der Lehre müssen dasselbe Ansehen in Wissenschaft und Öffentlichkeit genießen wie Erfolge in der Forschung.
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Qualitätsoffensive für alle Hochschulakteure
Der Wissenschaftsrat will eine Qualitätsoffensive initiieren, die möglichst alle Akteure des Hochschulsystems einbezieht. So sollen die Lehrenden ihre fachlichen, pädagogischen und didaktischen Kompetenzen vor Dienstantritt nachweisen und dann kontinuierlich weiterentwickeln.
Zu diesem Zweck wird sowohl von Nachwuchswissenschaftlern als auch von erfahrenen Professoren der wechselseitige Besuch ihrer Lehrveranstaltungen und der regelmäßige Besuch von Fortbildungen erwartet. Die deutschen Fachhochschulen und Universitäten müssten darauf drängen, dass sich ihr dozierendes Personal ein grundlegend neues Selbstverständnis zulegt. Schließlich ging man in akademischen Kreisen bislang davon aus, dass Lehre nicht gelernt werden muss und Weiterbildungsprogramme ausgerechnet hier vernachlässigt werden können, weil professorale Leistungsfähigkeit und Ausstrahlungskraft - auch ohne Anregungen von außen - jahrzehntelang erhalten bleiben.
Der Wissenschaftsrat empfiehlt überdies und schon seit längerem grundlegende Strukturveränderungen im Verhältnis von Forschung und Lehre. So könnten in Zukunft vermehrt Lehrprofessuren eingerichtet werden, die mit einer höheren Anzahl an Semesterwochenstunden betraut sind. Entsprechende Ansätze gibt es bereits in Bayern, wo die Lehrprofessoren 12 bis 16 Semesterwochenstunden, oder in Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein, wo sie 10 bis 12 Semesterwochenstunden unterrichten sollen. In diesem Bereich bahnen sich gleichzeitig neue Beschäftigungsverhältnisse an. So sieht die bayerische Gesetzeslage vor, dass Professoren mit dem "Tätigkeitsschwerpunkt Lehre" in Beamtenverhältnis auf Zeit oder im Rahmen eines befristeten privatrechtlichen Dienstverhältnisses beschäftigt werden.
Von den Hochschulen selbst verlangt der Wissenschaftsrat den Aufbau eines umfassenden Systems der Qualitätsentwicklung, das innerhalb der nächsten drei bis fünf Jahre umgesetzt werden könnte. Überdies sollen bedarfsgerechte Betreuungs- und Beratungsangebote, Leistungsanreize für gute Lehre und geeignete Parameter entwickelt werden, mit deren Hilfe die Qualität von Lehrleistungen eingeschätzt werden kann. Damit auch die einzelnen Disziplinen in die Pflicht genommen werden, schlägt das Gremium, das satzungsgemäß die Bundesregierung und die Regierungen der Länder beraten soll, die Einrichtung von Fachzentren für Hochschullehre vor.
Aber auch die von den Fehlentwicklungen vergangener Jahre und Jahrzehnte hauptsächlich Betroffenen müssen sich neuen Herausforderungen und Verantwortlichkeiten stellen.
Von den Studierenden erwartet der Wissenschaftsrat, dass sie Verantwortung für ihren Studienerfolg übernehmen und sich mit Konzentration und Einsatz ihrem Studium widmen. Durch die Beteiligung (auch an der Qualitätssicherung) und Eigenaktivitäten der Studierenden können Lernfortschritte und eine größere Verbindlichkeit auch bei großen Studierendenzahlen erreicht werden.
Das wird umso notwendiger sein, als in naher Zukunft mit einem deutlichen Anstieg der Studierendenzahlen zu rechnen ist. Im Wintersemester 2007/08 waren 1.932.355 Nachwuchs-Akademiker an den Universitäten und Fachhochschulen eingeschrieben, bis 2015 könnte diese Zahl auf etwa 2,7 Millionen steigen.
Kosten
Um den Maßnahmenkatalog zu finanzieren, hat der Wissenschaftsrat nach eigenen Angaben "moderat kalkuliert und allein Mindestanforderungen zur Verbesserung der Lehre" berücksichtigt. Gleichwohl beläuft sich die anvisierte Gesamtsumme, die von staatlicher Seite bereitgestellt werden müsste, auf etwa 1,1 Milliarden Euro pro Jahr.
357,1 Millionen verschlingt allein die Verbesserung der Betreuungsrelationen. Das Verhältnis von Studierenden und Lehrenden hat sich in den vergangenen gut drei Jahrzehnten kontinuierlich verschlechtert. So stieg die Anzahl der Studierenden zwischen 1972 und 2005 um das 3-Fache, während die Professorenzahl nur um das 1,8-Fache angehoben wurde. Im Wintersemester 2005/06 lag das Betreuungsverhältnis von Studierenden zu hauptamtlichen Professoren folgerichtig bei 60,4:1 (Universitäten) bzw. 38,5:1 (Fachhochschulen). Um diesem Umstand, der in den kommenden Jahren bei steigenden Studierendenzahlen alarmierende Ausmaße annehmen könnte, abzuhelfen, plädiert der Wissenschaftsrat für eine deutliche Erhöhung der Personaldeckung - um 33 Prozent in den Geistes-, Sozial- Wirtschafts- und Rechtswissenschaften und um 10 Prozent in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) und der Medizin.
Der Wissenschaftsrat plant überdies 480,6 Millionen für weitere Personalmittel ein, die der Einstellung von Tutoren, dem Aufbau eines Beratungssystems, der Beschäftigung von qualifiziertem Personal zur Unterstützung bei der Lehrorganisation und bei Prüfungen sowie der Fortbildung zur weiteren Qualifizierung der Lehrenden zugute kommen könnten.
251,3 Millionen Euro sollen in IT-gestützte Campusmanagementsysteme und ein integriertes Qualitätsmanagement, die Verbesserung der technischen und baulichen Infrastruktur oder die Ausstattung der Bibliotheken fließen. 15 Millionen Euro sind schließlich für die Einrichtung von zehn Fachzentren für Hochschullehre vorgesehen.
Ergänzungsvorschläge
Auch wenn nahezu alle Kritiker des deutschen Bildungssystems der Fehleranalyse des Wissenschaftsrats zustimmen, stößt der vorgeschlagene Maßnahmenkatalog auch auf deutlichen Widerspruch. Das liegt zum einen daran, dass der Rat umstrittene "Reformprojekte" der vergangenen Jahre - wie etwa die Einführung von Studiengebühren in sieben Bundesländern - nahezu kommentarlos akzeptiert und in seine Berechnungen übernommen hat.
Bernhard Kempen hält aber auch wenig davon, Lehrprofessuren mit einem deutlichen erhöhten Stundendeputat einzurichten. Dieses Modell diene vor allem dazu, Sach- und Personalmittel auf Kosten der Ausbildungsqualität zu sparen, meint der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes.
Kempen befürwortet zwar mehr Forschungsfreiräume für hervorragende Wissenschaftler, die von Verpflichtungen in der Lehre und Selbstverwaltung entbunden werden dürften. Viel Lehre und wenig Forschung führten allerdings "nicht zu einer Aufwertung, sondern zu einer Abwertung der Lehre", da sie sich nicht mehr am neuesten Stand der wissenschaftlichen Entwicklung orientieren könne.
Auch der "freie zusammenschluss von studentInnenschaften" (fzs) glaubt, dass innovative Lehrveranstaltungen nur aus dem Zusammenspiel der akademischen Disziplinen resultieren können. Darüber hinaus erwartet der fzs, dass die Reform der Hochschullandschaft "in die Breite" ausgeweitet wird und nicht nur der vermeintlichen Elite zugute kommt. Zu diesem Zweck sieht er auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die 2007 Fördergelder in Höhe von 2,167 Milliarden Euro bewilligte, in der Pflicht, "alle Fächergruppen hinreichend zu beachten".
Kai Gehring, hochschulpolitischer Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen, sieht bei aller grundsätzlichen Zustimmung ein Strukturproblem, das durch die aktuellen Forderungen des Wissenschaftsrats nicht behoben wird. Seiner Ansicht nach muss die Hochschullehre direkt in die laufende Exzellenzinitiative integriert werden. Er fordert deshalb einen "bundesweiten Wettbewerb für herausragende und innovative Lehre", der weit über die Vergabe des vom Wissenschaftsrat angeregten "Nationalen Lehrpreises" hinausgehen und dem Thema durchgehend öffentliche Aufmerksamkeit sichern soll.
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sieht in der Lehre ebenfalls "eine der Hauptaufgaben der Hochschulen", die "zum Dreh- und Angelpunkt von Personalentwicklung und Qualitätsmanagement" gemacht werden soll. Sie schlägt deshalb vor, eine "Deutsche Lehrgemeinschaft" nach dem Vorbild der Deutschen Forschungsgemeinschaft zu gründen, die von Bund und Ländern finanziert wird. Bei der Vergabe von Drittmitteln könnten die Studierenden "als Experten für die Lehre" dann ein "halbparitätisches Mitbestimmungsrecht" wahrnehmen, meint der GEW-Hochschulexperte Andreas Keller.
An Vorschlägen, die geeignet wären, die kritische Situation insgesamt oder wenigstens teilweise zu verbessern, herrscht also kein Mangel, doch ob sich die Politik tatsächlich bereit findet, Milliardenbeträge in die Lehre und damit in eine breitere Qualitätsentwicklung des Hochschulsystems zu investieren, bleibt vorerst abzuwarten.
Das Bundesbildungsministerium kommentierte die gerade veröffentlichte Studie Entwicklung der Schwund- und Studienabbruchquoten an den deutschen Hochschulen, der zu Folge die Studienabbruchquote an Universitäten von 24 auf 20 Prozent gefallen, an den Fachhochschulen aber von 17 auf 22 Prozent gestiegen ist, jedenfalls gewohnt eigenwillig und beratungsresistent: "Bologna wirkt". Zu den Empfehlungen des Wissenschaftsrats liegt bislang überhaupt keine Stellungnahme vor.
Lange Zeit zum Überlegen und Verzögern haben die Mandatsträger diesmal allerdings nicht. Spätestens nach dem nationalen Bildungsgipfel, der am 22. Oktober stattfinden soll, werden sie einmal mehr um eine Antwort auf die drängenden Fragen gebeten werden.
http://www.heise.de/tp/artikel/28/28287/1.html- Re: Hochnäsigkeit (27.12.2010 19:33)
- Platt und platter (13.7.2008 19:07)
- nönö... is scho richtig (11.7.2008 19:17)
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